Das Ende nicht nur eines Kirchturms

Das Ende nicht nur eines Kirchturms

So schnell lässt sich eine über 50-jährige bewegte Geschichte nun also doch nicht dem Erdboden gleich machen. Eigentlich - so sah es der Zeitplan des Architekturbüros Schmale aus Grevenbroich vor - hätte schon sechs Tage nach dem Beginn der Abrissarbeiten am 4. April der Kirchturm der ehemaligen Hoffnungskirche in Garath Süd-West komplett abgetragen sein sollen. So schnell ging es dann doch nicht.

Wer hätte gedacht, dass der Beton, der sich bereits einige Jahre nach Fertigstellung der Kirche als minderwertig herausgestellt hatte, den Sägen der Firma Gallardo, Diamat, Bohr & Sägetechnik, aus Holthausen erstmal so viel Widerstand leisten würde?

Bis Montagnachmittag wurden immer noch einzelne Betonstücke aus dem Turm gesägt. Ab Dienstag kam ein Bagger zum Einsatz, der mit einem drachenähnlichen Greifarm Stück um Stück Geschichte aus dem Turm knabberte. Seit Donnerstag steht nur noch ein kleiner Rest von dem einst 30 Meter hohen Kirchtrum. Anfang Mai soll auf dem Gelände an der Ricarda-Huch-Straße kein Stein mehr auf dem anderen stehen, damit die Arbeiten für den Neubau des Hildegardisheims der Caritas bald starten können.

Dann wird die Hoffnungskirche in den Herzen vieler Garather nur noch eine Erinnerung sein. Vor allem eine schmerzhafte. Noch heute packt Edelgard Vahlhaus der Zorn, wenn sie davon erzählt, wie man ihr und vielen anderen Menschen am 9. Januar 2011 mit dem letzten Gottesdienst in der Hoffnungskirche die kirchliche Heimat entriss. Die Hellerhoferin hat eine neue Anlaufstelle gefunden, in der Urdenbacher Heilig-Geist-Kirche, der allerdings ein ähnliches Schicksal droht.

Und dabei fing an jenem 12. Juni 1966 an der Ricarda-Huch-Straße alles so hoffnungsvoll an, als in Garath Südwest der Grundstein der Hoffnungskirche gelegt wurde. Im Oktober 1963 war der Architektenwettbewerb für das evangelische Gemeindezentrum ausgeschrieben worden. Im Juni 1964 entschied sich das Preisgericht für den Entwurf des Diplom-Ingenieurs Konrad Beckmann. Viele Jahre später schrieb der Garather Pfarrer Hans-Werner Grebenstein über den Bau der Hoffnungskirche: "Ich weiß noch, dass die Zeit des Bauens und der Einweihung eine Zeit des Umbruchs war und dass in dieser Zeit das Wort Hoffnung in Theologie und Philosophie Konjunktur hatte."

Ihre erste Kirche, deren Einweihung am 27. Juni 1965 war, hatten die Garather nach dem von den Nazis ermordeten Pfarrer Dietrich Bonhoeffer genannt. Sie war der letzte rein sakrale Kirchbau der Landeskirche - und dabei für heutige Verhältnisse überdimensioniert und mit fest montierten Sitzbänken. Bereits die Hoffnungskirche wurde als Mehrzweckgemeindezentrum konzipiert, das die Gemeinde schnell mit Leben füllte.

Bei einem hitzigen Diskussionsabend Ende Juni 2010, drei Monate nachdem das Presbyterium verkündet hatte, dass die Hoffnungskirche aus Sparzwängen geschlossen werden soll, hatte die damalige Pfarrerin Corinna Clasen diesen bemerkenswerten Satz gesagt: Der Kreissynodalvorstand habe die Gemeinde angewiesen, die Bonhoeffer-Kirche nicht anzutasten. Andere Stimmen machten hingegen die Besetzung des Presbyteriums für die Entscheidung verantwortlich. Die Mehrheit sei aus Hellerhof und Garath West gewesen und das Gremium habe sich deswegen gegen die Hoffnungskirche entschieden. Dahinter steht jedoch nicht alleine eine geografische Zuordnung, sondern zwei unterschiedliche Kirchenbilder. Das eine traditionell und konservativ. Das andere fortschrittlich, modern, sympathisierend mit der Friedensbewegung, das genau in diesen Mehrzweckkomplex in Garath Südwest passte.

In der offiziellen Stellungnahme der Gemeinde zu der Entscheidung gegen die Hoffnungskirche waren die Standort- und Gebäudevorteile der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche angeführt worden: Dort könnten bis zu 300 Menschen gemeinsam und mit Orgelbegleitung Gottesdienste feiern. Die Hoffnungskirche sei zu klein, eine Baustelle und sanierungsbedürftig.

Inzwischen sind acht Jahre vergangen, seit die Gemeinde die Entscheidung öffentlich gemacht hat. Doch für Gerda Bartels vergeht kaum ein Tag, an dem sie diese nicht bedauert. Seit den Anfängen hat sie sich in der Hoffnungskirche aktiv eingebracht. Im nächsten Jahr wird sie 90, wenn die Gesundheit weiter so mitspielt. "Den Geburtstag kann ich dann ja vielleicht im Café des neues Hildegardisheimes feiern", sagt sie zu Albrecht Suhl (72) und Ingrid Schmidt (83), wie sie langjährige Ehrenamtler in der Hoffnungskirchen-Gemeinde. Der Ersatzbau des Seniorenheims der Caritas - das ein paar Meter entfernt liegende Gebäude entspricht nicht mehr den neuen gesetzlichen Vorgaben für ein Altenheim - soll nämlich schon im Herbst 2019 bezogen werden.

Was Gerda Bartels nicht ausspricht, aber jeder an ihrem traurigen Gesichtsausdruck ablesen kann, ist dieser Satz: "Wie schön wäre es gewesen, meinen 90. in dem Saal der Hoffnungskirche mit Euch zu feiern." Denn die Ehrenamtler dort waren eine verschworene Gemeinschaft - vielleicht dem einen oder anderen zu verschworen, sagen sie. "Natürlich haben wir in unserem Saal auch Geburtstage gefeiert", erzählt Albrecht Suhl, der sich im so genannten Familienkreis engagierte. Der stellte unglaublich viele Aktivitäten auf die Beine: Kino-Vorführungen, Nostalgiecafé, den Cineclub, Kulturveranstaltungen und, und, und. Ihre Hoffnungskirche sei das belebteste Garather Gemeindehaus gewesen, sagen sie unisono.

Doch waren die Veranstaltungen nicht Selbstzweck. "Café und Filmvorführungen waren sonntagnachmittags, weil dieser Tag für alleinstehende Menschen der Tag ist, der kaum rumzugehen scheint", erzählt Edelgard Vahlhaus von damals. Ein weiterer Vorteil: Viele Besucher dieser weltlichen Aktivitäten blieben gleich bis zum Gottesdienst um 18 Uhr. In der Hoffnungskirche wurde getauft, geheiratet, konfirmiert und der Toten gedacht.

  • Abriss : Das Ende eines Kirchturms
  • Garath : Abbau des Kirchturms hat begonnen

Edelgard Vahlhaus kann sich immer noch gut daran erinnern, wie und wann sie von der Schließung erfahren hat. Vor allem das "Wie" hat sie den Verantwortlichen bis heute nicht verziehen. "Wir hatten in der Hoffnungskirche Ende März 2010 einen Taizé-Gottesdienst mit anschließender Präsentation unserer Kunstaktion 'Gegen die Angst vor dem Tod'", berichtet die ehemalige Leiterin der städtischen Kita an der Dresdner Straße. Sie hatte damals die Kirchen-Kulturgruppe und auch das Nostalgiecafé aus der Taufe gehoben. In dieser Veranstaltung sei für alle völlig überraschend ein Mitglied des Presbyteriums vor die Gemeinde getreten und habe die Schließung der Hoffnungskirche verkündet. Ein Schock. "Ich habe viele Menschen weinen sehen", sagt Vahlberg.

Dass es wirklich einmal so kommen würde und die Garather Gemeinde eine Kirche aufgibt, haben sie alle nicht geglaubt, obwohl schon im Jahr 2000 die ersten Schließungsgerüchte hochkochten. 1996 trennte sich die evangelische Gemeinde bereits aus Kostengründen vom Martin-Luther-King-Haus. Doch das reichte nicht aus, um aus den Miesen zu kommen. Im April 2001 offenbarte das Presbyterium ein Finanzloch in Höhe von 440.000 Mark, die Mitgliederzahlen hatten sich seit den 1980er Jahren auf knapp 6000 halbiert. Der demografische Wandel war ein Grund.

Als Reaktion auf die ersten Hinweise, dass von den Sparmaßnahmen die Hoffnungskirche betroffen sein könnte, gründete sich im August 2001 die Initiative "Hoffnung für die Hoffnungskirche", der sowohl Gerda Bartels als auch Ingrid Schmidt angehörten. Immer freitags traf man sich zu Mahnwachen an der Ricarda-Huch-Straße. Auch der langjährige Hoffnungskirchenpfarrer Friedhelm Meyer kämpfte aus dem Ruhestand für den Erhalt der Kirche in Garath Südwest.

Und dann gab es tatsächlich einen Hoffnungsschimmer: Ein Teil der Gemeindezentrums sollte durch ein Mütterzentrum genutzt werden. Hell-Ga (der Name steht übrigens für Hellerhof und Garath) gründete sichaus der Initiative heraus und wurde zu einer Erfolgsgeschichte. Deren Initiatorinnen schlossen einen bis 2020 laufenden Mietvertrag mit der Gemeinde über die Hälfte der Gemeindezentrumsfläche. 2008 nahm das Mehrgenerationenhaus seinen Betrieb auf. Während der heiß geführten Schließungsdebatte 2010 entzündete sich der Streit darüber, ob die Gemeinde Hell-Ga zugesagt hatte, den gesamten Komplex umfassend zu sanieren. Später hieß es, dass die Sanierungszusage nur eine mündliche Absichtserklärung des Presbyteriums gewesen sei.

Aber das Wichtigste für alle Ehrenamtler war 2008 zunächst einmal: Ihre Hoffnungskirche schien gerettet. Doch die Finanznot der Gemeinde wurde immer größer. Und so wurde an jenem Tag Ende März 2010 die vom Presbyterium beschlossenen Sparmaßnahmen verkündet: die Übergabe des Anne Frank-Hauses in die Trägerschaft des evangelischen Jugendreferates im Kirchenkreis Düsseldorf und die Schließung der Hoffnungskirche.

Niemals hatten Gerda Bartels, Albrecht Suhl, Ingrid Schmidt, Erika Vahlhaus oder all die anderen Ehrenamtler damit gerechnet, dass es ihre lebendige Kirche treffen würde: "Die Bonhoeffer-Kirche ist noch nicht einmal barrierefrei", gibt Gerda Bartels zu bedenken. "Und kalt ist es da auch", führt Albrecht Suhl an. Noch heute können sie nicht verstehen, dass sie bei dem Prozess nicht mitgenommen, sondern vor vollendete Tatsachen gestellt wurden. Das widerspricht für sie allen christlichen Werten. "Wir sind entwurzelt worden", sagt Albrecht Suhl nachdenklich.

Die hohen Heizkosten war eines der Argumente, die aus Sicht des Presbyteriums gegen die Hoffnungskirche sprach. Und der minderwertige Beton. Bereits 1982 standen Sanierungsmaßnahmen an - die säurehaltige Luft hatte die Oberfläche so stark angegriffen, dass die Armierungen sichtbar geworden waren. 95.000 Mark kosteten die Arbeiten mit Kunstharz und Spezialfarbe. Diese wurden kombiniert mit einer Gestaltung des Kirchturms.

Mit der Arbeit wurde der Garather Künstler Hans Albert Walter beauftragt, der seine Konzeption so beschrieb: "Solange ich in Garath lebe - und das ist von Anbeginn - weist mir der Turm der Hoffnungskirche irgendwie den Weg. Es stimmt mich trotzdem traurig, dass da so viel Beton verbaut wurde. Beton ist nicht sehr tröstlich, insbesondere nicht in einer Stadt wie Garath, die auf dem Reißbrett entstanden ist, in einem Tempo ohnegleichen. Ich war damals beim ersten Spatenstich und als der Grundstein gelegt wurde und ich sah ihn wachsen - unseren Turm." Schrumpfen sehen musste ihn der Künstler nicht mehr. Walter starb 2005. Bei der Gestaltung des Turms knüpfte er an seine Skulptur "Countdown" mit seinen zehn Farbstufen an, die vor der Freizeitstätte steht. Diesen Countdown übertrug er auf den Kirchturm: Der Blick des Betrachters sollte vom Dunkel zum Licht und in die Unendlichkeit geführt werden. Zwölf Farbstufen waren es: von Schwarz bis zum Weiß.

Diese Farbschattierungen waren zuletzt kaum noch auszumachen. Nach jenem letzten Gottesdienst im Januar 2011 wurde der nicht von Hell-Ga genutzte Teil des Gemeindezentrums samt Glockenturm in den Dornröschenschlaf versetzt. Die evangelische Gemeinde suchte einen Käufer, verprellte dabei den Verein SOS Kinderdorf; der das Mehrgenerationenhaus Hell-Ga an gleicher Stelle in einen Neubau integrieren wollte. Auch das nehmen viele Mitstreiter für den Erhalt der Hoffnungskirche den handelnden Personen übel: Im zweiten Anlauf hätte man alle ein stückweit mit dem, was 2011 entschieden wurde, versöhnen können. Frei nach dem Dietrich-Bonhoeffer-Zitat: "Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist." Stattdessen entschied sich das Presbyterium für die Caritas. Hell-Ga wird nun neu an der Carl-Severing-Straße von SOS gebaut. Der Rest ist Geschichte.

(rö)
Mehr von RP ONLINE