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Analyse: Daimlerwerk kann ohne VW auskommen

Analyse : Daimlerwerk kann ohne VW auskommen

In knapp 30 Monaten endet die Kooperation von Daimler und VW. Zurzeit arbeiten die Konzerne beim Bau von Nutzfahrzeugen zusammen. So läuft im Sprinterwerk in Derendorf auch der Volkswagen Crafter vom Band. Jeder vierte Wagen trägt ein VW-Logo.

Vielen Bürgern ist es nicht bewusst, aber Düsseldorf ist auch eine Volkswagen-Stadt. Mehr als 40 000 VW-Fahrzeuge laufen in der NRW-Landeshauptstadt pro Jahr vom Band. Doch es ist nicht der jedermann geläufige Golf oder Passat, der Düsseldorf als Heimat hat. Es ist der Crafter, ein Lieferwagen. Gebaut wird er bei VWs größtem Konkurrenten Daimler, und zwar im ostdeutschen Ludwigsfelde (Fahrzeuge mit Pritsche oder Aufbau) und vor allem im Daimler-Werk in Düsseldorf. Er ist der Zwillingsbruder des Mercedes Sprinter. Bis auf den Kühlergrill sind die beiden Transporter weitgehend identisch. Schon 1996 entwickelten Daimler und VW den ersten Sprinter und sein Pendant LT gemeinsam. Die zweite Generation des Fahrzeugs wurde dann komplett bei Daimler gebaut.

Doch die Ehe der Wolfsburger mit den Stuttgartern wird bald geschieden. Vor knapp einem Jahr kündigte Daimler an, den Vertrag mit VW auslaufen zu lassen. Am 31. Dezember 2016 läuft der letzte Crafter in Düsseldorf vom Band. Langwierige Verhandlungen über eine weitere Zusammenarbeit sind gescheitert. Zuerst gab es Gerüchte, VW baue seinen Crafter bald bei der Nutzfahrzeugtochter MAN, bei Scania oder bei einem neuen Kooperationspartner. Doch das alles waren tatsächlich nur Gerüchte. Für den Nachfolger des Crafter wird zurzeit ein neues Werk in der Nähe von Posen in Polen gebaut, wie ein VW-Sprecher bestätigte.

Bei Daimler legt man Wert darauf, dass man nicht von VW verlassen wurde, sondern dass man die Kapazitäten selbst brauche. Ist das nun Wahrheit oder eine Notlüge? Zurzeit macht der Crafter 25 Prozent der Düsseldorfer Daimler-Produktion aus. 40 000 VW werden in Derendorf pro Jahr gebaut. Nach 2016 müsste also ein Drittel mehr an Sprintern gebaut werden, um das Werk voll auszulasten. Und vieles deutet darauf hin, dass die Kapazitätsnotwendigkeit keine Notlüge ist. "Der Sprinterabsatz ist im ersten Quartal um 19 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen, im zweiten Quartal um 15 Prozent", sagte Daimler-Werksleiter Martin Kelterer gestern im RP-Interview. Dabei arbeitet das Werk dieses Jahr auf Hochtouren. "Wir haben ein Allzeithoch bei der Produktion", sagt Kelterer. In zwei Wochen sollen wieder 725 Fahrzeuge pro Tag gebaut werden, das ist die Kapazitätsgrenze, mit Sonderschichten am Freitag und am Samstag. Gerade werden zwar täglich nur 512 Autos gefertigt, das ist aber nur den Werksferien geschuldet.

Und der Markt für Sprinter und seine Konkurrenten Crafter, Master und Co. wächst weiter. Allein in die USA wurde im ersten Halbjahr laut einem Mercedes-Sprecher ein Fünftel mehr an Sprintern ausgeliefert. Dass die Nachfrage ungebrochen ist, liegt vor allem am rasanten Wachstum des Internet-Versandhandels. Die Paketdienste setzen immer stärker auf Fahrzeuge wie den Sprinter, um Schuhe oder Bücher an private Haushalte zu liefern. "Wir gehen davon aus, dass wir die VW-Kapazitäten bis 2017 selbst brauchen", sagt Kelterer.

Doch das geht nur auf, wenn die Konjunktur weiter in Fahrt bleibt, in Deutschland und vor allem in den USA. Für den Fall, dass das Daimler-Werk nicht mehr wie heute ausgelastet sein sollte, zeigt man sich bei Daimler gerüstet. "Die Zeiten sind gut, und wir können uns gerade sprichwörtlich gesagt Speck für die Zukunft anfressen", sagt Werksleiter Kelterer. Außerdem habe man flexible Arbeitszeitmodelle.

Im Falle einer Unterauslastung des Werks könnte auch die schon einmal diskutierte Zusammenarbeit mit Renault wieder belebt werden. Die Franzosen bauen mit dem Master einen Sprinter-Konkurrenten. Beim Kleintransporter Merceds Citan setzt man schon auf einen Lizenzbau des Renault Kangoo. Aktuell sei ein Renault "Made in Düsseldorf" kein Thema. "Sondierungsgespräche mit Renault werden aber laufend geführt", so Kelterer.

(RP)