Familiengeschichte in Düsseldorf Spurensuche im Alten Schlachthof

Düsseldorf · Dokumentarfilmer Marcel Kolvenbach stellte mit „Auf der Suche nach Fritz Kann“ das Ergebnis einer jahrelangen Recherche zu seiner Familiengeschichte vor. Die führte ihn von Düsseldorf über Polen bis nach Argentinien.

 Regisseur Marcel Kolvenbach (links) und Historiker Joachim Schröder bei der Filmpremiere von „Auf der Suche nach Fritz Kann“.

Regisseur Marcel Kolvenbach (links) und Historiker Joachim Schröder bei der Filmpremiere von „Auf der Suche nach Fritz Kann“.

Foto: Anne Orthen (orth)

Die Unterschrift auf einem Schulzeugnis aus dem Jahr 1936 wirft Jahrzehnte später Fragen auf. Ist sie doch der einzige greifbare Hinweis auf Fritz Kann, dem ersten Mann von Marcel Kolvenbachs Großmutter und Vater zwei ihrer Söhne. Die letzte gemeinsame Adresse der kleinen Familie war die Pionierstraße 55 in Düsseldorf. Danach verliert sich die Spur von Fritz Kann, bis zu einem Besuch Kolvenbachs in der Erinnerungsstätte des Alten Schlachthofs.

Kolvenbach ist Dokumentarfilmer. Seine Reportagen führten den gebürtigen Neusser auch nach Afrika, wo er über das Geschäft mit Kindersoldaten in Uganda berichtete. Er deckte schmutzige Deals der deutschen Rüstungsindustrie auf und befasste sich mit der Rolle der USA in Lateinamerika. Seine professionelle Neugier war geweckt. Was wurde aus Fritz Kann? Warum sprach niemand in der Familie über ihn? Normalerweise erzählt der 53-Jährige Geschichten anderer über Flucht und Krieg. Nun würde er selbst Teil einer Reportage sein. Es würde eine sehr persönliche Suche werden, die den zweifachen Vater in den folgenden Jahren von Düsseldorf über Polen und Argentinien nach Ost-Berlin führt.

Für einen Lehrauftrag kam Kolvenbach zurück an die Hochschule Düsseldorf, wo er einst Visuelle Kommunikation studierte. Dort war man gerade damit beschäftigt, die dunkle Geschichte des Alten Schlachthofs, der inzwischen die Bibliothek beherbergte, aufzuarbeiten, um einen Erinnerungsort entstehen zu lassen. Während der Nazi-Zeit diente die ehemalige Großviehhalle in Derendorf als Sammelpunkt für jüdische Menschen. Dort wurden sie für die Transporte vom nahe gelegenen Güterbahnhof in die Vernichtungslager nach Osteuropa registriert.

„Durch Zufall traf ich Joachim Schröder“, erinnerte sich der Regisseur beim Publikumsgespräch im Bambi-Kino an die Begegnung mit dem Historiker, der bereit war, ihn bei seiner Recherche über das Schicksal von Fritz Kann zu unterstützen. Gleichzeitig nahm er dem Filmemacher das Versprechen ab, die Gespräche mit Zeitzeugen für den Erinnerungsort aufzuzeichnen.

In den umfangreichen Listen, die dort archiviert sind, fand sich ein wichtiger Hinweis auf den Verbleib von Fritz Kann. Während seine Frau – Marcels Großmutter – unter anderem Namen mit ihren Kindern weiterlebte, begann für ihn am 22. April 1942 die Odyssee eines bürokratisch organisierten Mordes, die im polnischen Izbica endete. An deren Ausgangspunkt stand für ihn und 941 weitere Juden in Düsseldorf immer eine Anordnung aus Berlin, dem sogenannten „Schnellbrief“, unterschrieben von Adolf Eichmann. So perfide es ist, dass die Nazis jeden kleinsten Schritt dokumentiert hatten, für den Historiker Schröder sind die Aufzeichnungen eine Hilfe, um Zeitzeugen bei Fragen zum Schicksal der Angehörigen zu unterstützen. „Die Abläufe bis zur Deportation waren akribisch geplant. Die jüdischen Menschen mussten sogar Tickets für ihren Transport durch die Reichsbahn in die Lager bezahlen. Die Listen sind oft die letzte Spur, die sie hinterließen“, sagte der Historiker nach der Vorführung des Films.

Für Kolvenbach warf das Datum der Deportation von Fritz Kann eine wichtige Frage auf: „Er war genau neun Monate, bevor mein Vater geboren wurde, für den Transport eingetragen worden. Er könnte daher mein Großvater sein“, war seine Überlegung. Der Druck auf sogenannte Mischehen, mit einem jüdischen Partner, war damals groß. Hatte der Jude Fritz Kann seine Familie verlassen, um sie zu schützen?

Kolvenbach schafft es mit seiner Reportage „Auf der Suche nach Fritz Kann“, das Schicksal der eigenen Familie mit dem von Zeitzeugen zu verbinden, die in seinem Film zu Wort kommen. Gleichzeitig zieht er Parallelen zu den nachfolgenden Generationen, die – wie er – mehr über die Geschichte der Verwandten erfahren möchten.

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