Das ist Sipgate, das Telefonieunternehmen aus Düsseldorf

Telefonie-Unternehmen aus Düsseldorf : Sipgate hat einen Chef – aber kein Chefbüro

Keine Überstunden, kaum Hierarchien, dafür Weiterbildung, so viel man will: Was für viele nach Utopie am Arbeitsplatz klingt, ist beim Telefonie-Anbieter Sipgate Realität. Geschäftsführer Tim Mois erklärt, wie das funktioniert.

Tim Mois trägt einen dunkelblauen Pullover. Gestern hatte er auch einen an und morgen wird er wieder einen tragen. Tim Mois trägt jeden Tag einen dunkelblauen Pullover und darunter ein dunkelblaues T-Shirt. „An 95 Prozent der Tage muss ich mir nur über die Wahl von Jacke und Schuhen Gedanken machen“, erklärt er. „So ist es für mich viel angenehmer.“

Mit dieser Mischung aus Unkonventionalität und Pragmatismus geht Tim nicht nur an seinen Kleiderschrank heran, sondern auch an sein Unternehmen. Sipgate bietet Telefonie-Lösungen an, vor allem Voice-over-IP, sprich: Telefonieren übers Internet. Die Firma ist zugleich strikter Verfechter des leanen und agilen Arbeitens. Das bedeutet: Statt in abgegrenzten Abteilungen finden die Mitarbeiter in funktionsübergreifenden Teams zusammen. Überstunden sind genauso streng untersagt wie einen Urlaubstag verfallen zu lassen. Fortbildungen oder zusätzliche Arbeitsutensilien dürfen sich die Mitarbeiter selbst organisieren und zwar „no questions asked - ohne Freigabeprozess“, wie Tim erklärt. Die Basis: Vertrauen in die 150 Mitarbeiter. „Das kann man lernen“, ist er sich sicher. „Wir behandeln uns gegenseitig wie erwachsene Menschen.“

Dazu gehört auch, den Mitarbeitern auf Augenhöhe zu begegnen. Hier nennt ihn niemand Herr Mois oder Chef. Für die Angestellten ist er einfach nur Tim. Und er kennt nicht nur ihre Vornamen, sondern auch ihren Haarschnitt. „Warst du beim Frisör?“, fragt er einen Mitarbeitern im Vorbeigehen und witzelt mit dem anderen über dessen zerzauste Matte: „Das sieht bei dir ja nach Bad Hair Day aus.“

Sich selbst stellt Tim nicht gern in den Vordergrund. Lieber lässt er das Unternehmen für sich sprechen. Eine Tour durch das 3500 Quadratmeter große Sipgate-Büro beginnt im Restaurant, das Frühstück und Mittagessen serviert.  „Hier kann man immer wieder mit neuen Leuten ins Gespräch kommen“, erzählt der gebürtige Düsseldorfer. „Meine Mutter kommt auch gerne zum Mittagessen vorbei.“

Die Flure des Büros ziert moderne Kunst. An einer Wand hängen Porträts aller Mitarbeiter, gezeichnet vom Künstler Cornelius Quabeck. Ein Besucher sei einmal beeindruckt gewesen, dass die Porträts der Geschäftsführer genauso groß sind, wie alle anderen. Für so ein Denken hat Tim kein Verständnis: „Was wäre ich denn für ein Mensch, wenn mein Porträt hier riesengroß rumhängen würde?“ Was man auf der Tour neben übergroßen Selbstbildnissen übrigens auch nicht findet: die Chefetage. Auch kein Chefbüro. Das gibt es nicht. Stattdessen ziehen die Geschäftsführer mit ihren Laptops durch die Gegend, lassen sich da nieder, wo es ihnen gerade gefällt.

Wenn das Wetter gut ist, wird auch der Innenhof zum Büro. Der lockt sogar mit einem eigenen Kiosk. „Hier herrscht nationaler Notstand, wenn in unserem Büdchen der Boden der Eistruhe zu sehen ist“, lacht Tim. Aber Sipgate ist nicht nur ein Ort zum Arbeiten und Eis essen. „Mein Lieblingsmoment ist es, wenn die Arbeit für mich nahtlos in den Feierabend übergeht“, erzählt Tim. Das passiert bei den diversen Abendveranstaltungen und Vorträgen, die das Unternehmen veranstaltet, automatisch. „Plötzlich hört man irgendwo Stimmen und bemerkt, wie viele Leute zu Besuch sind. Dann nimmt man sich ein Bierchen und lässt den Abend mit den Kollegen entspannt ausklingen“, schwärmt er.

Trotzdem sei eine klare Trennung von Arbeit und Freizeit für ihn elementar. Die strikte 40-Stunden-Woche gilt schließlich auch für den Chef. Was er in seiner Freizeit macht? „Was man in meinem Alter so treibt – kochen, reisen, Zeit mit der Familie verbringen“, sagt der 44-Jährige schulterzuckend, und lenkt das Thema lieber schnell wieder auf sein Unternehmen.

Sich selbst zurücknehmen, das tut Tim auch in der Entstehungsgeschichte des Unternehmens Sipgates. 1998 lernte er auf dem Campus der Heinrich-Heine-Universität Thilo Salmon kennen, der gerade das Online-Portal billiger-telefonieren.de an den Start gebracht hatte. „Zu dieser Zeit war der Telefonmarkt liberalisiert worden“, erinnert sich Tim. „Die plötzlich fallenden Preise waren ein heißes Thema.“ Er stieg in das Geschäft ein. 2004 ging aus der Unternehmung dann Sipgate hervor. Seither vergrößert sich die Firma stetig.

Tim Mois ist Geschäftsführer von Sipgate:. Foto: Anne Orthen (ort)

„Mein Erfolgsgeheimnis? Dass ich Thilo getroffen habe. Ohne ihn hätte das alles nie funktioniert“, ist Tim sich sicher und fügt lachend hinzu: „Oder vielleicht liegt es auch an meinen Haaren.“