Telefon-Trickbetrüger in Düsseldorf: Falsche Polizisten mit neuer Masche

Telefon-Trickbetrüger in Düsseldorf : Falsche Polizisten mit neuer Masche

Sie rufen Senioren an, setzen sie unter Druck, pressen ihnen Bargeld und Schmuck ab: Sogenannte 110-Betrüger werden immer dreister. Doch mit jedem Fall lernen die Fahnder mehr über die Maschen der Täter.

SäM-ÜT – das ist Polizeisprech für Straftaten zum Schaden älterer Menschen mit überregionaler Tatausführung. Zur Zeit häufigste Spielart: Banden, die von der Türkei aus operieren, rufen Senioren an, geben sich als Polizisten aus, überreden ihre Opfer, einem Mittelsmann Bargeld und Schmuck auszuhändigen. Immer wieder werden Täter festgenommen – an die Hintermänner zu kommen ist aber schwierig. Und die Betrüger ändern regelmäßig ihre Masche. „Es ist wie ein Spiel“, sagt Kommissariatsleiter Markus Gerhards. „Welche Seite liegt vorne?“ Mit jedem Fall lernen die Ermittler mehr über die Tricks der Betrüger.

Neue Details bei der Tatausführung

110 war gestern. Die sogenannten 110-Betrüger rufen mittlerweile mit unterdrückter Nummer an, durch technische Tricks auch mit Düsseldorfer Vorwahl oder direkt mit der 0211-870 der Polizei plus erfundener Durchwahl. Dass nicht 110 im Display steht, wenn die echte Polizei anruft, hat sich in der Bevölkerung herumgesprochen. Die Betrüger melden sich oft spät abends, um Opfer auf dem falschen Fuß zu erwischen. Mit geschickter Dramaturgie und konkreten Infos (voller Name des Opfers, Straßennamen der Umgebung) versuchen sie, ältere Menschen von der Echtheit der Lage zu überzeugen.

Zweifelt jemand daran, dass am anderen Ende ein Polizist sitzt, werden Aufnahmen von Funksprüchen eingespielt. Oder die Betrüger erklären: „Wenn Sie unsicher sind, dann lege ich jetzt auf. Sie hören gleich drei Pieptöne – danach können Sie die Polizei anrufen und nach mir fragen.“ In Wirklichkeit legen die Betrüger nicht auf, sondern spielen nur Piep- und Wähltöne ein. Dem Opfer wird der Anruf bei der Polizei danach komplett vorgespielt.

Die Logistik der Callcenter

Nach den Erkenntnissen der Ermittler sitzen die Drahtzieher so gut wie immer in der Türkei. Dort betreiben sie Callcenter, die auch legale Anrufe durchführen. Die gleichen Telefonlisten wie für Gewinnspiele oder Werbeanrufe werden auch für 110-Betrug verwendet. Die Masse macht’s: Die Betrüger rufen alle Menschen an, deren Namen ihr hohes Lebensalter verraten. Wirkt jemand misstrauisch, legen die Betrüger sofort auf. „Bei 95 Prozent und mehr der Anrufe bleibt es beim Versuch“, schätzt ein Kriminalhauptkommissar aus dem Betrugskommissariat.

Täter werden in Deutschland rekrutiert

Was für Menschen zu Tätern werden, lässt sich laut den Düsseldorfer Ermittlern kaum generalisieren. Rekrutiert werden sie in Deutschland, oft von Bekannten. Teils sind sie erst 16 Jahre alt. „Manche werden über Freunde und Bekannte angeworben, andere im Türkeiurlaub“, sagt Polizist Gerhards.

Gelegentlich würden sie erst zu opulenten Urlauben eingeladen. Nach zwei Wochen heiße es dann: „Du kannst immer so Urlaub machen – wenn du eine Kleinigkeit für uns erledigst.“ Sehr häufig kennen die Täter, die die Ware beim Opfer abholen, die Hintermänner nicht. „Aber nicht jeder Abholer ist ein kleines Licht“, so Gerhards. Es gebe Intensivtäter, die durch die ganze Republik führen, um Taten zu begehen.

Die Motivation der Täter

„110-Betrug ist einfach zu lukrativ“, seufzt Gerhards. Im Gegensatz zu Bankraub oder anderen Delikten ist der Ertrag im Vergleich zum Risiko sehr groß. Skrupel kennen die Täter laut Polizei kaum. „Sie halten sich für clever“, sagt der Kriminalhauptkommissar, bei der Düsseldorfer Polizei ein Spezialist für diese Art von Betrug. „Es geht ihnen um Geld, um Status. Mitleid mit den Opfern haben sie nicht. Wenn wir sie danach fragen, grinsen sie nur.“

Deshalb sind die Ermittlungen so schwierig

Die Polizei hat zwei Ansätze: Ermittlungserkenntnisse anderer Kommissariate über Täter oder Hinweise von Opfern. Die Beute zu verfolgen hat keinen Zweck, fast alles wird ausgeführt, Schmuck eingeschmolzen. In der Regel gelingt ein Zugriff, weil Opfer mitspielen und die Täter in die Falle locken. Doch das ist schwierig: „Diese Menschen müssen Nerven wie Drahtseile haben und gut schauspielern“, sagt Ermittler Gerhards.

Gerichtsverwertbare Beweise für die Schuld der Abholer zu finden, sei schwierig: Sie behaupten meist, sie seien nur zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Frustrierend für die Polizei. „Aber wir freuen uns über jeden Erfolg – und jede verhinderte Tat“, sagt Markus Gerhards.

Unsere Autorin ist dankbar, dass die Betrugs-Ermittler sportlichen Ehrgeiz entwickeln. Lesen Sie dazu ihren Kommentar.

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