Interview: „Azubis unbefristet übernehmen“

Interview : „Azubis unbefristet übernehmen“

Nihat Öztürk, Chef der IG Metall im Bezirk Düsseldorf-Neuss, spricht über den Maifeiertag, die globalisierungskritische Gruppe Occupy und die aktuellen Tarifverhandlungen. Für diese Woche kündigt er massive Warnstreiks in Düsseldorfer Metallbetrieben an.

Herr Öztürk, der 1. Mai ist seit fast acht Jahrzehnten als "Tag der Arbeit" der Feiertag der Gewerkschaften. Die Zahl der Teilnehmer an Ihren Maikundgebungen sinkt seit Jahren. Wie viel ist geblieben von der Arbeiterbewegung und ihrem symbolträchtigen Tag?

Öztürk Der Tag der Arbeit hat nichts von seiner Bedeutung verloren. Unsere Kundgebung in Düsseldorf ist weiterhin ein wichtiges politisches Signal, gerade in Zeiten, in denen wir in einer Tarifauseinandersetzung in der Metallbranche stecken. Beim 1. Mai geht es darum, den Wert der Arbeit in den Mittelpunkt zu stellen.

Sie sehen die Arbeit im Mittelpunkt, aber wird der Feiertag nicht zunehmend verwässert, weil Globalisierungskritiker, Friedensbewegte und viele andere Interessengruppen den Tag für ihre Zwecke umdeuten?

Öztürk Nein, keineswegs. Da muss man als Gewerkschafter großzügig sein. Wir können und wollen uns diversen Strömungen gegenüber nicht verschließen. Der Maifeiertag ist für alle da. Und die Veranstaltung der Gewerkschaften nach der Kundgebung auf der Reitallee im Hofgarten ist heute zu einem Fest für die ganze Familie geworden.

Die globalisierungskritische Bewegung "Occupy" campiert seit einem halben Jahr vor der Johanneskirche. Wie stehen sie zu dieser Gruppe, wie nah ist sie den Gewerkschaften?

Öztürk Wir unterscheiden uns sehr stark von Occupy, aber diese Bewegung hat durchaus ihre Berechtigung. Dort sammeln sich junge Menschen, die idealistisch und politisch interessiert sind. Unser Handlungsort ist in erster Linie der Betrieb. Wir haben den Auftrag, unsere 25 000 Mitglieder in Düsseldorf, Ratingen und im Rheinkreis Neuss zu vertreten, und das heißt oft ganz profan, finanziell das Beste für sie rauszuholen. Natürlich ist die IG Metall auch ein Teil der Friedens- und globalisierungskritischen Bewegung, aber eben nur ein Teil.

Sie sind in der Türkei geboren und wurden jetzt mit einer griechischen Fahne gesehen. Was war da los?

Öztürk Das war eine Solidaritätsdemo für die griechischen Arbeiter, an der auch Occupy und Attac teilgenommen haben. Die Arbeitnehmer und Rentner Griechenlands zahlen mit sinkenden Löhnen und niedrigeren Renten die Zeche in der Eurokrise des Landes. Wir haben auch griechische Fahnen an den Eingang unseres Gewerkschaftshauses in der Friedrich-Ebert-Straße gehängt, um unsere Solidarität zu bekunden.

Was sind Ihre Kernforderungen in der laufenden Tarifrunde?

Öztürk Wir fordern 6,5 Prozent mehr Lohn und Gehalt in der Metallindustrie. Außerdem fordern wir faire Bedingungen für Leiharbeit. Der Grundsatz "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit" muss realisiert werden.

Die Leiharbeit hat sich als wichtiges Instrument gegen die Krise herausgestellt. Wird dieses Instrument durch Ihre Forderungen nicht geschwächt?

Öztürk Das ist vor allem eine moralische Frage. Warum sollte der Arbeiter, der die linke Tür eines Autos einbaut 40 Prozent weniger verdienen, als der an der rechten Tür. Das ist hochgradig ungerecht. Ferner laufen wir durch niedrigere Löhne für Leiharbeiter Gefahr, dass in den Betrieben eine zweite Lohnlinie entsteht. Das können wir nicht hinnehmen. Außerdem entgehen der Allgemeinheit durch die Niedriglöhne Steuereinnahmen und Sozialabgaben in Milliardenhöhe.

Sind die Leiharbeiter bei Ihnen organisiert?

Öztürk Wir haben in Düsseldorf 750 Mitglieder mehr als vor einem Jahr, fast ein Drittel davon sind Leiharbeiter. Wir wollen die Leiharbeit übrigens nicht abschaffen. Sie muss aber eng begrenzt und ordentlich bezahlt werden. Schließlich sind die Leiharbeiter Manövriermasse und in Krisenzeiten die ersten Opfer des Personalabbaus.

Sie fordern die unbefristete Übernahme aller Lehrling. Kritiker sagen, dass dadurch der Anreiz für Unternehmen, selbst auszubilden, stark sinkt…

Öztürk Mit Verlaub, aber das ist total abwegig. Einen Azubi, dessen Ausbildung über 80 000 Euro kostet, nicht zu übernehmen, ist in Zeiten von Fachkräftemangel grob fahrlässig und unvernünftig — auch aus unternehmerischer Sicht. Und der demografische Wandel kommt ja erst noch. Mehr ausbilden und anschließend unbefristet übernehmen — das ist das beste Konzept gegen den demografischen Wandel.

Was steht als Nächstes an?

Öztürk Jetzt werden wir massive Warnstreiks organisieren und diese ausweiten.

Thorsten Breitkopf führte das Gespräch

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