Düsseldorf: Bestatter-Messe: Jenseits der Hemmschwelle

Düsseldorf : Bestatter-Messe: Jenseits der Hemmschwelle

Tatort-Reiniger und Urnenschnitzer, Sarghändler und Krematoriumsbauer: Wohin die letzte Reise geht, weiß man zurzeit in Stockum

Man sollte meinen, dass der Tod und alles, was damit zusammenhängt, eine Selbstverständlichkeit ist, schließlich kennt jeder jemanden, der einmal sterben wird, man braucht ja nur in den Spiegel zu sehen. Dennoch gibt es da eine Hemmschwelle, von der auch der Bundesverband Deutscher Bestatter weiß. Deshalb ist man hier so stolz auf die weltgrößte Bestattungsfachmesse, die Befa, empfängt den Fachbesucher in der Halle 14 hell und freundlich, grün ist die vorherrschende Farbe. "Damit haben Sie nicht gerechnet, oder?", sagt der Mann vom Bundesverband. Doch wie soll man sich denn eine Bestattermesse sonst vorstellen? Grässlich?

Viele Stände, viele Menschen, die einen ernsten Beruf haben, und gerade deshalb geht es lebhaft zu. Es gibt sogar ein "Befa-Kinderland", eine Ecke mit Spielsachen, wo die Kinder betreut werden, während Mama- oder Papa-Bestatter sich die Neuerungen ihrer Branche ansehen. Hier stirbt ja keiner.

Und dennoch ist manches in Halle 14 irritierend: Das freundliche Lächeln der Messe-Hostessen etwa, wenn sie Prospekte über Tatort-Reinigungen in die Hand drücken: "Wenn der unentdeckte Leichnam eines Menschen erst nach Wochen gefunden wurde, reinigen wir die Wohnungen oder Häuser."

Die Urne kann heutzutage alles sein. Vor allem aber bunt. Foto: Hans-Juergen Bauer (hjba)

Der beflissene Ton einer Schmuckverkäuferin, die Bestatter dazu bringen will, Finger- und Fußabdrücke der Toten mittels Silikon abzunehmen, damit sie für die Hinterbliebenen ein Schmuckstück daraus anfertigen kann. "Unser kleinstes ist der Fußabdruck eines Frühchens in Silber." Kostet 89 Euro, empfohlener Verkaufspreis 169 Euro. Oder die Damen in Uniformen von Flugbegleiterinnen, die für eine Firma Prospekte verteilen, die Überführungen anbieten. Wer das jetzt alles geschmacklos findet, der sollte sich einmal mit Ralf Michal, dem Vize-Präsident der deutschen Bestatter unterhalten.

Michal versteht sich heute als Berater, denn die alten Traditionen lösen sich auf, immer weniger Menschen lassen etwa kirchliche Rituale auf der Beerdigung zu. Das sehe man schon an der Anzahl der Feuerbestattungen, sagt Michal. Immer weniger nehmen das klassische Grab, mit einbalsamiertem Leichnam, 70 Prozent Feuer, sei die Quote in Großstädten inzwischen, was nicht nur an den Kosten liegt.

Es geht bei einer Bestattung auch nicht mehr um die Hinterbliebenen, um deren Trost, deren Trauer oder das Seelenheil des Verstorbenen, immer öfter rückt der Verstorbene selbst, sein Leben ins Zentrum des Begräbnisses. Individualität ist der Schlüssel zu einer gelungenen Bestattung, Musik, Bildershows, engagierte Trauerredner, Briefe an den Verstorbenen, die verlesen werden. "Event-Manager in besonderer Sache", nennt sich Michal deshalb auch gerne, dabei brauche die Beerdigung den Vergleich mit der Hochzeit nicht zu scheuen. Mit dem Unterschied, dass die Bestattung tatsächlich eine einmalige Angelegenheit im Leben eines Menschen ist.

So wundert man sich immer weniger, wenn man durch die Messehallen läuft. Warum sollte man nicht etwas Asche der Verstorbenen zu einem Edelstein pressen lassen, warum soll man nicht einen Sarg wählen, der aussieht wie ein Ei und mit Bequemlichkeit wirbt, und warum sollte man sich auf seiner letzten Reise nicht mit einem zum Leichenwagen umgebauten Jaguar chauffieren lassen?

Natürlich geht es auch viel um Technik. Um Leichentische aus Edelstahl, Kühlhäuser für Tote und die verschiedenen Maßnahmen der Präparation. Und es geht um deutsche Wertarbeit, die man weltweit scheinbar besonders in dieser Branche schätzt. Deshalb ist etwa IFZW so erfolgreich. Die Firma aus Zwickau baut Krematorien in der ganzen Welt, stark ist man etwa in Hongkong, wo in 16 Anlagen menschliche Überreste verbrannt werden. "Wir Deutsche sind in Umwelttechnologie Vorbild und es gibt weltweit überschaubar viele Anbieter, deshalb sind wir sehr erfolgreich", sagt Danny Heinrich. Hell und edel ist der Krematorien-Stand, es gibt Getränke, Essen, während im Hintergrund eine Grafik darstellt, wie der Mensch in die Urne kommt und was von ihm durch den Schornstein entweicht. Kaum etwas nämlich.

Allerdings bleiben oft künstliche Hüftgelenke zurück, worum sich eine Recycling-Firma kümmert, und es gibt vermehrt auch Spuren im Netz, Profilseiten, Konten, Zugriff-Codes, worum sich wieder eine andere Firma kümmert. Man braucht Blumen, einen Grabstein, ein paar Sträucher oder gleich ein bepflanztes Kunstwerk, das mittels eines 50-Liter-Tanks sich selbst wässert. Es gibt eigentlich wenig auf dieser Messe, das es nicht gibt. Vom Trend des fair gehandelten Sarges aus Bananenblättern bis zur Truhe aus Edelholz mit verchromten Beschlägen. Und es gibt viele Särge aus Ghana zu bestaunen, die aussehen wie kleine Karnevalswagen: so bunt, so schön. Wie das Leben.

(RP)
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