Das Handwerk hat in Düsseldorf zu wenig Platz

Unternehmen in Düsseldorf : Das Handwerk hat zu wenig Platz

Viele Betriebe beklagen, bei der Stadtentwicklung stehe nur noch der Wohnungsbau im Fokus. Auch aus den Innenhöfen werden Handwerker verdrängt. Die Handwerkskammer will, dass Politik und Verwaltung umdenken.

Die Handwerker in Düsseldorf fühlen sich zunehmend zurückgedrängt und in der Stadtplanung zu wenig berücksichtigt. „Die Einschaltungen der Kammer aus diesem Problembereich haben in den letzten drei bis fünf Jahren klar zugenommen“, sagt der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Düsseldorf, Axel Fuhrmann. Man habe Hilfestellung geleistet bei Themen wie Lärmbeschwerden von Nachbarn, heranrückender Wohnbebauung, Standortsuche oder Mietvertragskündigungen. „Außerdem prüft die Handwerkskammer Planungen der Stadt Düsseldorf sowie der anderen Kommunen im Regierungsbezirk dahingehend, ob Handwerksbetriebe negativ durch Planungen betroffen sein könnten. Unser Eindruck ist durchaus, dass die Handwerker sich zu wenig beachtet fühlen.“

Ein relevanter Punkt ist die aktuell besonders starke Fokussierung der Stadtplaner auf den Wohnungsbau – auch in den Innenhöfen. Eine neue Studie des Instituts für Städtebau und Stadtentwicklung (ISS) der Uni Duisburg-Essen im Auftrag der Kammer kommt zu dem Schluss, die Politik in vielen Städten reagiere oftmals überstürzt auf den hohen Wohnungsbedarf: „Oft werden ohne Not alteingesessene Handwerksbetriebe aus den Innenhöfen vertrieben.“ An vormals durchmischten Standorten entstünden hochverdichtete Wohnquartiere.

Der sogenannte Innenhofatlas der Stadt soll es ermöglichen, Innenhöfe mit sogenannten „instabilen“ Nutzungen (Gewerbe oder Garagen) zu identifizieren – damit sie neu genutzt werden können. „Dies erhöht die Gefahr, dass Handwerksbetriebe in Innenhöfen sukzessive eliminiert werden“, erklären die Verfasser der Studie. Die im Atlas bemängelte „kleinteilige und oftmals abgängige“ Bebauungsstruktur biete für Handwerker aber bezahlbaren Arbeitsraum und Werkstätten.

Eine Reihe solcher Fälle fanden die Forscher in den beispielhaft von ihnen untersuchten Stadtteilen Bilk und Flingern. Aber auch im größeren Umfang entstehen dort neue Wohnungen – auf dem früheren Auto-Becker-Gelände (Karolinger Höfe) wie im Grafental, das vom Gewerbe- zum reinen Wohngebiet wird. Die Lage sei gesamtstädtisch ähnlich, sagt Fuhrmann: „Wir beobachten auch die Überplanung von Gewerbegebieten zum Beispiel in Mörsenbroich, Unterbach und Eller oder in Mischgebietslagen in Oberkassel.“ Ausweichflächen böten sich nur in Ausnahmefällen – vielmehr müssten die Handwerker fürchten, dass, wenn sie einen neuen Standort zur Miete gefunden haben, sie auch dort wieder weichen müssen. „Dies liegt meist an den Vermietern oder Projektentwicklern, die sich von der Umnutzung höhere Renditen versprechen und dann auch aktiv auf die Stadt zugehen.“

Dass das Problem auch anderswo in Düsseldorf auftritt, kann Unternehmerin Kerstin Lau bestätigen. Sie ist Mit-Inhaberin des Unternehmens Weiß Stahl- und Metallbau in Reisholz – ein Handwerksbetrieb, der Gitter, Geländer und Garagentore herstellt und montiert und wegen der großen Maschinen recht viel Platz benötigt. 2009 machten sie und ihr Mann sich erstmals auf die Suche nach einem neuen Standort, weil ihre damalige Halle in Erkrath aus allen Nähten platzte: „Eigentlich haben wir eine eigene Halle bauen wollen, ganz auf unsere eigenen Prozesse zugeschnitten.“ Dafür fand sich schon damals kein Grundstück in Düsseldorf, stattdessen das Gelände in Reisholz an der Briedestraße mit 2000-Quadratmeter-Halle. Als dort der Vermieter wechselte, habe man noch einmal einen eigenen Bau erwogen, lange gesucht, aber nichts gefunden: „Viele frühere Industrieflächen werden inzwischen zu Wohnarealen, auch im Süden von Düsseldorf“, sagt sie: etwa die Paulsmühle oder das frühere Nirosta-Gelände. „Die Studie zeigt, dass wir kein Einzelfall sind – und es geht auch kleineren Betrieben so, die weniger Flächen brauchen als wir.“ Kerstin Lau und ihr Mann haben inzwischen eine hohe Summe in die Ausstattung der gemieteten Halle investiert, für die sie nun einen Vertrag bis 2026 mit Verlängerungsoption haben. „Für uns ist das Thema damit abgehakt. Trotzdem kämpfen wir dafür, dass das Problem in den Blick rückt. Auch für nachfolgende Handwerker-Generationen.“

Für die ist es oft entscheidend, nicht in entlegene Vororte ausweichen zu müssen. „Viele Gewerke benötigen den Kontakt zur Kundschaft vor Ort, um dort als Unternehmen präsent zu sein“, sagt Axel Fuhrmann: „Manche Betriebe befinden sich seit Jahrzehnten am selben Standort und haben ein festes Kundenklientel.“ Zudem müssten Kunden noch länger auf einen Termin warten, wenn sich alle Aufträge durch lange Anfahrten in die Länge zögen. Dazu kommt, so schildert es Kerstin Lau, dass lange Anfahrtswege berechnet werden müssten: „Das kann ich meinem Kunden doch gar nicht vermitteln. Und auch zur Nachhaltigkeit und zu einer Lösung der Verkehrsprobleme trägt es nicht bei, wenn man erstmal so weit zum Kunden fahren muss.“

Die Handwerkskammer fordert, dass die Branche in der Planung eine stärkere Rolle spielen sollte als bisher, sagt Fuhrmann: „Wir erwarten einfach, dass der Oberbürgermeister, die Ratsparteien und die Verwaltung endlich erkennen, dass unsere Handwerksbetriebe durch die einseitige Fokussierung auf den Wohnungsbau auf kaltem Weg aus der Stadt vertrieben werden.“

Mehr von RP ONLINE