Serie "Düsseldorfer Geschichte(n)": Als Günter Scherrer das Victorian war

Serie "Düsseldorfer Geschichte(n)": Als Günter Scherrer das Victorian war

Ins Sterne-Restaurant an der Königstraße kam die Prominenz - von Bertold Beitz über Sophia Loren bis zu Peter Ustinov.

Jeden ersten Donnerstag im Monat kam Krupp-Magnat Berthold Beitz ins Victorian an der Königstraße. Selbst als er schon über 90 war, und er saß immer am selben Tisch. "Tisch 9", wie Michael Noack, ehemaliger Restaurantleiter und Sommelier, sofort sagt. Tisch 9 war der schönste Platz im Restaurant in der ersten Etage. Beitz kam immer mittags zum Essen, nachdem er beim Friseur Finne im Breidenbacher Hof war. Als Entree bestellte er dann vorzugsweise Kaviar. "Eigentlich immer", erinnert sich Noack, "und er war auch sonst ein Gourmet und orderte gerne Luxusgerichte."

Mehrfach traf sich Krupp-Lenker Beitz mit seinem einstigen Rivalen Günter Vogelsang von Thyssen. Und an Tisch 9 besiegelten die beiden mächtigen Konzernchefs den Zusammenschluss ihrer Unternehmen. "Per Handschlag", wie sich Michael Noack erinnert - und selbstverständlich bei Kaviar und Champagner. Auch Vogelsang kam öfter einmal ins Victorian. Denn das Restaurant war in der Innenstadt die absolute Nummer 1. 1982 geschlossen, hatte es die König-Brauerei für 4,5 Millionen Mark umbauen lassen - "von Franjo Pooth senior", erzählt Günter Scherrer.

Von 1984 bis 2001 war er Küchenchef im Victorian, prägte das Haus wie kein anderer. Der Senior-Chef - Dr. König, wie Leo König respektvoll genannt wurde - hatte Scherrer abgeworben. Der hatte zuvor im Hilton gearbeitet und dort schon einen Michelin-Stern gehabt. Als er 1984 an die Königstraße wechselte, erkochte er noch im selben Jahr den Stern fürs Victorian, den alle seine Nachfolger ebenfalls holten.

Scherrer war begeistert von dem außergewöhnlichen Konzept für das Victorian. "Das lief wie die Feuerwehr", sagt er rückblickend. Im ersten Stock das Sternerestaurant mit 40 Plätzen, darüber zwei Séparées, im Parterre das Bistro (rund 100 Plätze) mit Bar, wo Scherrer die Honneurs gleichermaßen entgegennahm. "Man kann ein Restaurant nicht vom Schreibtisch aus führen", sagt er und begrüßte gerne die Gäste, nicht nur die illustren.

Scherrer war eine Institution. Er war das Victorian. Und alle, die bei ihm gelernt oder gearbeitet haben, sprechen heute noch respektvoll von ihm. Zwei-Sterne-Koch Berthold Bühler war sein Souschef, Sascha Stemberg hat bei ihm gelernt. Frühere Mitarbeiter an Herd und Kochlöffel waren Holger Berens und Drei-Sterne-Koch Claus-Peter Lump (Barreis). Noch heute ist Scherrer stolz auf seine Mitarbeiter. "Da waren sehr gute Leute dabei, und die mussten auch sehr, sehr viel arbeiten - für wenig Geld."

Ins Victorian kamen die, die sich einmal einem besonderen Abend gönnen wollten. Und es zog die 1-a-Prominenz ins Nobelrestaurant, möglichst an Tisch 9. Gabriele Henkel saß dort und trank ihre Cola, während ihr Gegenüber, Udo Lindenberg, am Eierlikörchen nippte. Walter Scheel war ein gerngesehener Gast. "Für ihn haben wir sogar die zweite Hochzeit ausgerichtet", erinnert sich Scherrer. Ob Herbert Wehner, Johannes Rau oder Helmut Kohl, die Liste der Politiker-Riege ist lang. Die Kanzlerin besuchte 2011 Düsseldorf. Und wo ging sie essen? Im Victorian.

Ihr Vorgänger Gerhard Schröder kam gerne an die Königstraße. Vor allem, als er zur so genannten Toskana-Fraktion gehörte. Das war in der 90er Jahren. Vorzugsweise bestellte er edlen Wein aus Italien und anschließend rauchte er eine Cohiba. Heute unvorstellbar, gehörte das Zigarrenrauchen zum Abschluss eines exzellenten Essens. "Das Zigarrenrauchen wurde richtig zelebriert ", erinnert sich Michael Noack.

Ob Politik oder Schickimicki - es zog sie an die Königstraße: Verona Pooth, als sie noch Feldbusch hieß, die ganze Modeszene, nicht nur zu Messezeiten. Karl Lagerfeld schaute vorbei. Die Düsseldorfer Couture war eh Stammgast "Wolf Selbach kam nur mittags, Hännschen Friedrich eigentlich immer", berichtet Noack und schwelgt in Erinnerungen. "Claudia Schiffer kam gerne ins Bistro", sagt Scherrer. Er erinnert sich an den Besuch von Tina Turner, während Michael Noack noch heute von Sophia Loren und Peter Ustinov schwärmt.

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Sehen und gesehen werden, lautete das Motto. Und alle genossen dabei die hohe Kochkunst des Maître. Scherrer bot eine klassische französische Küche mit modernem Touch. Dabei experimentierte er auch gerne. Es gab eine ständig wechselnde Speisekarte, so dass es den Gästen nie langweilig wurde.

Seine außergewöhnliche Kochkunst brachte Scherrer hohe Ehren ein: So durfte er das Gala-Dinner des japanischen Kaisers bei dessen Besuch in Düsseldorf zubereiten. Als etwas Besonderes empfindet er es noch heute, Gastgeber der Chefs der Chefs gewesen zu sein. "60 Küchenchefs aus Königsfamilien und von Präsidenten kamen ins Victorian zum Lunch", sagt er.

In diesem außergewöhnlichen Restaurant gab es immer wieder außergewöhnliche Dinge. So beispielsweise für viele Gäste ein privates Gästebuch. Das wurde beim Besuch auf den Tisch gestellt, der Name des Gastes war in Gold ins Leder eingeprägt. Handschriftlich wurden jedes verzehrte Menü eingetragen und die Etiketten der getrunkenen Weine hineingeklebt.

Apropos Wein: Der lagerte nicht nur an der Königstraße, sondern auch in Duisburg bei der Brauerei König. "Wer konnte sich in den 90er Jahren schon einen Weinkeller für zwei Millionen Mark leisten?", fragt Scherrer. Ob Gaja oder Antinori, die hochkarätigen Winzer kamen zu den legendären Weinabenden. Paula Bosch, heute eine bekannte Sommelière, arbeitete an der Königstraße, und Michael Noack wurde kurz vor seiner Pensionierung 2015 zum Sommelier des Jahres gekürt.

Es waren wunderbare Zeiten im Victorian. Nicht nur zu Scherrers Zeiten. Sein Nachfolger Bobby Breuer wusste, dass Scherrer große Fußstapfen hinterließ, und legte einfach eine neue Spur. Zum Bedauern der Mitarbeiter verließ er Düsseldorf und ist heute Küchenchef im Esszimmer (zwei Sterne) der BMW-Welt in München. Burkhard Lindlar übernahm kurz, Christian Penzhorn, sein Souschef, führte anschließend die Küchenbrigade. Am längsten blieb (nach Scherrer) Volker Drkosch, der allerdings nicht gerade im Frieden mit der damaligen Geschäftsführung ausschied, als die das Konzept ändern wollte - nur noch Bistro-Küche. So erkochte Drkoschs Nachfolger Matthias Hein zwar noch einmal den Stern, doch als es die gehobene Küche im Victorian nicht mehr gab und das Restaurant seinen Stern verloren hatte, kündigte auch er.

Nach aufwendigen Umbau im Sommer 2015 zeigte sich das weit über die Stadtgrenzen bekannte Victorian ganz neu: unprätentiös, jung und modern. Heute gehört das Haus Ali Erdogan. Zuletzt standen dort viele Pasta-Gerichte und Flammkuchen-Varianten auf der Karte. Seit November ist das Victorian geschlossen. Wie es mit der Zukunft aussieht, daraus macht Erdogan ein großes Geheimnis. "Ich mache dazu keine Aussage", erklärte er auf Anfrage unserer Redaktion. Erst in den kommenden Wochen möchte er sich äußern.

Viele Gäste vermissen den Flair des Hauses an der Königstraße. Zu Scherrers Philosophie gehörte: "Man muss dem Gast das Gefühl geben, bei uns zuhause zu sein."

(RP)
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