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Darum fühlen die Protestanten den Düsseldorfer Bürgern auf den Zahn

Evangelische Kirche in Düsseldorf : Darum fühlen die Protestanten den Düsseldorfer Bürgern auf den Zahn

In der Johanneskirche präsentierte der evangelische Kirchenkreis am Reformationstag ein 150 Seiten starkes Gutachten. 171 Bürger haben Forderungen an Kirche und Stadt formuliert. Welche Erwartungen sie jenseits von bezahlbarem Wohnraum und einer autofreien Innenstadt sonst noch haben.

Ein besseres Datum für die Veröffentlichung des vor zwei Jahren begonnenen Bürgergutachtens hätte die evangelische Kirche kaum wählen können. Am Reformationstag, der dem Thesenanschlag Martin Luthers gedenkt, wurde das rund 150 Seiten starke Werk in der Johanneskirche präsentiert. Gut 500 Jahre nach dem Reformator sind es dieses Mal 171 zufällig ausgewählte Düsseldorfer zwischen 14 und 81 Jahren, die mit ihren Thesen zur Rolle von „Glauben in der Stadt“ der evangelischen Kirche und der Landeshauptstadt den Spiegel vorhalten. Ein faktenreiches Mammutwerk, dessen Aufarbeitung Monate in Anspruch nehmen wird. Es dokumentiert die Erwartungen von religiösen und nicht-religiösen Bürgern an die Kirche und an ihre Stadt. Der Bogen der in vielen Workshops („Planungszellen“) erarbeiteten Themen reicht von neuer Spiritualität in der Seelsorge über die Armutsfrage und den bezahlbaren Wohnraum bis hin zur Hoffnung auf eine autofreie Innenstadt. Spannende Themen auch für Oberbürgermeister Stephan Keller (CDU). Er hatte die Schirmherrschaft über das Projekt übernommen und war nicht nur zum Zuhören an den Martin-Luther-Platz gekommen. Moderiert von Helene Pawlitzki nahm er im Zwiegespräch mit Superintendent Heinrich Fucks Stellung zu den möglichen Lehren aus dem Bürgerdialog. Dabei machte er beim Thema bezahlbarer Wohnraum deutlich, dass die Wege zu einer guten Lösung umstritten bleiben werden. Der aus einer profilierten religiösen Sicht formulierte Wunsch, den Wohnungsmarkt mehr zu regulieren oder die Innenstadt autofrei zu machen, stärke in einem guten Sinne die Motivation für eine klare politische Debatte. „Eine denkbare Position kann aber auch sein, dass am Ende eher weniger Regulierung zur Lösung des Wohnungsproblems beiträgt“, sagte Keller. Und auch bei der autofreien City sei klar, dass verschiedene Wege zum Ziel führen können. Einig sei man sich mit Blick aufs das Klima darüber, rascher und dringender einen nachhaltigeren Lebensstil umsetzen zu müssen. „Aber es gibt bei diesen komplexen Fragen nicht das eine Richtige oder Falsche.“

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Angetan von der Bereitschaft der Kirche, sich mit dem Lebensgefühl und den Erwartungen sämtlicher Bürger derart intensiv auseinanderzusetzen, zeigten sich in der Johanneskirche auch diejenigen, die das Gutachten erarbeitet haben. Sie waren über städtische und kirchliche Melderegister zufällig ausgewählt und angeschrieben worden. Volker Erb, der für den Vertrieb eines ungarischen Chemieunternehmes arbeitet, nannte die mehrtägigen Treffen, die coronabedingt digital stattfanden, eine große Bereicherung. Und Birgit Rohe stellte fest: „Ich fahre jetzt mit einem anderen Blick durch Düsseldorf und habe viel besser verstanden, wo überall Kirche präsent ist und wo sie noch präsenter werden muss.“

Wissenschaftlich begleitet wurde das Gutachten vom Wuppertaler Institut für Demokratie- und Partizipationsforschung. Dessen Leiter Hans J. Lietzmann („meist setzen wir solche Vorhaben mit Ministerien, Parlamenten und Kommunen um“) lobte das außergewöhnliche Engagement des Düsseldorfer Kirchenkreises. „Das hier ist das mit Abstand größte Verfahren in den vergangenen 25 Jahren“, sagte er.

Erstmals breiter diskutiert wird das Bürgergutachten auf der Düsseldorfer Kirchensynode am 20. November. „Danach geht es in die Presbyterien und in die Gemeinden. Im kommenden Mai werden wir dann darüber diskutieren, wie wir konkrete Schlussfolgerungen ziehen und umsetzen“, sagte Superintendent Fucks.

(jj)