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Düsseldorf: Auf den Spuren der Rocker in Gerresheim

Düsseldorf : Auf den Spuren der Rocker in Gerresheim

Im südlichen Gerresheim leben Deutsche und Italiener seit Jahrzehnten friedlich zusammen. Das Viertel wird "Klein-Italien" genannt. Im Bunker - der einem Italiener gehört - sind Proberäume und eine Kneipe, die von einem den "Hells Angels" nahestehenden Motorradclub betrieben wird. In der fünften und sechsten Etage wurden bei einer Razzia 3000 Hanf-Pflanzen gefunden. Ein Geschäft mit Rauschgift im Wert von mehreren Millionen Euro.

Als Alessandro Altobelli am 11. Juli 1982 in der 81. Spielminute das 3:0 für die italienische Nationalmannschaft schießt, fahren rund um den Gerresheimer Bunker die ersten Fiats und Alfa Romeos los. Wenige Minuten später sind die rund 1000 italienischen Familien im südlichen Gerresheim völlig außer Rand und Band. Italien gewinnt gegen Deutschland im Endspiel und ist Fußball-Weltmeister.

Die Umgebung des Bunkers ist geprägt von der alten Arbeitersiedlung. Dort lebten die ersten Mitarbeiter der mittlerweile geschlossenen Glashütte. Foto: Bretz, Andreas

Die Italiener machen die Nacht zum Tag. Bis tief in die Nacht wird hupend durch den Stadtteil gefahren und auf den Straßen ausgelassen gefeiert. Wildfremde liegen sich in den Armen, die Freude bei den Italienern ist grenzenlos. Die Deutschen schauen augenzwinkernd zu. Man kennt sich, man versteht sich, man lebt gut miteinander.

An der Heyestraße gibt es viele italienische Eisdielen und Pizzerien. Foto: Bretz, Andreas

Das Gebiet rund um die südliche Heyestraße wird nicht umsonst "Klein-Italien" genannt. Noch heute gibt es dort viele italienische Restaurants, Bars, Pizzerien, Eisdielen und Feinkostgeschäfte. Rund 900 Familien italienischer Herkunft leben im südlichen Gerresheim. Sie und ihre Vorfahren sind in den 1950er und 1960er Jahren von der Gerresheimer Glashütte angeworben worden. Damals war die Glashütte einer der größten Arbeitgeber in der Stadt. Mehr als 10 000 Menschen arbeiteten im Werk.

Heute sind von der Hütte nur noch Ruinen geblieben. Auf dem rund 200 000 Quadratmeter großen Gelände entsteht bald eines der größten neuen Wohngebiete der Stadt. Die Lage ist attraktiv, nahe zur Innenstadt, nicht weit zur Autobahn, das Naherholungsgebiet Unterbacher See vor der Tür, Schulen und Kindergärten in Reichweite.

Das untere Gerresheim macht sich auf zu neuen Ufern. Da passt der alte Bunker, den französische Kriegsgefangene Anfang der 1940er Jahre errichten mussten, einigen nicht mehr ins Stadtbild. In den vergangenen Monaten ist der Bunker immer wieder in die Schlagzeilen geraten. Der Besitzer - ein Italiener aus Gerresheim - vermietete das Lokal im Erdgeschoss Mitte vergangenen Jahres an einen Motorradclub mit dem Namen "Clan 81". Schon der Name - die 8 steht für den Buchstaben "H", , die 1 steht für "A" verrät, dass der Club den "Hells Angels" nahesteht.

Wer gerne Motorrad fährt, ist nicht unbedingt Mitglied bei den Hells Angels. Der weltweite agierende Club fällt immer wieder durch Mitglieder auf, die in schwere Verbrechen verstrickt sind. Mord, Totschlag, Prostitution, Schutzgelderpressung - die Liste der Straftaten wegen derer "Hells Angels" Mitglieder auch in Deutschland schon verurteilt worden sind, ist lang.

Es geht um Macht und Einfluss an den Türen von Diskotheken und Bordells und um Millionengeschäfte mit Drogen. Denn wer in der Disco an der Tür steht, bestimmt, wer reinkommt und wer dort Drogen verkaufen darf. Schon lange fordern die großen Parteien in Berlin ein komplettes Verbot der Hells Angels. Die Rede ist von einer "hochkriminellen und gefährlichen Vereinigung".

Doch davon distanziert sich der Clan 81, der im Erdgeschoss des Bunkers in Gerresheim die Kneipe "Red Pearl" betreibt. Der Laden ist in den Farben Rot und Weiß gestrichen, Erkennungszeichen der Angels. Aber: Der Clan 81 hat aus seiner Verbundenheit mit den "Hells Angels" nie einen Hehl gemacht. "Die Vereine sind miteinander befreundet, das sind bei uns gerne gesehene Gäste", sagt Mitte vergangenen Jahres der Wirt des "Red Pearl".

Sorgen von Anwohnern und Politikern, die Kneipe würde nun zum Rockertreff, in der ständig laute Motorräder vorfahren und bis tief in die Nacht Krach verursachen, versuchte der Clan von Beginn an zu zerstreuen. Man habe sehr wohl bemerkt, dass man von der Polizei intensiv beobachtet werde.

Im "Red Pearl" würden "Schlager und Tanzmusik" gespielt. Livekonzerte waren geplant, Grill-Abende und immer wieder wurde der friedliche Kontakt mit den Nachbarn betont. Als gemeinsame Hobbys der Clan 81 Mitglieder gilt Motorradfahren, Partys und Musik. Auch "Ausflüge" würden zusammen mehr Spaß machen. Das Red Pearl entwickelte sich zum Treffpunkt, in dem aber offenbar nicht nur Schlagermusik gehört wird. Anfang Januar sollen sich die Spitzen der Hells Angels im "Red Pearl" getroffen haben.

Die Polizei hat Wind davon bekommen. Fast 250 Polizisten kontrollieren bei einer Razzia am 23. Januar fast 100 Gäste, die nur aus Clan 81 und Hells Angels Mitgliedern bestehen. Wenige Tage zuvor, am 21. Januar, ist es in Mönchengladbach zu einer brutalen Auseinandersetzung zwischen Hells Angels und den verfeindeten Club "Bandidos" gekommen. Vier Menschen wurden zum Teil schwer verletzt, die Polizei ermittelt wegen versuchten Totschlags.

In der Szene ist klar: Die Bandidos kontrollieren das Ruhrgebiet, den Hells Angels "gehört" das Rheinland: Köln, Düsseldorf, Leverkusen und Düren. Doch die Rocker wollen offenbar ihre Gebiete ausweiten, kämpfen um neue Reviere. Die Polizei kontrolliert am Abend des 23. Januar im Red Pearl alle Gäste und findet Schlagstöcke, Axtstiele und Klappmesser. Doch das in der fünften und sechsten Etage im großen Stil Haschisch angebaut wird, merkt die Polizei nicht. Die Beamten haben auch gar keinen Durchsuchungsbeschluss für den ganzen Bunker dabei. Ahnungslos fahren die Beamten wieder nach Hause.

Währenddessen arbeiten oben im Bunker vier Vietnamesen ungerührt weiter. Sie bewässern fast 3000 Hanfpflanzen, sorgen für ausreichendes warmes Licht mit genug UV-Strahlung. Die Elektroinstallation ist zwar abenteuerlich, aber offenbar so fachkundig ausgeführt, dass die Sicherungen nicht ständig durchbrennen. Der Stromverbrauch muss astronomisch hoch sein. Bezahlen werden die Vietnamesen den Strom nicht, der Zähler wird umgangen, der Strom illegal abgezapft. Pflanzen, die nicht richtig gedeihen wollen, kommen auf eine Krankenstation. Draußen auf der Heyestraße hat die vier Vietnamesen keiner gesehen. Kein Anwohner kann sich an sie erinnern, hat sie mal gesehen oder von ihnen gehört.

Ohne Tageslicht arbeitet das Quartett aus drei Männern und einer Frau offenbar wochen- und monatelang bei künstlichem Licht auf der Plantage. Würde ein Polizist sie draußen auf der Straße kontrollieren, müssten sie sofort festgenommen werden. Alle vier halten sich illegal in Deutschland auf. Woher genau sie kommen, wann sie eingereist sind, ob sie auf eigene Faust oder im Auftrag handeln - das will bis heute keiner erklären.

Die 3000 von ihnen betreuten Hanf-Pflanzen liefern 120 Kilo Rauschgift. Daraus lassen sich beim Verkauf etwa 960 000 Euro erzielen. Bei intensiver Pflege können die Pflanzen aber bis zu viermal im Jahr "geerntet" werden, das bringt fast vier Millionen Euro. Trotz der großen Razzia im Januar wird offenbar weiterhin Hanf angebaut. Dass die Vietnamesen auf eigene Faust dort die Hanf-Plantage betrieben haben sollen, das fällt vielen schwer zu glauben. Zumal Investitionen nötig waren, um die Hanf-Pflanzen überhaupt anbauen zu können.

Am 15. März durchsucht die Polizei erneut das Red Pearl. Immer noch werden Rocker gesucht, die möglicherweise bei der Schlägerei in Mönchengladbach mit dabei waren. Während der Durchsuchung der Kneipe fällt einigen Polizisten ein ungewöhnlich starker Haschisch-Geruch auf. Sie steigen - wieder ohne Durchsuchungsbeschluss - in die fünfte und sechste Etage auf und finden dort hinter angeblich nicht verschlossenen Türen die große Haschisch-Plantage. Es ist einer der größten Funde in ganz Nordrhein-Westfalen. Die Vietnamesen werden noch in der Nacht festgenommen, ebenso wie der 24-jährige Betreiber des "Red Pearl", der gleichzeitig Präsident des Clan 81 ist. Doch schon einen Tag lässt ihn die Polizei wieder frei.

Offenbar hat der Vermieter des Bunkers in seiner Aussage bei der Polizei dazu beigetragen, die Mietverhältnisse in dem Bunker zu klären. Der Anwalt des Clan 81 Präsidenten, Wolf Bonn, spricht von für die Inhaftierung "unbegründeten Verdachtsmomenten." Offenbar gab es zwischen dem Vermieter des Bunkers und den vier Vietnamesen einen "eigenständigen Mietvertrag." Der Vertrag habe bereits Monate vor dem Einzug des Clan 81 in das Erdgeschoss bestanden.

Anwalt Wolf Bonn wies die Darstellung der Polizei, die Vietnamesen seien als "Gärtner und Erntehelfer" des Clan 81 angeheuert worden, entschieden zurück. Die Vietnamesen hätten sich in den oberen Etagen regelrecht verschanzt, keiner hätte gewusst, dass sich dort oben überhaupt Menschen aufhalten. Die Mitglieder des Clan 81 hätten überhaupt nicht gewusst, wer dort oben Mieter sei. Angeblich hätten die Vietnamesen die fünfte und sechste Etage - die nur über Treppen zu erreichen ist - als Möbellager angemietet.

Schon einen Tag nach der Razzia und dem Haschisch-Fund trifft sich der Clan 81 wieder im Red Pearl. Auf einem kleinen Rasenstück neben dem Bunker wird ein Grill aufgebaut, es gibt Würstchen und Bier. Die Männer tragen ihre Kutten, lachen und scherzen miteinander. Anwohner sind erstaunt und verdutzt. Entgegen ersten Meldungen wird das Red Pearl doch nicht geschlossen. Die Mitglieder des Clans legen in einer benachbarten Gaststätte Flyer aus, laden zur nächsten Fete am 14. April ein. Wird das Red Pearl geschlossen?

"Solange die Ermittlungen der Polizei laufen, können wir nichts machen", sagt ein Stadt-Sprecher. Das Düsseldorfer Ordnungsamt wartet ab. Das Gesetz lässt es möglicherweise zu, die Kneipe zu verbieten, bzw. die einmal erteilte Erlaubnis zurückzuziehen. Das haben die Gerresheimer Bezirksvertreter von Anfang an gefordert. Schon immer war den Politikern das "Red Pearl" ein Dorn im Auge. Im Gesetzestext heißt es, eine Erlaubnis kann zurückgenommen werden, wenn "Tatsachen die Annahme rechtfertigen, dass der Antragsteller die für den Gewerbebetrieb erforderliche Zuverlässigkeit nicht besitzt". Es bleibt abzuwarten, ob und wie sich das Ordnungsamt nach den Ermittlungen der Polizei einschalten wird.

Viele Gerresheimer sind immer noch erstaunt. Über die unglaubliche Kaltblütigkeit, trotz einer Razzia mit mehr als 250 Beamten weiterhin über mehrere Wochen eine Hasch-Plantage in den oberen Stockwerken des Bunkers zu betreiben. "Das hat keiner für möglich gehalten", sagt ein älterer Mann, der schon seit seiner Geburt im Stadtteil lebt. Seinen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen: "Man weiß ja nie". Ein junger Mann bringt es auf den Punkt: "Man sollte das alte Ding einfach abreißen. Ist eh richtig hässlich".

Wirklich?

(csr/ila)