1. NRW
  2. Städte
  3. Düsseldorf
  4. Blaulicht

Düsseldorfer Polizisten schreiben Silvester-Krimi

Krimi-Cops : Silvester-Countdown

Zum vierten Mal präsentieren die Düsseldorfer Krimi-Cops, das Autoren-Quintett der Düsseldorfer Polizei, einen Silvesterkrimi für unsere Leser. Viel Spaß mit Struller & Co.

Wittelsbachstraße 12a“, knödelte Pit Struhlmann, alias Struller, und parkte den mintfarbenen Dienstwagen vor eine Garagenausfahrt.

„Du parkst direkt vor einer Garage“, mahnte Jensen vom Beifahrersitz.

„Um diese Uhrzeit will hier keiner mehr rein oder raus, Sportsfreund. Die sind um diese Zeit schon alle betrunken und können nicht mehr fahren.“

„Aha.“

„Ich hab ja auch schon was drin“, summte Struller und würgte den Motor ab.

Jensen riskierte einen prüfenden Seitenblick. Bei seinem Partner wusste man nie.

„Eine Leiche am Silvesterabend“, nölte Struller beim Aussteigen. „Die steht in den Büchern, die macht die ganze Jahresstatistik kaputt.“

Jensen schritt drei tiefe Steinstufen hoch zur Haustür der 12a, ein mehrstöckiges Appartementhaus, und warf einen Blick auf die Armbanduhr. „22.30 Uhr. Ich hatte gehofft, wir würden zu Neujahr in Ruhe mit einem Gläschen Sekt anstoßen.“

„Sekt? Was bist du denn für einer? Ich bevorzuge Altbier.“

Drinnen im Flur nickte sie ein uniformierter Kollege in eine geräumige Erdgeschosswohnung. Eine feine Hütte. Groß, edel eingerichtet, die Decke war mit bloßem Auge kaum zu erkennen.

  • Von links: Klaus Stickelbroeck, Ingo Hoffmann,
    Lesung in Mettmann : Krimi-Cops sorgen für Nervenkitzel
  • Die D
    Exklusive Lesung in Meerbusch : RP-Leserin gewinnt einen Besuch der Krimi-Cops
  • Exklusiv: Die Krimi-Cops : Silvesterpunsch
  • Die Krimi-Cops in Düsseldorf
    Die Krimi-Cops aus Düsseldorf exklusiv für die RP : Silvesterkracher
  • Im Silvesterkrimi der Krimicops greift die
    Krimicops Kurzkrimi : Silvesterkarpfen
  • Gabriele Wenzl (Mitte) zwischen den Krimi-Cops
    Wohnzimmer-Lesung : Besuch von den Krimi-Cops

Doc Stich, der Gerichtsmediziner, brachte sie kurz auf Ballhöhe. „Zwei Pärchen haben zu Silvester Cluedo gespielt. Das ist ein Brettspiel, bei dem ...“

„Kenn ich“, bellte Struller. „Ich bin vom Fach.“

„Der Gastgeber und Wohnungsinhaber, Lars Arzstadt, ruft bei der Leitstelle an, weil einer der Gäste plötzlich während des Spiels mit Schaum vorm Mund tot vom Stuhl rutscht.“

Jensen nickte wichtig. „Schaum vorm Mund kam ihm verdächtig vor, verstehe.“

Doc Stichs Blick formte das Wort Klugscheißer.

„Bei dem Toten handelt es sich um einen Niklas Perlmann. Ich hab ihn grob untersucht. Er wurde vergiftet. Mit was genau, weiß ich erst morgen, wenn ich im Labor fertig bin.“

„Mit Gift, nehme ich an“, brummte Struller.

Doc Stich verdrehte die Augen. „Morgen weiß ich sogar mit welchem Gift, du Mann vom Fach. Muss starkes Zeug gewesen sein. Insgesamt waren sie also zu viert. Der Tote, der Wohnungsinhaber, seine Ehefrau Leah Oltermann, sie hat bei der Heirat ihren Mädchennamen behalten, und die Freundin des Verstorbenen, eine Miriam Meuler. Der Täter oder die Täterin hat das Gift allerhöchstwahrscheinlich ins Whiskeyglas des Toten gekippt, der daraus trank und starb.“

„Muss wohl“, knödelte Struller.

Doc Stich schnappte sich eilig seinen Arztkoffer. „Für den Toten hab ich schon die Bestatter bestellt, es geht in die Gerichtsmedizin. Die drei Überlebenden sitzen nebenan in der Küche. Ich muss weg, ich bin eingeladen. Viel Spaß und guten Rutsch!“

Jensen sah dem Doc hinterher und dann auf seine Armbanduhr. „Viertel vor elf.“

„Noch 75 Minuten bis Silvester. Dann wollen wir uns mal beeilen“, knurrte Struller entschlossen, drückte sein Kreuz durch und summte entschlossen die Melodie von Mission Impossible.

Struller und Jensen baten zunächst den Wohnungsinhaber in dessen Arbeitszimmer. Lars Arzstadt war 32 Jahre alt. Er trug eine dunkle Anzughose, der man ansah, dass sie nicht bei Karstadt auf der Stange zur Welt gekommen war. Dazu ein lachsfarbenes Hemd mit langen Ärmeln und farblich passender Krawatte. Die Farbe seines Gesichts hatte sich ebenfalls der des Hemdes angeglichen.

Er rang um Fassung. „Niklas und ich sind schon seit Kindertagen befreundet. Best Buddys. Wie jedes Jahr wollten wir zusammen bei einem Spieleabend in das neue Jahr reinfeiern. Ich habe seit Anfang des Jahres eine Freundin, Leah, die ich vor zwei Monaten auch geheiratet habe. Deshalb brachte Niklas heute Abend auch seine langjährige Lebensgefährtin mit, so dass wir dieses Jahr zu viert gefeiert haben.“

Jensen machte sich Notizen.

„Wir haben etwas gegessen, Raclette, und dann Cluedo gespielt. Gerade war Oberst von Gatow mit einem Dolch der Mörder im Esszimmer gewesen, da rutscht Niklas plötzlich tot vom Stuhl.“

„Er wurde vergiftet“, ergänzte Struller.

Arzstadt wurde noch blasser und schwankte auf seinem Stuhl hin und her. „Vergiftet?“

„Es war Gift im Whiskey“, behauptete Struller.

„Himmel. Das Whiskeytrinken ist bei uns beiden was Traditionelles. Ich trinke ja gerne mal was Härteres. Sekt ist was für Weicheier.“

Struller schenkte Jensen einen vielsagenden Blick.

„Niklas trinkt sonst schon lange keinen Alkohol mehr“, fuhr Arzstadt fort. „Aber an Silvester hat der gepflegte Männerdrink Tradition. Ist ein besonderer Tropfen.“

Struller nickte. „Ganz besonders. Heute war der Tropfen tödlich.“

„Wer hat das Glas eingeschenkt?“ hakte Jensen nach.

„Ich. In der Küche. Seines hab ich schon rausgebracht, meins steht da noch. Ich hatte noch ein fast volles Weinglas, das ich erst noch leeren wollte.“

Struller drehte sich zu einem der uniformierten Kollegen. „Stell bitte das Whiskeyglas und die dazugehörige Flasche spurenfest als Beweismittel sicher. Da dürfte auch noch Gift drin sein.“

Jensen seufzte. „Dann haben Sie ja Glück gehabt, nicht ebenfalls gleich vom Whiskey getrunken zu haben, sonst lägen Sie auch nebenan im Wohnzimmer.“

Fast wäre Arzstadt jetzt gleichwohl selbst vom Stuhl gerutscht.

„23.05 Uhr“, murmelte Struller ungerührt. „Noch fünfundfünfzig Minuten.“

Mission Impossible?

Als nächstes saß Leah Oltermann den beiden Ermittlern gegenüber. Sie war groß, athletisch, blond und trug ein eng anliegendes, grausilbern schimmerndes Paillettenkleid, das keine Unterwäsche duldete. Ihr Make-Up im Augenbereich hatte gelitten.

„Das ist so schrecklich. Niklas war so aktiv und voller Tatendrang“, schluchzte sie.

„Na ja, jetzt ist er tot“, entgegnete Struller trocken. „In seinem Whiskeyglas war Gift.“

„Oh nein. Wer soll ihn denn vergiften wollen?“

„Genau das werden wir herausfinden“, erklärte Jensen leise.

„Niklas hatte so große Pläne. Crowd Farming in Neuseeland. Da wollte ich auch immer hin. Und er packt das einfach an. Und jetzt ist er … tot.“

Leah Oltermann brach in Tränen aus.

„Und was ist heute genau passiert?“ versuchte Jensen nach ein paar Sekunden, das Gespräch sanft und sensibel wieder auf das Wesentliche zurück zu bringen.

„Wir haben uns um Acht getroffen. Niklas und Miriam und wir sind befreundet, die beiden waren unsere Trauzeugen. Zuerst haben wir Raclette gemacht. Dann angefangen, Cluedo zu spielen. Lars liebt Gesellschaftsspiele. Dann … stürzt Niklas tot vom Stuhl.“

„Nachdem er den Whiskey getrunken hat?“, fragte Struller.

„Kann sein. Lars kam mit dem Whiskey aus der Küche, ich dachte, der ist für ihn selbst. Er trinkt gerne abends einen guten Tropfen. Ich hab gar nicht gewusst, dass Niklas auch Whiskey trinkt. Ich dachte er ist Antialkoholiker. Eine allergische Reaktion vielleicht?“

„Ne, Gift“, knurrte Struller, blickte aufs Handgelenk und summte.

Tum-tum, tete, Tum-tum.

Ein halbes Stündchen bis Mitternacht.

„Ich, ich kann, ich kann gar nicht glauben, was heute passiert ist“, stammelte Miriam Meuler und wirkte dabei fast apathisch.

Miriam Meuler trug eine pfiffig geknotete, weiße Bluse. Darüber ein zum eleganten, dunkelgrünen Rock passendes, kurzes Jackett. Lange, schwarze Haare hatte sie kunstvoll nach oben gesteckt. Der modische Schmuckstein an der dazugehörigen Haarspange war so groß, dass man damit hätte Bowling spielen können.

„Was genau ist denn passiert?“, fragte Jensen behutsam.

Miriam Meuler schien einen Moment zu brauchen, um sich zu sammeln und antwortete dann mit erstaunlich fester Stimme. „Lars und Niklas sind praktisch Sandkastenfreunde. Sie feiern jedes Jahr Silvester zusammen. Weil Lars seit zwei Monaten verheiratet ist, hat Niklas mich dieses Mal ebenfalls mitgenommen, wir haben zu viert gegessen. Ich mag die beiden. Leah ist ausgesprochen nett, sehr flott, sehr witzig. Lars hat eine ruhige Art, die Niklas gut tut … Gut getan hat. Mein Gott.“

Jensen legte ihr beruhigend eine Hand auf den Arm.

Miriam Meuler fuhr fort. „Wir haben ein Brettspiel gespielt, Cluedo, und dann, plötzlich, krampft Niklas kurz … und ist tot.“

„Zuvor hat er vom Whiskey getrunken“, ergänzte Struller.

„Wieso? Ja, hat er.“

„Den Lars Arzstadt aus der Küche geholt hat.“

„Ja. Das ist so ein Ding zwischen den beiden. Die trinken jedes Mal Silvester einen Whiskey zusammen. Ist sowas Besonderes. Ein Männerding, so wie Zigarre rauchen. Aber was hat das…?“

„In dem Whiskey war Gift.“

Miriam Meuler blinzelte. „Das heißt …“

„Ihr Lebensgefährte wurde vergiftet. Seit wann waren Sie ein Paar?“

Miriam Meulers Blick hatte schlagartig jeden Inhalt verloren. Fast tonlos flüsterte sie. „Seit vier Jahren.“

„Gab es in Ihrer Beziehung Probleme?“

Ihr Blick blieb leer. „Nein. Ja. Nein. Das Übliche.“

„Das Übliche?“

„Die Routine. Das Übliche. Keine wirklichen Probleme. Kleine Probleme und Tiefs gibt es doch in jeder Beziehung. Aber uns geht es blendend“, murmelte sie und machte eine raumgreifende Geste. „Gut, so wohlhabend wie Lars sind wir nicht, dem gehört das ganze Haus und er besitzt noch ein paar, die Straße rauf. Niklas ist seit einiger Zeit arbeitslos, aber uns geht es doch gut. Wir lassen uns nicht hängen, wir sind alle gesund.“

Hm, dachte Jensen. Gesund, also … von Niklas Perlmann, den nebenan gerade die Bestatter auf eine Bahre hievten, konnte man das irgendwie nicht behaupten, ohne dass sich ein gewisser Widerspruch auftat.

Struller kratzte nachdenklich am Kinn und fuhr erschreckt zusammen, als er merkte, dass er schon wieder laut vor sich hin gesummt hatte.

„Äh, Frau Meuler, danke erstmal. Warten Sie bitte wieder im Wohnzimmer, wir kommen gleich nach.“

„Viertel vor Zwölf. Jetzt wird es eng mit Silvester und deiner Jahresstatistik“, unkte Jensen.

„Hast du schon eine Idee?“, fragte Struller, mit einem Lauern im Blick.

„Äh, ich überlege noch. Im Grunde genommen haben alle drei Verdächtigen mehr oder weniger der Situation entsprechend reagiert. Und sie schildern alle den Hergang gleich, keine Widersprüche.“

„Dann komm mal mit“, winkte Struller Jensen hinter sich her nach nebenan ins Wohnzimmer.

Tum-tum, tete, Tum-tum.

Lars Arzstadt saß in einem Sessel, Miriam Meuler und Leah Oltermann händchenhaltend auf dem Ledersofa.

Struller klatschte in die Hände. „Wie Sie inzwischen alle wissen, wurde Niklas Perlmann ermordet. Wie Sie sicher ahnen, sitzt der Mörder unter uns. Oder die Mörderin.“

Lars Arzstadt erhob sich. „Das können Sie so doch nicht behaupten.“

„Doch. Setzen Sie sich! Für Sie ist es eigentlich gar nicht schlecht gelaufen, denn eigentlich hätten Sie nebenan auf dem Wohnzimmerteppich liegen sollen.“

„Was?“

„Ihnen galt der Anschlag. Das Gift im Whiskey hätten Sie trinken sollen. Sie sollten sterben, Sie sollten das Opfer sein. Es läuft deshalb auch schon wieder für Sie recht gut, denn wenn Sie das Opfer sein sollten, sind Sie nicht der Täter. Wir haben es heute Abend also mit einer Mörderin zu tun.“

Jensen bemerkte, dass die beiden Frauen erschrocken ihre Händchen voneinander lösten.

„Aber wie kommen Sie denn darauf?“, protestierte Miriam Meuler, die Haarspange wackelte. „Lars hat schließlich Niklas den Whiskey eingeschenkt.“

„Indem ich eins und eins und eins zusammenzähle. Das ist mein Job, denn ich bin vom Fach. Wie geschaffen für Cluedo. Ich bin sicher, dass sich auch in dem zweiten Whiskeyglas und in der Whiskeyflasche Gift befindet.“

Miriam Meuler schüttelte den Kopf. „Das ist … Wahnsinn. Aber, aber das kann heißen, dass jemand beide Männer ermorden wollte, denn schließlich trinken alle beide immer traditionell diesen Whiskey.“

Jensen merkte auf. Richtig, das stimmte. Daran hatte er noch gar nicht gedacht.

Aber Struller winkte ab. „Hätte sein können, war aber nicht so. Neben dem Tatmittel ist hier das Motiv entscheidend. Niemand war daran interessiert, beide Männer zu töten. Lars Arzstadt sollte sterben, Niklas Perlmann nicht.“

„Was soll denn das Motiv sein?“, mischte sich jetzt auch Leah Oltermann ein.

Struller drehte sich ihr zu. „Sagen Sie es uns!“

„Bitte was?“

Struller zuckte mit den Achseln, blickte auf seine Armbanduhr und zuckte zusammen. „Äh, um das abzukürzen, mache ich das jetzt etwas schneller. Frau Meuler, Sie haben uns von Problemen in ihrer Beziehung erzählt…“

„Probleme ist übertrieben. Wir…“

Struller unterbrach. „Hinter Ihren Beziehungsproblemen steckte eine Frau, eine Affäre. Ihr Lebensgefährte hatte eine Freundin. Nämlich Frau Oltermann.“

„Was?“

„Die wollte sich von ihrem Mann trennen, um für Niklas Perlmann frei zu sein. Aber auf den angenehmen Reichtum, auf das Geld hier, wollte sie nicht verzichten, denn Niklas hatte ja zurzeit keines. Und sie brauchten ja Geld. Für Neuseeland.“

„Das ist lächerlich“, echauffierte sich die Verdächtigte. „Dann hat ja eher Miriam als Verlassene ein Motiv.“

„Ne, Frau Meuler scheidet als Täterin aus. Denn Sie wusste, dass beide Männer im Laufe des Abends den besonderen Silvester-Whiskey trinken würden. Es sollte allerdings lediglich Lars sterben. Sie dagegen, Sie kennen Niklas Perlmann nur als Antialkoholiker. Sie haben nicht damit gerechnet, dass er vom Whiskey trinkt, denn Sie sind heute zum ersten Mal an Silvester dabei und kannten den Brauch nicht.“

Leah Oltermann war inzwischen weißer als Miriam Meulers Bluse. „Ich…“

„Stimmt das?“, bellte Lars Arzstadt entsetzt.

„Stimmt das?“, fragte Miriam Meuler leise.

Leah Oltermann brach in Tränen aus und heulschluchzte. „Ich konnte doch nicht ahnen, dass Niklas plötzlich …“

Struller nickte dem Kollegen am Türrahmen zu. „Abführen, bitte. Wir sind hier fertig.“

Jensen warf hinter sich die Beifahrertür zu. Irgendwo böllerte ein Böller. Er warf einen Blick aufs Armaturenbrett. „Zwanzig Sekunden vor Mitternacht.“

„Die Statistik ist gerettet.“

„Du bist wie geschaffen für Cluedo!“, zeigte sich Jensen beeindruckt.

Draußen schraubte sich eine verfrühte Rakete in den Himmel.

Struller deutete aufs Handschuhfach. „Klapp mal auf. Ich hab da was für uns zwei.“

Jensen öffnete das Fach und zog überrascht ein Pikkolöchen und eine Dose Altbier heraus.

„Mach auf, Sportsfreund!“

Jensen tat schnell wie geheißen, reichte seinem Partner eilig das Bier, schraubte ergriffen das Sektfläschlein für Weicheier auf und summte. „Du denkst an alles, Pit. Frohes neues Jahr!“