Viele Fälle in Düsseldorf: Wie die Polizei Unfallfluchten aufklärt

Viele Fälle in Düsseldorf : Wie die Polizei Unfallfluchten aufklärt

Jedes Jahr steigt die Zahl der Unfälle – und die Zahl der Unfallfluchten. Wer sind die Täter und wie kommt ihnen die Polizei auf die Spur? Der Chef des Düsseldorfer Verkehrskommissariats 1 gibt Antworten.

Einmal pro Werktag wird in Düsseldorf ein Mensch bei einem Unfall verletzt und der Unfallverursacher flieht – im Schnitt. Für Gundolf de Riese-Meyer, den Leiter des Verkehrskommissariats 1 der Düsseldorfer Polizei, ist das unverständlich. „Ich finde es schon verwerflich, wenn jemand einen Unfall hat und sich wissentlich entfernt“, sagt er. „Aber besonders verwerflich finde ich es, wenn dabei Personen zu Schaden gekommen sind.“

De Riese-Meyer und sein Team sind dafür verantwortlich, Unfallhergänge zu ermitteln. Dafür bedienen sie sich komplexer Technik. So werden Unfallorte beispielsweise mit 3D-Kameras abfotografiert. Am Computer kann der Ort hinterher virtuell begangen werden, der Unfallhergang wird dann mit den Originalmaßen der Fahrzeuge nachgestellt und beispielsweise überprüft, ob die Aussagen von Zeugen plausibel sind.

Was ist ein Verkehrsunfall – und was eine Unfallflucht?

Laut Strafgesetzbuch muss ein Bezug zum Straßenverkehr gegeben sein. Fraglich ist das häufig bei Unfällen in privaten Parkhäusern. Außerdem muss für einen Unfall ein Schaden entstehen – und zwar kein vollkommen unerheblicher. „Wenn jemand nur einen kleinen Kratzer oder blauen Fleck hat, würde ich nicht von einem körperlichen Personenschaden sprechen“, sagt de Riese-Meyer.

Gleiches gilt für Sachschäden. Faustregel: Wenn ein Schaden entsteht, der für unter 50 Euro behebbar ist, ist nicht von einem Unfall im Sinne des Verkehrsrechts auszugehen. Aber: „Wie groß der Schaden ist, sieht man oft nicht sofort“, sagt de Riese-Meyer. Er rät dazu, im Zweifel immer die Polizei anzurufen. Denn jedes Entfernen vom Unfallort – egal wie klein der Schaden – ist eine Unfallflucht. Jedenfalls dann, wenn man damit verhindert, dass der Unfall ordnungsgemäß aufgenommen wird. Die Konsequenz laut Strafgesetzbuch: Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe.

Warum steigt die Zahl der Unfallfluchten?

Jedes Jahr registriert die Polizei etwa ein Prozent mehr Fälle als im Vorjahr. Woran liegt das? Laut Gundolf de Riese-Meyer gibt es dafür mehrere Faktoren. Zum einen steigt die Zahl der Unfälle in Düsseldorf insgesamt – dementsprechend gibt es auch mehr Unfallfluchten. „Die Bevölkerung in Düsseldorf wächst und mit ihr auch die Zahl der Autos“, sagt er. Was nicht mitwachse, sei die Infrastruktur. Straßen und Parkhäuser seien außerdem nicht auf die immer breiter werdenden Fahrzeuge ausgelegt. Weiterer Grund: „Die Menschen zeigen ein anderes Anzeigeverhalten als früher“, sagt der Polizeibeamte. „Meiner Meinung nach auch deshalb, weil immer mehr Dienst- und Leasingfahrzeuge unterwegs sind.“

Wieso kommt es zu Unfallfluchten und wer sind die Täter?

Beim Einparken nicht rechtzeitig gebremst, schon hat man den Hintermann touchiert. Das kennen die meisten Autofahrer wahrscheinlich. „Wir leben ein eng getaktetes Leben“, sagt de Riese-Meyer. „Viele Menschen denken nicht, dass sie die Zeit haben, 30 Minuten auf einen Polizisten zu warten, der den Unfall aufnimmt.“ Das sei aber falsch. „Wie würde man sich selbst fühlen, wenn man zu seinem beschädigten Auto zurückkommt und der Unfallverursacher ist weg?“

Viel schwerwiegender sind die Fälle, in denen Autofahrer einen Fußgänger oder Fahrradfahrer anfahren und verschwinden. „Die Leute rutschen da irgendwie rein“, hat de Riese-Meyer beobachtet. „Sie sind in dem Moment unfähig, mit der Situation umzugehen. Anschließend ist es ihnen dann total peinlich.“

Das Problem: Vor dem Gesetz beweist man mit einer Unfallflucht die „charakterliche Ungeeignetheit zum Führen eines Kraftfahrzeugs.“ Unfallflüchtige seien ganz normale Leute, sagt de Riese-Meyer. Einer Bachelorarbeit zufolge begehen eher Männer als Frauen das Delikt. Ansonsten sind die Täter in allen Schichten der Gesellschaft zu finden.

Warum gibt es vorgetäusche Unfallfluchten?

Immer öfter melden sich Menschen bei der Polizei und behaupten, jemand habe ihr Auto beschädigt, als sie nicht da waren. In Wirklichkeit sind sie selbst gegen einen Poller gefahren. „Nach dem Tennis trinkt einer zwei Bierchen, fährt dann den Firmenwagen irgendwo gegen und denkt sich am nächsten Tag: Rufe ich doch mal die Polizei“, sagt de Riese-Meyer.

Gelegentlich erzählen auch Familienmitglieder zu Hause nicht, dass unterwegs etwas passiert ist. „Neulich kam ein Mann mit einem Schaden auf der Beifahrerseite in die Wache Wersten“, erzählt der Polizist. „Die Kollegen haben gleich gesehen: Das ist kein üblicher Unfallschaden.“ Am Ende stellte sich heraus: Die Ehefrau des Mannes hatte auf einem Supermarktparkplatz das eigene Auto beschädigt. Die Verkehrsunfallspezialisten erkennen meist schnell, ob die Geschichte des Geschädigten zum Schaden passt. Im Zweifelsfall untersuchen sie Farben und Lacke von der Schadstelle mit dem Mikroskop oder im Labor. Wandfarbe und Autolack lassen sich leicht unterscheiden.

Wie ermittelt die Polizei bei einem Unfall?

Einfache Verkehrsunfälle nimmt der normale Wachdienst auf. Bei Spezialfällen wie Unfälle mit Schwerverletzten oder Toten, Kindern oder unter Beteiligung von Polizeibeamten ermitteln Beamte des zwölfköpfigen Unfallaufnahme-Teams. Das ist 24 Stunden in Bereitschaft. „Die meisten schwerwiegenden Unfälle passieren aber ohnehin tagsüber“, sagt Chef Gundolf de Riese-Meyer. Wichtig ist vor allem die Dokumentation: Die Spezialisten machen Skizzen vom Unfallort, nehmen Zeugenaussagen auf und machen Fotos. Mit Spurensicherungsfolien werden Proben entnommen.

Das Landeskriminalamt kann anhand von Lacksplittern Rückschlüsse auf den Fahrzeugtyp ziehen. Aus 3D-Aufnahmen werden virtuell begehbare Unfallorte erstellt. Zur Aufklärung von Unfallfluchten sind Zeugenaussagen natürlich besonders wichtig. Deshalb ist die Aufklärungsquote bei Unfallfluchten mit Personenschaden auch deutlich höher als bei Blechschäden auf dem Parkplatz. Das Unfallaufnahme-Team geht aber auch zeitintensive Wege, um Unfallflüchtige zu fassen. De Riese-Meyer: „Es kann zum Beispiel sinnvoll sein, sich mal zur gleichen Zeit am gleichen Wochentag an die Unfallstelle zu stellen. Vielleicht kommt ja der blaue Kastenwagen, der beobachtet wurde, auch wieder vorbei.“

Wie verhält man sich richtig nach einem Unfall?

Nachdem man das eigene Fahrzeug abgestellt und die Handbremse gezogen hat, sollte man sich vergewissern, dass es den anderen Unfallbeteiligten gut geht. Dann sollte man die Polizei anrufen. Bei geringfügigen Unfällen sollte man die Straße frei machen, falls man sie blockiert. Vorher aber unbedingt Fotos von der Situation machen.

Bei schwereren Unfällen lieber stehen bleiben, bis die Einsatzkräfte da sind. Eine Unfallsituation ist für viele Menschen ein Schock. Er verstehe es, wenn man nach einem Unfall nicht direkt anhalte, sondern erst noch hundert Meter weiter rolle, sagt Gundolf de Riese-Meyer. „Aber irgendwann muss man die Kurve kriegen und rechts ranfahren.“

Hier geht es zur Bilderstrecke: So wertet die Polizei Unfall-Fotos aus

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