Architekt Jürgen Mayer H.: "Düsseldorf hat eine spezielle Aura"

Architekt Jürgen Mayer H.: "Düsseldorf hat eine spezielle Aura"

Der Berliner Architekt Jürgen Mayer H. wird im "Quartier M" auf dem früheren Post-Areal mit einem Hochhaus eine Marke setzen – und empfindet das als Ehre. Auch für den Kö-Bogen hatte der 46-Jährige einen Entwurf eingereicht. Seine Architektur steht in Sevilla und Georgien.

Der Berliner Architekt Jürgen Mayer H. wird im "Quartier M" auf dem früheren Post-Areal mit einem Hochhaus eine Marke setzen — und empfindet das als Ehre. Auch für den Kö-Bogen hatte der 46-Jährige einen Entwurf eingereicht. Seine Architektur steht in Sevilla und Georgien.

Herr Mayer H., Sie sind einer der Sieger für das "Quartier M", das auf dem früheren Post-Areal hinter dem Hauptbahnhof entsteht. Was hat Sie daran besonders gereizt?

Mayer H. Bei diesem Projekt gibt es die Chance, einen neuen Stadtteil mitzugestalten, in die Nachbarschaft auszustrahlen und eine neue Identität zu schaffen. Ich finde es ein wichtiges Signal von der Stadt, an dieser Stelle mit einem markanten Zeichen zu zeigen, dass auch dieses Areal ein wichtiger Teil Düsseldorfs ist, der eine Verankerung in die Stadt braucht.

Im Zentrum Ihres Entwurfs steht ein 100 Meter hohes Gebäude. Ist eine solche Landmarke das Ziel jedes Architekten?

Mayer H. Das ist schon eine besondere Aufgabe. Ich wollte immer gerne ein Hochhaus machen. Derzeit bauen wir zwar auch in Belgien ein 18 Stockwerke hohes Gerichtsgebäude. Aber mit 28 Stockwerken hat das Gebäude im "Quartier M" einen anderen Maßstab. Was mich an Hochhäusern reizt, ist, dass sie mit anderen Hochpunkten der Stadt in einen Dialog treten. Gleichzeitig darf man die unteren Geschosse nicht vernachlässigen. Auch dort muss das Stadtleben funktionieren. Das von uns entworfene Hochhaus ist ja kein Solitär, sondern wächst aus der Struktur eines ringförmigen Blocks heraus. Der entstehende Platz schafft zudem öffentliche Stadtqualität. So entsteht im städtebaulichen Kontext ein Austausch auf allen Ebenen.

Wie bei den meisten Ihrer Bauwerke setzen Sie auch diesmal auf organische Formen und abgerundete Kanten. Weshalb die Vorliebe fürs Sanfte?

Mayer H. Ich setze da schon auf Kontinuität, ersetze rechte Winkel durch sanfte Übergänge, die den Raum wie ein Umschlag umhüllen.

Sie haben sich nicht zum ersten Mal mit Düsseldorf beschäftigt. Auch beim Wettbewerb für den ersten Teil des Kö-Bogens (Libeskind-Bauten Jan-Wellem-Platz) waren sie dabei, bevor Ihr Investor vorzeitig ausgestiegen ist ...

Mayer H. Dem trauere ich ein bisschen nach. Der Kö-Bogen war wegen des Zusammenspiels mit den Baukörpern von Dreischeibenhaus und Schauspielhaus so interessant. In unserem Entwurf hatte ich die Rundungen des Schauspielhauses, weich wie Kissen, aufgenommen, aber auch die Eleganz des Dreischeibenhauses. Unsere Gebäude hätten sich in Scheiben zum Hofgarten hin geöffnet.

Was ist aus Sicht eines in Berlin lebenden Architekten das Besondere an Düsseldorf?

Mayer H. Düsseldorf hat eine spezielle Aura durch die Architektur der Nachkriegszeit und die spezielle Mentalität, moderne Architektur zu ermöglichen. Die Qualität ist schon bemerkenswert. Dazu einen Beitrag leisten zu können, ist eine Ehre.

Ihre Entwürfe sind stets spektakulär. Das gilt besonders für "Metropol Parasol": Mitten im spanischen Sevilla haben sie einen Platz gestaltet mit futuristischen, pilzförmigen Bauten ...

Mayer H. Es handelte sich um einen Schotterparkplatz in einer schwierigen Umgebung. Das Ziel war, durch die Brückenfunktion vom gut funktionierenden Süden der Altstadt den problematischeren Nordteil lebendig zu machen. Es hatte einen Ideenwettbewerb gegeben. In der zweiten Phase wurden mehrere Entwürfe öffentlich präsentiert und im Internet diskutiert. Unser Entwurf wurde von den Bürgern euphorisch aufgenommen.

Sind Bürger im Zweifel mutiger, als Politiker oder Investoren glauben?

Mayer H. Die Ausgangslage in Spanien ist eine andere. Dort sind die Altstädte — anders als in Deutschland — überall gut erhalten. Und Sevilla hatte seit der Expo 1992 keinen Schub mehr bekommen. Die Bevölkerung hungerte danach. In Deutschland gibt es noch eine ganz andere Sentimentalität des Bewahrens oder Wiederherstellens, das Verlustgefühl einer Generation, die Städte noch aus der Zeit der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg kennt. Das wird sich ändern. Dennoch glaube ich, dass auch hier viele Politiker und Investoren zu zaghaft entscheiden, im Glauben, sich so weniger Konfrontation auszusetzen.

In Georgien ist das offenbar nicht so. Dort wurde nach Ihrem Entwurf eine Grenzstation gebaut, die aussieht wie ein aufgestelltes Puzzle-Teil. Ist das nicht Verniedlichung von etwas Ernstem?

Mayer H. Nein, denn es ist ein Symbol für die Ziele dieses Landes. Es arbeitet an einer Öffnung, auch der Grenzen. Wir haben das Grenzgebäude nicht als Barriere definiert, sondern als Ort, der auch Versammlungsräume anbietet und der zusammenführt. Es ist ein Willkommenszeichen und Abschiedsgruß. Die gerade Linie der Grenze wird aufgeweicht, in den Rundungen entstehen Zwischenräume.

Haben Sie Georgiens Präsidenten Micheil Saakaschwili kennen gelernt?

Mayer H. Wir sind seit zweieinhalb Jahren regelmäßig für verschiedenste Projekte in Georgien. Der Präsident ist an der Architektur, die in Georgien entsteht, sehr interessiert. Die Gespräche mit ihm sind intensiv und von einer großen Euphorie über die Zukunft des Landes geprägt. Besonders faszinierend ist das Interesse an Architektur bei Bauaufgaben, bei denen man sonst nicht besonders auf Gestaltung achtet, wie diese Grenzstation, auch Autobahnraststätten und der kleine Flughafen in Mestia im Kaukasusgebirge. Das Land ist in einer spannenden Aufbruchphase.

Sie designen auch Möbel, Tapeten, Bettwäsche. Werden Sie dafür von anderen Architekten belächelt?

Mayer H. Das war anfangs so, als ich noch nicht so viel gebaut hatte. Da sagten die Architekten, ich sei Künstler. Seitens der Künstler war es andersherum. Mir geht es aber um das Verhältnis des Körpers zum Raum, um Chancen neuer Technologien in Beziehung zur Umwelt. Das entspricht eigentlich eher dem klassischen Bild eines Architekten wie Mies van der Rohe. Wenn man das Anliegen hat, die Umwelt zu verstehen und zu gestalten, ist die Disziplin nicht so wichtig.

Als was verstehen Sie sich denn: eher als Architekt oder doch eher als Künstler?

Mayer H. Von der Ausbildung her bin ich Architekt. Die Grenzen sind jedoch fließend.

Denisa Richters führte das Interview.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Das sind die Entwürfe fürs Quartier M

(RP/jco)
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