Düsseldorf: Daimlers Mitarbeiter mit besonderem Profil

Düsseldorf: Daimlers Mitarbeiter mit besonderem Profil

92 Gehörlose arbeiten im Mercedes Werk, sie gelten als konzentriert und beweisen, dass Behinderung nicht geringe Leistung bedeutet.

Es ist laut, richtig laut! Wenn in der Rohbauhalle des Düsseldorfer Mercedeswerks die neue Sprintergeneration vom Einzelteil zum fertigen Transporter zusammenwächst, ist das nun mal mit Lärm verbunden. Hier wird geschweißt, dass die Funken fliegen und der Schallpegel steigt. Linus Schwager bleibt davon unbeeinträchtigt, von all dem Krach um ihn herum kriegt er nichts mit. Denn der 47-jährige Schweißer ist gehörlos. Wie 91 weitere Mercedes-Mitarbeiter, die zwar Unterstützung brauchen, deren Arbeit andererseits aber besonders geschätzt wird. Denn: In völliger Stille stört nichts die Konzentration.

Er hat schon viele Jobs auf Zeit gehabt, zwischendurch war er immer wieder arbeitslos. Auch bei Mercedes hat Linus Schwager vor knapp acht Jahren mit einem befristeten Arbeitsverhältnis begonnen, "aber dann hat sein Meister sich ganz schnell dafür eingesetzt, dass er einen festen Vertrag bekam", übersetzt Josef-Franz Krettek, Vertrauensperson für Schwerbehinderte im Düsseldorfer Werk, was Linus Schwager mit flinken Fingern in der Gebärdensprache ausdrückt. Offensichtlich hatte er mit seiner Arbeit schnell bewiesen, dass eine Behinderung eben nicht gleichzusetzen ist mit reduzierter Leistungsfähigkeit.
Problemlos ist der Alltag der Gehörlosen im Werk nicht. Und auch nicht ungefährlich. Hier geht es oft um Millimeterarbeit, da kann leicht mal was daneben gehen, wenn sich Kollegen eben nicht schnell was zurufen oder vor einer Gefahr warnen können. Denn in der Produktion werden Roboter eingesetzt oder Elektrostapler, deren Geräusche für einen Gehörlosen nicht existieren.

Sinan Cetinkaya ist noch dabei, sich an diese neue Welt zu gewöhnen. Der 18-Jährige hat im September seine Ausbildung zum Fertigungsmechaniker begonnen und berichtet strahlend, dass dies seine erste Bewerbung war und gleich geklappt hat. Anders als bei seinen gehörlosen Mitschülern, "die wegen der Behinderung alle nur Absagen bekommen." Inzwischen hat er seine ersten Metallteile nach Maß gefeilt. "Aber es ist anstrengend, meine Kollegen zu verstehen", denn alle reden so schnell, dass er kaum von den Lippen ablesen kann. Ein Gewöhnungsprozess für beide Seiten.

Unterstützt wird diese Phase von einem speziellen Team: der werkseigenen Schwerbehindertenvertretung, zu der Josef-Franz Krettek gehört. Er und seine Kollegen helfen, beraten und bilden das Verbindungsglied zur Arbeitsagentur, zu Berufsgenossenschaften oder Versorgungsämtern. Und da er die Gebärdensprache beherrscht, hilft Krettek auch der Kommunikation auf die Sprünge, wenn es mal hakt und gerade kein professioneller Übersetzer da ist. Die werden meist nur dann engagiert, wenn Mitarbeiterschulungen auf dem Terminplan stehen. Bei den alltäglichen Gruppengesprächen muss es meist ohne sie gehen. "Und das klappt mal mehr, mal weniger gut", meint der gehörlose Fertigungsmechaniker Patrick Klein, der bedauert, dass eben manche Information nicht richtig bei ihm landet. Aber meistens würde sein Meister ihm hinterher alles noch mal langsam erklären oder aufschreiben. Für den 21-Jährigen ist das Mercedeswerk so was wie ein Familienbetrieb: Sein Vater arbeitet hier und seine Schwester hat hier ebenfalls ihre Ausbildung absolviert — beide sind gehörlos. Am Anfang hätten seine Kollegen ihn oft unterstützen müssen, "heute fragen sie umgekehrt mich manchmal, wie etwas geht", berichtet der selbstbewusst.

Fast neun Prozent aller Mercedes-Mitarbeiter sind schwerbehindert. Die vorgeschriebene Quote von fünf Prozent wird weit überschritten, deshalb gilt das Unternehmen als vorbildlich. Auch durch seine betrieblichen Verbesserungen. So wurden für Gehörlose Bildtelefone angeschafft oder Handys, die vibrieren, statt zu klingeln und SMS transportieren: "Komm ins Meisterbüro!" Mit Fördermitteln des Landschaftsverbandes wurden außerdem spezielle Maschinen finanziert, bei denen Warnlampen blinken, wenn etwas nicht funktioniert.
Das alles trägt dazu bei, dass Gehörlose hier eine Arbeit leisten, die von ihren Vorgesetzten besonders geschätzt wird. Denn sie gelten als hoch motivierte, präzis und schnell arbeitende Mitarbeiter. "Wir quatschen halt nicht mit den Kollegen", lässt Linus Schwager lächelnd übersetzen. Einen Wunsch haben sie allerdings alle: dass mehr Kollegen Grundzüge der Gebärdensprache erlernen. Damit es noch besser klappt mit der Kommunikation ohne Sprache.

(cwo)
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