Düsseldorf: Arbeiten in 10.000 Metern Höhe

Düsseldorf : Arbeiten in 10.000 Metern Höhe

Seit 15 Jahren ist Michaela Wolf Flugbegleiterin bei Air Berlin, dabei sollte der Job über den Wolken eigentlich nur ein kurzes Abenteuer sein. Zurück ins Büro als Reiseverkehrskauffrau ist Wolf aber nicht mehr.

Wenn Michaela Wolf zur Arbeit fährt, verabschiedet sie sich von ihrer Familie gleich für mehrere Tage. Sie hat keinen klassischen Nine-to-five-Job, Michaela Wolf ist Flugbegleiterin bei Air Berlin. Ihr Arbeitsplatz befindet sich 10.000 Meter über den Wolken, und nach einem Langstreckenflug kommt die Mutter und Ehefrau erst nach vier Tagen wieder nach Hause.

Es ist Sonntagfrüh, irgendwo in Mönchengladbach klingelt der Wecker. Das Display zeigt 6 Uhr. Michaela Wolf steht auf, zieht ihre dunkelblaue Uniform und das rote Halstuch an, packt einen kleinen Koffer mit Kleidung und Kosmetik - natürlich nur kleine Tuben und Fläschchen, die maximal 100 Milliliter fassen, denn auch Flugbegleiter müssen durch die Sicherheitskontrollen, und macht sich auf den Weg zum Düsseldorfer Flughafen.

Treffpunkt mit der Crew ist dort um 8 Uhr, vorher muss Michaela Wolf selbst durch die Kontrollen, zum Check-in und bekommt alle Papiere für den bevorstehenden Flug ausgehändigt. Diesmal geht es für die 40-Jährige mit einer A330 in die USA. "Bei diesem Flugzeugtypen treffen wir uns eineinhalb Stunden vor Start für das Briefing", sagt sie. Und mit wir meint Michaela Wolf die zwei Piloten und ihre sieben Flugbegleiter-Kollegen.

"Wir werden unter anderem über das Wetter informiert, eventuelle Turbulenzen, damit wir den Service planen können", sagt Wolf. Anschließend prüfen die Flugbegleiter, ob das Sicherheitsequipment und alle Essen an Bord sind - die beiden Piloten übrigens bekommen nie das gleiche serviert, sollte tatsächlich mal etwas nicht in Ordnung sein. Dienstältere haben dabei immer den Vorrang. Michaela Wolf ist seit 15 Jahren bei Air Berlin, und für den heutigen Flug nach Fort Myers wird sie sich mit zwei Kolleginnen um die 19 Passagiere der Business Class kümmern.

Inzwischen ist es 8.45 Uhr, das Boarding für die AB 7008 beginnt. Der Start ist für 9.15 geplant. Zuerst dürfen die Passagiere einsteigen, die vorne sitzen, in der Klasse, in der es Champagner und Orangensaft zur Begrüßung gibt. Und anschließend noch ein warmes Tuch. Währenddessen kämpfen im hinteren Teil der Maschine die Reisenden mit ihrem Handgepäck, das sie in den kleinen Fächern über ihren Köpfen zu verstauen versuchen. 9.16 Uhr, "Boarding completed", der Pilot begrüßt die Passagiere: "Guten Morgen meine Damen und Herren, ich bin heute Ihr Kapitän auf dem Flug von Düsseldorf nach Fort Myers."

Die Maschine rollt zur Startbahn, auf den Monitoren laufen die Sicherheitseinweisungen. Links und rechts sind die Notausgänge, unter dem Sitz liegen die Rettungswesten und sollte es zu einem Druckabfall kommen, fallen aus der Decke automatisch die Sauerstoffmasken. "Die manuelle Sicherheitsdemonstration machen wir nur, wenn die Monitore ausfallen", sagt Michaela Wolf.

Die Air Berlin-Maschine hat kaum abgehoben, da springt Wolf schon von ihrem Klappsitz auf, fragt nach den ersten Getränkewünschen und erklärt ganz nebenbei noch die verschiedenen Funktionen der neuen Sitze in der Business Class. In den kommenden zehn Stunden wird Michaela Wolf laufen, sehr viel laufen, jedes Getränk und jeden Teller wird sie per Hand zu den Gästen bringen. "In der neuen Business Class von Air Berlin haben wir keine Trolleys mehr, dadurch können wir die Gäste noch individueller betreuen", sagt Wolf. Einen Unterschied zwischen Normal- und Business-Class macht die 40-Jährige aber nicht. "Ich behandele alle Gäste gleich." Nur die Zeit für einen Plausch fehle hinten manchmal, wenn, wie bei diesem Flug, 204 Passagiere bedient werden müssen.

Auf den kleinen Monitoren, die in den Sitzen eingebaut sind, wird die Route nach Florida angezeigt. Gerade hat der Flug AB 7008 London und Dublin passiert. Die Flughöhe beträgt 10598 Meter, gleich geht es aufs offene Meer hinaus. Davon bekommt Michaela Wolf nichts mit, sie nimmt gerade Bestellungen entgegen, "Hähnchen oder Rind oder doch vegetarisch?" Fast zwei Stunden servieren Wolf und ihre beiden Kolleginnen Vorspeisen, Hauptgänge und Nachtische, räumen alles wieder ab und füllen Getränke nach, ehe sie mit dem Duty free-Verkauf beginnen. Erst nach guten sechs Stunden hat Michaela Wolf die erste Pause.

Sie klappt ihren kleinen Sitz herunter und isst etwas. "Wir bekommen zwar immer Essen, heute habe ich mir aber selbst eine Kleinigkeit mitgebracht", sagt sie. Das erste Mal an diesem Tag, an dem sie etwas Zeit für sich hat und Zeit, ein bisschen von sich zu erzählen. Eigentlich ist Michaela Wolf gelernte Reiseverkehrskauffrau. Irgendwann wollte sie mal etwas anderes ausprobieren, schickte ihre Bewerbung zu Air Berlin, um für zwei Jahre als Flugbegleiterin zu arbeiten. "Das war vor 15 Jahren." Sie ist froh, dass sie nicht acht Stunden in einem Büro sitzen muss, die Welt sehen kann. Bangkok ist ihr Lieblingsziel. "Und die Turbulenzen machen mir nichts aus", sagt sie.

Aber: An die ständigen Zeitumstellungen wird sich Michaela Wolf wohl nie gewöhnen können. "Heute ist es sogar noch schwieriger. Wenn ich nach Hause komme, muss ich funktionieren. Ich habe ein Kind", sagt sie. Es ist ein Beruf, der an die Substanz geht. Kurz bevor die Maschine über Fort Myers zur Landung ansetzt, verhebt sich Wolf. Ihr Rücken macht Probleme, sie kann kaum sitzen. Bis zur Mietwagenstation muss die 40-Jährige es noch schaffen, damit sie zu ihrer Freundin fahren kann, bei der sie bis Dienstag übernachtet. "Eine ehemalige Kollegin, die inzwischen in den USA lebt", sagt Wolf. Wenn es nicht gerade Fort Myers ist, schläft sie mit ihren Kollegen im Hotel.

Der Flug Air Berlin, Flugnummer AB 7008 ist gelandet, ein bisschen verspätet, weil der Gegenwind so stark war. Michaela Wolf verabschiedet ihre Passagiere und verlässt mit leicht gekrümmtem Rücken die Maschine.

(RP)