Düsseldorf: Bauern mit sauberen Händen

Düsseldorf: Bauern mit sauberen Händen

Im Februar startet die "Solidarische Landwirtschaft" in Düsseldorf. Ziel der Genossenschaft ist, Biogemüse zu bekommen, ohne selbst anbauen zu müssen.

Das Konzept funktioniert wie folgt: Eine Gruppe von Verbrauchern pachtet gemeinsam einen Acker, lässt ihn von einem Gärtner bestellen und erhält während der Ernte-Saison regelmäßig saisonales Bio-Gemüse. Finanziert wird das über einen monatlichen Mitgliedsbeitrag. Bundesweit gibt es über 200 Solidarische Landwirtschaften (SoLaWi). Die erste war der Buschberghof in der Nähe von Hamburg. Er entstand vor 30 Jahren. Die SoLaWi Düsseldorf wurde von Bettina Berens und Michael Bonke auf die Beine gestellt. Beide engagieren sich schon seit Jahren in zahlreichen Projekten und Initiativen rund um das Thema Umweltschutz. Bonke arbeitet als selbstständiger Webdesigner, ist aber auch Geistheiler, Gründer des Fermentierungskreis Düsseldorf, Initiator des jährlichen Saatgutfestivals und baut Solarkocher. Gemeinsam mit Berens hat er 2010 die Transition-Initiative Düsseldorf gegründet. Seit Herbst vergangenen Jahres investieren die beiden zudem viel Zeit in die Vorbereitung der landeshauptstädtischen SoLaWi.

30 Mitstreiter konnten die Initiatoren bisher für ihr "Projekt mit Laborcharakter" (Bonke) gewinnen, überwiegend junge Menschen zwischen 25 und 35. Acht Anteile sind noch zu vergeben. Die Anteilschaft gilt jeweils für ein Jahr, nur so könne entsprechend geplant werden. "Aber das ist ja bei jedem Fitness-Studio so", sagt Berens. Und im Gegensatz zu den Muckibuden seien die Anteile der SoLaWi sogar übertragbar. Das Solidaritätsprinzip steht, wie der Name bereits nahelegt, über allem. Das fängt beim Mitgliedsbeitrag an, der im Schnitt 100 Euro monatlich beträgt, aber problemlos nach oben oder unten angepasst werden kann - je nach finanziellen Möglichkeiten des Einzelnen. Mit dem Geld pachtet die Gruppe, die derzeit noch keine Organisationsform hat, 3800 Quadratmeter Ackerland. Zunächst auf dem Lammertzhof, einem Bioland-zertifizierten Betrieb in Büttgen. Langfristig hätte man aber gerne eine Fläche in der Landeshauptstadt. Der Acker in Büttgen wurde zwei Jahre für die biologische Landwirtschaft vorbereitet. Glyphosat und Co. kommen hier selbstredend nicht zum Einsatz. Gedüngt wird in erster Linie mit Kompost. Im Februar beginnt ein Gemüsegärtner, der zuvor auf Biohöfen gearbeitet hat, mit dem Einbringen des Saatguts. Ende April, schätzt Bonke, könne dann erstmals geerntet werden: Salat und Radieschen. Der Umfang der Ernte wird den Bedarf der SoLaWi-Mitglieder mit ziemlicher Sicherheit übersteigen. Trotzdem sei es nicht Sinn der Sache, das Gemüse zu verschenken, erklärt Bettina Berens. Es soll vielmehr haltbar gemacht oder eingekocht werden für jene Monate, in denen nichts wächst. Ziel einer jeden Solidarischen Landwirtschaft ist es nämlich, kein Gemüse zukaufen zu müssen, sondern über den Acker eine ganzjährige Versorgung der Mitglieder zu gewährleisten. Selbstversorgung, genau da wolle er wieder hin, erklärt Michael Bonke. Der 59-Jährige ist auf dem Dorf groß geworden, in der Nähe von Remscheid. Der dazugehörige Garten sicherte in den Sechziger Jahren den Gemüsebedarf der kompletten Familie. "In dem Garten war alles voller Spatzen", erinnert sich Bonke. Dass die Vögel heute auf der Roten Liste stehen, liege zum Großteil an der konventionellen Landwirtschaft. Die dort eingesetzte Chemie zerstöre die Bodenbakterien. In der Folge werde die Humusschicht immer dünner. Die Bestände von Regenwürmern und Maden, Nahrung der Spatzen, nehme ab. Von der Grundwasserverseuchung ganz zu schweigen.

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Um der Zerstörung der Umwelt Einhalt zu gebieten, müssen also andere Modelle her, finden Berens und Bonke. Die SoLaWi sei nachhaltige Landwirtschaft und soziales Experiment gleichermaßen. Vieles muss in der Gruppe abgestimmt, organisiert und entschieden werden. Welche Gemüsesorten sollen angebaut werden? Wie kommt die Ernte vom Lammertzhof nach Düsseldorf? An welchen Stellen in der Landeshauptstadt wird sie ausgegeben? Fragen, die durch Mehrheitsentscheidung geklärt werden wollen. "SoLaWi heißt also auch Gemeinschaft üben", sagt Berens. Im Schnitt vier Stunden Zeit pro Monat, so die erste Schätzung der Gründer, sollte jeder Anteilseigner zudem aufzuwenden bereit sein. Die können in Arbeit auf dem Acker investiert werden ("Wenn der Gärtner mal Urlaub hat"), aber auch in den nötigen Transport und Logistik, das Einkochen und Einlegen. Wer nicht selbst aufs Feld möchte, finde auf jeden Fall Alternativen, verspricht Berens. Langfristig könne sich durch die SoLaWi das ganze Leben ändern, meint Michael Bonke. Die Rechnung, wie viel Gemüse bekomme ich für mein Geld, dürfe man natürlich so nicht aufstellen, das sei im Bioladen auf jeden Fall günstiger zu haben. Vielmehr solle man es so sehen: "Das Gemüse verliert seinen Preis und gewinnt seinen Wert zurück."

(RP)
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