Amoklauf am Hauptbahnhof Düsseldorf — kaum etwas erinnert an Axt-Angriff

Amoklauf am Hauptbahnhof Düsseldorf : Der Morgen nach dem Axt-Angriff — kaum etwas erinnert an die Gewalttat

Wo am Donnerstagabend Sondereinsatzkommandos mit Maschinenpistolen patroullierten, sieht am Morgen nach dem Amoklauf alles aus wie immer. Trotzdem ist das Verbrechen gegenwärtig.

Pendler eilen durch den Hauptbahnhof, Sicherheitsleute beobachten die Szene - wie jeden Freitagmorgen am Düsseldorfer Hauptbahnhof, den täglich etwa 270.000 Menschen passieren.

Nur die Fernsehkameras und Übertragungswagen auf dem Bahnhofsvorplatz weisen darauf hin, was hier vor wenigen Stunden passiert ist: Ein Mann aus Wuppertal, der unter psychischen Problemen leiden soll, schlug wahllos mit einer Axt um sich, verletzte neun Menschen, vier von ihnen schwer, und sprang schließlich auf der Flucht von einer Eisenbahnbrücke.

Sofort nach der Spurensicherung war ein Reinigungstrupp unterwegs und entfernte Blutspuren aus der Passage des Hauptbahnhofs. Hier hatten Passanten und Rettungskräfte, wie auf dem Video eines Augenzeugen zu sehen war, Verletzte erstversorgt.

Am Morgen danach schauen sich die Reisenden, die durch den Bahnhof hetzen, kaum um. An Gleis 13, wo der Tatverdächtige mit der S-Bahn ankam und wo er offenbar seinen Angriff begann, herrscht Betrieb wie immer. Viele, die hier auf die Bahn warten und dabei einen Kaffee trinken, werden das Detail nicht kennen, das genau hier der Amoklauf begann.

Schaut man allerdings in die Gesichter der Verkäufer an den Imbiss-Ständen im Hauptbahnhof, sieht man doch Sorgen, Stirnrunzeln. Viele unterhalten sich leise. Sie konnten sich am Morgen nicht aussuchen, ob sie herkommen wollten.

Pendler und Reisende sind relativ unbesorgt

Horst Morwinski dagegen sagt von sich, er sei "ganz gefasst". "Es ist ja schlimm genug, dass so etwas passiert. Da mache ich mir jetzt nicht noch Sorgen drum", sagt der 66-Jährige aus Kamen. "Gestern habe ich noch mit meiner Frau darüber geredet, aber wir sehen das beide so. Darum fahre ich normal mit dem Zug heute morgen, wie sonst auch."

So wie ihm geht es vielen Reisenden. Der 26-jährige Nicolas Schmelling aus Düsseldorf beispielsweise klingt recht abgeklärt: "Das war meiner Meinung nach einfach so eine Verirrungstat und kein geplanter Anschlag. Kann immer mal passieren."

Diese Haltung teilt Karin Mokros-Kreutzer (73), die ganz in der Nähe des Hauptbahnhofs wohnt. Sie habe sich mehr Sorgen gemacht, ob sie die geplante Bahnreise mit ihrer Nichte heute werde antreten können. "Es kann ja überall passieren."

Amoklauf am Hauptbahnhof Düsseldorf

Der Gerresheimer Stefan Maxeiner steht mit seiner Familie am Gleis und wartet auf einen Zug nach Berlin. Auch am Donnerstagabend war er hier und wollte die reservierten Fahrkarten abholen. Daraus wurde nichts: "Ich habe direkt das ganze Polizeiaufgebot gesehen und wurde von den Beamten rausbegleitet. Da fühlt man sich ja direkt sicher und beschützt." Er habe kein mulmiges Gefühl, wieder am Bahnhof zu sein.

Am Freitagmorgen ist kein besonderes Aufgebot von Polizei vor Ort — jedenfalls nicht in Uniform. Auch mehr Sicherheitsleute als sonst sind nicht zu sehen. Die konstant hohe Terrorgefahr der letzten Monate, die immer wiederkehrenden Nachrichten von Anschlägen aus anderen Städten: All das lässt den Menschen am Düsseldorfer Hauptbahnhof einen Amoklauf, der zum Glück ohne Tote ablief, offenbar glimpflich erscheinen.

Im Bahnverkehr sind am Morgen nach dem Amoklauf Störungen ausgeblieben. "Es fahren momentan alle Züge planmäßig", sagte eine Sprecherin der Deutschen Bahn. Alle Gleise seien wieder für den Zugverkehr freigegeben, auch die Gleise 13 und 14, wo der mutmaßliche Täter seinen Angriff begonnen hatte.

Noch in der Nacht seien die meisten Züge wieder an ihre richtigen Punkte zurückgekehrt, sagte die Sprecherin. Nach der Tat war der Düsseldorfer Hauptbahnhof zunächst weitläufig abgesperrt und evakuiert worden.

Insgesamt hatte die Sperrung am Abend Auswirkungen auf Tausende Pendler und Reisende. Nach Angaben der Deutschen Bahn waren 123 Züge von dieser Sicherheitsmaßnahme betroffen. Darunter waren 30 Züge im Nah- und Fernverkehr, die umgeleitet wurden. Zwei Züge fielen komplett aus. Dutzende andere Züge fuhren nicht die volle Strecke und wendeten vorzeitig.

Die Beamten seien von Anfang an davon ausgegangen, dass es sich um einen Amoklauf handle, hieß es am Morgen. Es habe "zu keiner Zeit" Hinweise auf ein extremistisches oder islamistisches Motiv gegeben. Demnach sei nun auch sicher bestätigt, dass der Täter allein gehandelt habe. Alle weiteren Personen, die am Donnerstag kurzfristig festgenommen worden waren, seien wieder freigelassen worden.

Der für Infrastruktur und Sicherheit zuständige Vorstand der Deutschen Bahn, Ronald Pofalla, lobte die Zusammenarbeit der Bahn mit den Sicherheitsbehörden ebenfalls. "Mein ganzer Dank gehört den Sicherheitskräften von Bundespolizei, DB und Landespolizei. Sie haben schnell, beherzt und sehr professionell gehandelt. Die eingeübte und gute Zusammenarbeit hat sich voll bewährt", sagte Pofalla unserer Redaktion.

Der Düsseldorfer Hauptbahnhof habe ein beispielhaftes Schutzniveau, so Pofalla. "Es gibt hier eine gut ausgestattete Bundespolizei-Wache und rund um die Uhr Sicherheitskräfte der DB. Zusätzlich überwachen fast 80 Videokameras den Bahnhof." In den kommenden Jahren werde die Bahn verstärkt in Sicherheitsmaßnahmen an Bahnhöfen und in den Zügen investieren. "Wir bauen kontinuierlich die Videoüberwachung aus. Allein am Hauptbahnhof Köln haben wir im letzten Jahr 200 neue Kameras installiert. Neun weitere Bahnhöfe in NRW haben ebenfalls neue Videotechnik erhalten."

Hier lesen Sie das Protokoll des Abends.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Der Tag nach dem Amoklauf in Düsseldorf

(hpaw)