Düsseldorf: Akustische Illusionen aus Flingern

Düsseldorf: Akustische Illusionen aus Flingern

George F. Hapig hat einen ungewöhnlichen Beruf. Er ist Geräuschemacher. In seinem Studio in Düsseldorf produziert er Sounds für internationale Film- und Fernsehproduktionen.

George F. Hapigs Arbeitsplatz liegt in einem Hinterhof an der Flurstraße in Flingern. Der 62-Jährige begrüßt in Imperativen: "Reinkommen. Hinsetzen. Zuhören." Er trägt eine graue Arbeitshose mit Hosenträgern. Unter dem roten Polohemd wölbt sich ein stattlicher Bauch. Seit knapp 20 Jahren ist der Deutsch-Brite im Geräusch-Geschäft. Eine Frage verbittet er sich gleich zu Beginn: die nach dem schwierigsten Sound. Und den Begriff Geräuschemacher mag er auch nicht. "Unsere Bandbreite ist viel größer." Er präferiert die englische Bezeichnung, Foley Artist. Der US-Amerikaner Jack Foley war in den sechziger Jahren einer der Ersten, die Filme mit Sounds untermalten.

Hapig hat den Beruf des Toningenieurs gelernt. Von da kam er zum Geräuschemachen. Er hat "Columbo" vertont, "Law & Order" oder "Es war einmal ... der Mensch". Im Eingangsbereich seines Raum-Labyrinths hängen unzählige Filmplakate. Natürlich sei er filmverrückt, so Hapig. "Sonst brauchen Sie den Job gar nicht zu machen."

Die Herzkammer der "Foley Lounge" ist ein Raum, der auf den ersten Blick anmutet wie das Reich eines echten Messies. Freie Quadratzentimeter sind hier Mangelware. Zerknitterte Filmrollen lagern neben Flaschen, Tauen, alten Schreibmaschinen, Bügeleisen, Kabeln, Stangen und Gittern. Mittendrin: eine Toilettenschüssel. All das wirke nur auf den ersten Blick chaotisch, erklärt Hapig. "Alles hat seinen festen Platz. Ich weiß genau, wo ich was finde." An der Wand lehnen zwei Motorhauben. Auf dem Boden ist ein buntes Potpourri an Belägen verlegt: Bürgersteig, Parkett, Fliesen, Teppich. Waldboden. Jeder Schuh, jeder Untergrund hat seinen eigenen Klang.

Der Foley Artist verfügt über 60 Paar Schuhe, mit denen er unterschiedlichste Schrittgeräusche erzeugen kann. Gehende Frauen hat Hapig dabei ausgiebig studiert - am lebenden Objekt: "Ich saß mehrere Stunden in einer Londoner U-Bahn-Station und habe Frauen beim Laufen belauscht." Am Ende stand die Erkenntnis: "Nur Stilettos klingen wirklich hoch."

Dann beginnt seine Demonstration. Wieder mit einem Imperativ: "Augen schließen!" Man hört: Schritte im Schnee. "Augen auf!" Man sieht: Einen Jutebeutel mit Maismehl, der vom Spezialisten geknetet wird. Die akustische Illusion, sie ist perfekt. Mittels einer zerknitterten Filmrolle simuliert Hapig brechendes Geäst. Und mit Hilfe von Speichel, den er mit dem Finger auf einer Kühlerhaube verreibt, einen rutschenden Körper in der Badewanne.

Keine Frage: Sein Beruf erfordert jede Menge Fantasie. Welche Geräusche sind seine Spezialität? Die Antwort kommt schnell: "Wasser und Waffen." Er steht kurz auf, verlässt den Raum und kommt mit einer AK 100 zurück. "Eine Pumpgun", erklärt er, natürlich nur eine Nachbildung. "Das ist Arnies Waffe. Die taucht in allen Schwarzenegger-Filmen auf." Hapig nutzt die Replika lediglich für Nachladegeräusche. Die Schieß-Sounds kommen hingegen aus dem Archiv. Alles andere sei zu aufwendig, bedürfe zahlreicher Genehmigungen.

Während er das erklärt, hat sich der Foley Artist umgezogen. Er trägt nun einen dunkelgrünen Angleranzug - und geht voran, die Treppe hinab. Im Keller des Studios steht ein 8000-Liter-Pool. "Hier werden sämtliche Wassergeräusche aufgenommen." Paddelnde Boote. Ein Körper, der ins Wasser plumpst. Ein U-Boot, in das Wasser eindringt. Während Hapig im Becken steht und das Geräusch erzeugt, sitzt eine Etage höher in einem der fünf Studioräume Tonmeisterin Dina Pohl und mischt den Ton passend zum Bild. Hapig ist gut im Geschäft. Die meisten seiner Aufträge kommen aus England, den Niederlanden und Belgien. "Da wird viel besser bezahlt als in Deutschland." Nicht zuletzt deshalb hat er seinen Firmensitz mittlerweile ins niederländische Arnheim verlegt. "Hier in Flingern bilde ich in erster Linie aus", sagt der 62-Jährige. Vier Tage dauert die Vertonung eines Tatorts. Ein Kinofilm könne schon einmal zehn Tage in Anspruch nehmen. "Wir arbeiten zehn bis 12 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche", lässt er wissen. Hapig ist wie viele, die zu den Besten ihrer Zunft gehören. Ein Liebender. Ein Besessener. Seit 25 Jahren leidet er an Schuppenflechte, weil die Studioarbeit nun mal im Dunkeln stattfindet. Ans Aufhören denkt er trotzdem nicht. Er ist sich sicher: "Ich sterbe am Pult."

(RP)