Ärger um LED-Wand Warum ein Anlieger in der Schadowstraße jetzt mit einer Klage droht

Exklusiv | Düsseldorf · Die Werbewand ist mehr als vier Meter hoch und 70 Meter breit. Mitarbeiter im Haus über Juppen klagen über Kopfschmerzen wegen der Farbwechsel und Lichteffekte. Das sagt Firmenchef Paul Prange.

Paul Prange und Brigitte Reedmann in einem der Büros über dem Schuhgeschäft Juppen. Die LED-Wand befindet sich gegenüber auf Augenhöhe.

Paul Prange und Brigitte Reedmann in einem der Büros über dem Schuhgeschäft Juppen. Die LED-Wand befindet sich gegenüber auf Augenhöhe.

Foto: Bretz, Andreas (abr)

Die LED-Wand im Kö-Bogen II (Ingenhoven-Tal) droht zum Streitfall vor Gericht zu werden. Der Eigentümer des gegenüber liegenden Hauses Schadowstraße 49-51, in dem sich das Schuhhaus Juppen befindet, sieht durch die große Werbefläche unzumutbare Beeinträchtigungen für seine Mitarbeiter. Zwar hat der Betreiber der Anlage bereits auf die Beschwerden reagiert, aber behoben sind sie noch nicht. Aktuell werden von beiden Seiten Gutachten erstellt. „Wenn die Belastungen nicht auf ein erträgliches Maß reduziert werden, klagen wir“, sagt Paul Prange. Dann könne es auch um die Frage gehen, ob die Wand abgestellt werden müsse.

Die LED-Wand in dem Neubau auf der Schadowstraße soll das Einkaufserlebnis attraktiver machen. Ihre Ausmaße sind enorm. Sie ist mehr als vier Meter hoch und 70 Meter breit. Sie befindet sich über den Fensterfronten der Geschäfte und soll, wie die Stadt und der Kö-Bogen-Investor Centrum bestätigen, noch auf 112 Meter verlängert werden. Die LED-Wand kam erst spät in den Planungsprozess des Ingenhoven-Tals. Der Antrag dafür wurde im Dezember Ende 2018 gestellt und Ende März 2020 genehmigt.

„Digitale Flächen in Verbindung mit der Architektur halten immer mehr Einzug in den Städtebau“, sagt Leif Witte, Geschäftsführer der Urban Culture Media (UCM), die Betreiberfirma der LED-Wand ist. Nach einer Probephase ist im November der Regelbetrieb gestartet. Spots mit viel Bewegung, kräftigen Farben und einigen blitzartigen Effekten waren seitdem auf dem Mega-Screen zu sehen, unter anderem bewegten sich Autos und flogen Flugzeuge. Die Stadt, für die Schaltzeiten reserviert sind, brachte lächelnde Kinder für die Euro 2024 auf die Leinwand. Auch die Kunst hat auf der Wand ihre Präsenz.

In den Büros über dem Juppen-Geschäft gibt es nun Farbspiele und wechselnde Lichter, es flackerte auch und blitzte. Paul Prange (Juppen gehört zu Prange) fertigte davon Filme an. Unter diesem Dauereinfluss zu arbeiten, sei für die Mitarbeiterschaft zur großen Belastung geworden. Schuhkartons und Pappen wurden zum Schutz auf die Fensterbänke gestellt, Jalousien heruntergelassen. Eine Mitarbeiterin ist eine Woche ausgefallen. Eine andere, Brigitte Reedmann, klagt über Kopfschmerzen. Sie sehe die Farb- und Lichtwechsel permanent im Augenwinkel. „Das ist auf die Dauer nicht zu ertragen.“

Prange schaltete seine Betriebsärztin ein, die nach einer Begehung mit Blick auf Blendeffekte schrieb: „Lichtflimmern, Flackern, Blitzen setzt den menschlichen Körper unter Stress. Es findet ein Anpassungsprozess statt, der das Gehirn und die Muskeln belastet. Das Lichtflimmern wird teilweise bewusst, meistens unbewusst vom Betrachter wahrgenommen und hat zahlreiche negative Auswirkungen, die sich aber bei jedem Menschen unterschiedlich auswirken können.“ Die Medizinerin meint, dies könne sogar zu einer reduzierten Arbeitsleistung führen. Ihre Schlussfolgerung: „Da hier eine erhebliche physische und psychische arbeitsbedingte Belastungssituation vorherrscht, empfehle ich dafür zu sorgen, dass die Belastung der Mitarbeiter eliminiert wird, beispielsweise durch Abschalten der blinkenden Anlage während der Arbeitszeit.“

Eine Abschaltung wäre für Centrum der „worst case“. Immerhin beläuft sich die Investition auf fünf Millionen Euro. Es gab Treffen bei Juppen, Anwälte und Gutachter sind eingeschaltet. Die Rechtslage ist vielschichtig. „Wir müssen eine technische Klärung herbeiführen“, sagt Pranges Anwalt Stephan Brinkmeier. Das wird bei dieser deutschlandweit einzigartigen Anlage nicht einfach. UCM sagt selbst: „Norm-Werte für höchstzulässige Licht-/Video-Sequenzen-Wechsel bei nicht Periodischen Anlagen (zum Beispiel LED-Videoinstallationen) existieren derzeit nicht.“

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Brinkmeier bestätigt, dass Centrum und UCM „durchaus bemüht sind“, die Probleme zu reduzieren. So wurde die Lichtintensität der Anlage heruntergedimmt. Blitzeffekte wurden entfernt, die Übergänge zwischen den Spots durch „Fading“ angenehmer gestaltet. Alle Filme durchlaufen nach der Produktion eine Kontrolle. Messlatte sind dabei die Vorgaben der Genehmigung durch die Stadt. Folien, die den Blick auf die Straße nehmen könnten, stoßen bei Prange auf wenig Gegenliebe. Centrum-Prokurist Jürgen Mentzel nennt elektrochrome Fenster als mögliche Alternative, die teilverdunkelt werden könnten.

Die UCM nennt in ihrer Antwort auf unsere Anfrage die Genehmigungsgrundlage. Die Ämter der Stadt hätten sich auf die einschlägige technische Richtlinie, bezeichnet als „Hinweise zur Messung, Beurteilung und Minderung von Lichtimmissionen der Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft für Immissionsschutz (LAI)“ mit Stand von November 2015 bezogen. Die höchstzulässigen Lux-Werte, die an nachbarlichen Fassaden auftreffen dürfen, seien in den Nebenbestimmungen exakt nach dieser LAI-Richtlinie festgesetzt worden. Sie würden an allen Fassaden der gegenüberliegenden Straßenseite der Schadowstraße eingehalten.

Die Stadt teilt mit: „Es sind Werte festgesetzt worden, die nicht überschritten werden dürfen. Dazu gehören mittlere Beleuchtungsstärken, die für Tag und Nachtzeiten festgesetzt sind, der Immissionsrichtwert K, der das Thema Blendung behandelt, sowie technische Begrenzungen zu maximalen Lichtimmissionen (Leuchtdichte).“ Insofern sei ein lichttechnisches Planungskonzept Bestandteil der Genehmigung.

Was Prange und seinen Anwalt Brinkmeier verwundert: UCM verweist darauf, dass das Haus Schadowstraße 49-51, obgleich gegenüber der LED-Wand gelegen, „kein geschütztes und damit kein schützenswertes Objekt in Bezug auf die LED-Videowand ist“. Dies seien nach Wertungen der Stadt nur die Häuser Schadowstraße 53, 55 und 65. Ebenso merkwürdig: Die Stadt teilte dem von Prange beauftragten Gutachter mit Blick auf zur Genehmigung gehörende Messprotokolle mit: „Die geforderten Unterlagen liegen uns gegenwärtig nicht vor.“

Immerhin lässt die Stadt nun prüfen, „ob die Auflagen zu Lichtimmissionen in der Baugenehmigung eingehalten werden“. Die Seite Centrum/UCM hat einen Gutachter beauftragt, Prange ebenso. Ein gemeinsames Vorgehen kam nicht zustande, der Ton wird jetzt rauer.

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