1300 Fälle häuslicher Gewalt in Düsseldorf

Polizei Düsseldorf: Gewalt bricht meistens zuhause aus

Drei bis fünf Mal jeden Tag kommt es in Düsseldorf zu körperlichen Auseinandersetzungen hinter verschlossenen Türen. 1300 Fälle häuslicher Gewalt landen jährlich im Kriminalkommissariat 12.

Von der Notunterkunft in Oberbilk bis zur Villa im Linksrheinischen – wenn es um häusliche Gewalt geht, ist der Einsatzbereich des Kriminalkommissariats (KK) 12 grenzenlos. Der Grund ist in 80 Prozent der Fälle derselbe: Alkohol. „Das geht durch alle Gesellschaftsschichten“, sagt die Leiterin des Kommissariats, Heide Holte. Die 1300 Fälle, die das KK12 im zurückliegenden Jahr hatte, sind längst nicht alle, die in der Stadt geschehen. Die Dunkelziffer ist vermutlich hoch. Und da gibt es dann doch einen sozialen Unterschied: „In den solventeren Schichten erfährt die Polizei noch seltener von häuslicher Gewalt“, schätzt Holte.

Erst seit gut einem Jahr wird dieses Deliktfeld in ihrem Kommissariat zentral bearbeitet. Das war bis dahin ausschließlich für Sexualdelikte, Kindesentziehung und Stalking zuständig. Nicht selten spielen all diese Dinge auch bei der Eskalation häuslicher Gewalt eine Rolle. Doch vor allem die Erfahrung, die das Team in der Befragung traumatisierter Opfer hat, war der Grund für die Umverteilung. Traumatisiert sind sie alle. „Technisch gesehen ist es eine Körperverletzung. Aber sie geschieht im höchstpersönlichen Bereich. Das macht es so schlimm“, sagt Ermittler Jörn Biedka. Auch für die Polizei liegt darin der Unterschied zwischen einer Kneipenschlägerei und einer unter Lebenspartnern. „Unser Ermittlungsaufwand ist deutlich höher.“

Meist ist es zuerst die Schutzpolizei, die von Nachbarn, Opfern, Passanten alarmiert wird. Die Beamten müssen entscheiden, ob sie einen Streit schlichten oder den Angreifer – in den meisten Fällen Männer – der Wohnung verweisen. Letzteres ist die Regel geworden, sagt Holte. Der Täter darf danach für zehn Tage nicht mehr nach Hause. So soll dem Opfer die Gelegenheit gegeben werden, in Ruhe Entscheidungen zu treffen.

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Nicht alle wissen das zu schätzen. Oft erscheinen Täter und Opfer versöhnt und gemeinsam zur Befragung im KK12. Dass das Rückkehrverbot, kontrolliert vom Bezirksdienst der Polizei, trotz Versöhnung gilt und ein Verstoß bestraft wird, sehen diese Paare dann meist gar nicht ein, auch gemeinsame Attacken gegen die Polizisten hat es schon gegeben. Oder Frauen, die keine Aussage mehr machen wollen, wenn ihnen klar wird, dass eine Strafverfolgung ihres Mannes sie zwar von der Gewalt befreit, aber auch der Familie den Ernährer nimmt. Oder dass eine Geldstrafe der Haushaltskasse schadet. Außer der wirtschaftlichen spielt oft auch emotionale Abhängigkeit eine Rolle. „Solche Täter suchen sich meist passende Partner“, sagt Holte.

Aber es gibt nicht nur den typischen Schläger. „Wir haben auch mit Menschen in Ausnahmesituationen zu tun“, sagt Biedka. Wie der Unternehmer, der nie auch nur einen Strafzettel hatte und in einer plötzlichen Lebenskrise die Kontrolle verlor. Oder Menschen, in deren Kultur Gewalt normal ist. Ein Chinese, den Passanten anzeigten, weil er sein Kind auf dem Schulweg verprügelte, „wusste gar nicht, was wir von ihm wollten – und auch das Kind fand die Schläge nicht schlimm“. Positiv hat Biedka Gespräche mit Marokkanerinnen erlebt, die „die Reißleine ziehen, weil sie ihre Töchter nicht dazu erziehen wollen, Schläge hinzunehmen und genauso wenig, dass ihre Söhne zu Schlägern heranwachsen“.

Ohne solche Eigeninitiative hat die Polizei wenig Möglichkeiten. „Bei häuslicher Gewalt funktionieren unsere Parameter nicht“, sagt Holte. „Die Opfer müssen sich selbst trauen, die Gewaltspirale zu durchbrechen. Erst dann können wir helfen.“

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