19 Jahre nach Anschlag in Düsseldorf - keine Gedenktafel am Wehrhahn

19 Jahre nach dem Anschlag in Düsseldorf : Gedenktafel am Wehrhahn lässt auf sich warten

Der Bombenanschlag am 27. Juli 2000 gilt als eines der schwersten Verbrechen in der Düsseldorfer Nachkriegsgeschichte. Ein großes Thema ist es in der Stadt aber offenbar nicht.

Nicht einmal der Prozess, den die Staatsanwaltschaft 17 Jahre nach der Tat gegen einen heute 52-jährgen Rechtsextremen anstrengte, schien die Stadtgesellschaft sonderlich zu bewegen. Die Zuschauerreihen blieben meistens leer, auch politisch linke Gruppen demonstrierten lieber anderswo gegen Ausländerfeindlichkeit und einen angeblich zögerlichen Rechtsstaat.

Bundesweit hatte der sogenannte Wehrhahn-Anschlag weite Kreise gezogen, nicht zuletzt, weil die meisten der Opfer als Kontingentflüchtlinge der Jüdischen Gemeinde angehörten. In der Folge kam es zum ersten Versuch des Verbots der rechtsextremen NPD. In Düsseldorf ging man nach einer Großdemonstration zur Tagesordnung über.

Nach dem Freispruch für den Angeklagten, der schon kurz nach der Explosion am 27. Juli 2000 ins Visier der Ermittler geraten war, drohte der Anschlag auf zwölf Einwanderer aus den damaligen GUS-Staaten, erneut vollends in Vergessenheit zu geraten. Eine Gedenkstele am S-Bahnhof Wehrhahn sollte das verhindern. Die Bürgermeister der Stadtbezirke 1 und 2, Marina Spillner und Uwe Wagner hatten sich dafür eingesetzt, auch ein entsprechender Ratsbeschluss wurde im Oktober 2018 gefasst, vom Projekt „Erinnerungsort Alter Schlachthof“ ein Entwurf für eine Stele vorgelegt. Passiert ist seitdem nichts.

„Zurzeit liegt das Projekt beim Amt für Verkehrsmanagement“, sagt Marina Spillner. Das muss nämlich begutachten, ob eine solche Stele am Geländer neben dem Eingang zum S-Bahnhof überhaupt gut stehen kann. An dem Fußweg zu den Gleisen, dort, wo der selbstgebaute Sprengsatz in einer Plastiktüte versteckt hing und explodierte, als die zwölf Sprachschüler gerade auf dem Heimweg waren, dort wird es wohl keine Erinnerung geben. „Das ist Bahngelände, da würde es Jahre dauern, bis wir eine Genehmigung bekämen“, sagt Spillner,.

Aber erst, wenn klar ist, wo und wie erinnert werden darf, können die Bezirksvertreter gemeinsam mit der Opferbetreuung und der Jüdischen Gemeinde über den Text entscheiden. Klar ist, dass auf ein rassistisches und ausländerfeindliches Verbrechen aufmerksam gemacht werden soll, auf die Ermittlungspannen der ersten Tage, die im Prozess offenbar geworden sind, auf die Opfer, die bis heute traumatisiert seien und sich alleingelassen fühlten. Und darauf, dass die Tat bis heute ungesühnt ist.

Anfang 2017 hatten Polizei und Staatsanwaltschaft den Fall neu aufgerollt, nachdem ein ehemaliger Strafgefangener von einem Geständnis des Militariahändlers während eines gemeinsamen JVA-Aufenthalts berichtet hatte. Später sagten auch andere einstige Wegbegleiter des Angeklagten Dinge aus, die sie nach der Tat anders geschildert hatten, brachten den selbsternannten Stadtteil-Sheriff mit der Tat in Verbindung. Und auch in der alten Ermittlungsakte entdeckten die neuen Ermittler Hinweise auf den Mann, der im Januar 2019 angeklagt und im Juli freigesprochen wurde.

Dieser Freispruch ist nicht rechtskräftig. Die Staatsanwaltschaft arbeitet mit Hochdruck an der Revision des Urteils, das den inzwischen 52-jährigen einzigen Tatverdächtigen vom Vorwurf freisprach, aus Ausländerhass und Rassismus den Sprengsatz gezündet und zwölf Menschen teils lebensgefährlich verletzt zu haben. Die Ausführungen, mit denen das Schwurgericht am 31. Juli 2018 den Freispruch begründete, rügt der Ankläger als „nicht tragfähig“, hat zudem vier sogenannte Verfahrensrügen beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe vorgebracht, in denen es um Formalien im Prozessablauf geht. Wann das Revisionsverfahren so weit ist, dass Deutschlands oberste Richter darüber entscheiden, ist offen.

In die Gedenk-Frage will Marina Spillner nach der Sommerpause neue Bewegung bringen. Anfang August sei mit einem Befund des Straßenverkehrsamts zu rechnen. Dann werde man weitersehen. Spätestens zum 20. Jahrestag soll die Stele stehen.

(sg)
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