Düsseldorf: Aamer will Bürger sein, kein Gast

Düsseldorf : Aamer will Bürger sein, kein Gast

Rund 500 Flüchtlinge wohnen in Hotels. Der Syrer Aamer und seine Freunde fragen sich, warum die Stadt diese unpraktische und teure Lösung wählt - und wie sie Bürger von Düsseldorf werden können.

Dieses Gespräch entwickelt sich komplizierter als erwartet. Aamer möchte erst einige Fragen stellen, bevor er weitere beantwortet. Vor allem eine Sache interessiert ihn: "Warum haben Sie so überrascht gewirkt, als wir von unserer Ausbildung erzählt haben?"

Gute Frage. Habe ich überrascht gewirkt? Die drei Syrer nicken. Vielleicht war das ein Missverständnis. Die entstehen in diesem Gespräch schnell, wir müssen uns mit Englisch und etwas Deutsch durchschlagen. Vielleicht war ich aber auch wirklich überrascht, sage ich. Nicht viele Menschen haben so gute Studienabschlüsse, auch Deutsche nicht. Aamer und seine Freunde sind mit dieser Antwort zufrieden. Jetzt darf erst mal ich wieder fragen.

Aamer ist 31 Jahre alt und gehört zu den rund 500 Flüchtlingen, die die Stadt derzeit in Hotels eingemietet hat, weil es an Wohnungen und Heimen fehlt. Er bewohnt acht Quadratmeter in einem Hotel im Osten der Stadt. Ein Bett, ein kleiner Tisch, ein großer Fernseher. Auf dem Stuhl liegt eine Boulevard-Zeitung, denn er will Deutsch lernen, und das nicht nur im Sprachkurs.

Ob er sich in dem Hotel wohlfühlt? Aamer antwortet freundlich, aber man merkt ihm an, dass er die Frage abwegig findet. Aamer und die beiden ebenfalls aus Syrien stammenden Freunde, die zum Übersetzen mitgekommen sind, sind keine Asylbewerber. Sie sind für mindestens drei Jahre anerkannte Kriegsflüchtlinge. Sie müssten also nicht in einer Sammelunterkunft leben, sondern dürfen sich eine reguläre Wohnung auf dem freien Markt suchen. Wer lebt dann schon gern in einem Hotel?

Aber, sagte Aamer, wenn man vom Sozialamt kommt und Flüchtling ist, hat man bei Vermietern keine Chance. Eine Erfahrung, die auch das Sozialamt bestätigt.

Das Hotelzimmer ist für Aamer das vorläufige Ende einer langen Reise. Er hat Anfang des Jahres seine Heimat in einem Dorf in der Nähe der syrischen Hauptstadt Damaskus verlassen. Der studierte Geo-Informatiker hatte bei der Kommune an digitalen Landkarten gearbeitet, bis er vor dem Krieg floh. Er kam über die Türkei und Italien nach Deutschland. Dort folgten weitere Wege: Zur Erstaufnahme ins hessische Gießen, dann zur NRW-Erstaufnahme nach Dortmund, dann nach Unna, dann für vier Monate in die Düsseldorfer Erstaufnahme in der Lacombletstraße.

Das Leben im Hotel hat praktische Nachteile, sagt Aamer. Man kann nicht kochen, muss also viel Geld fürs Essen ausgeben. Man kann keinen Besuch empfangen. Sein Freund Murhaf, 26, hat BWL studiert und fragt sich, warum das Sozialamt sich überhaupt für die Lösung mit den Hotels entschieden hat. "Das ist für die Stadt doch unglaublich teuer."

Aber Aamer mag das Hotel auch aus einem anderen Grund nicht. "Man fühlt sich als Gast." Er will kein Gast sein. Er will seinen Master machen und wieder arbeiten. Er will Bürger von Düsseldorf werden. Die anderen auch. Nach Syrien will keiner von ihnen zurück, auch dann nicht, wenn der Krieg irgendwann mal überstanden ist.

Über Hotels wollen die drei bald nicht mehr reden. Sie haben auch keine Lust, aus ihrem Leben eine Leidensgeschichte zu machen. Sie sind jung und wollen in Deutschland vorankommen. Und sie rätseln, warum das so kompliziert ist. Vier Monate hat Aamer warten müssen, bis sein Status als Flüchtling bestätigt war, nun wartet er seit Monaten auf den Personalausweis. Die drei haben nun noch ein paar Fragen. Ist Deutschland ein ausländerfeindliches Land? Sie haben den Eindruck, dass ihnen viele Leute nichts zutrauen. Und sie haben das Gefühl, viele Deutsche hielten Flüchtlinge für Kriminelle. Dann noch eine Frage: Finden die Deutschen es ausreichend, dass ihr Land 5000 Syrer aufnimmt, wo doch drei Millionen auf der Flucht sind? Schwierige Fragen.

Aamer ist am Ende nicht zufrieden mit dem Gespräch. Er hätte gern mehr erzählt. Und mehr erfahren. Zum Beispiel, warum in Düsseldorf so wenig alte Gebäude stehen. Sind denn wirklich so viele Bomben auf die Stadt gefallen? Wir verabreden uns zu einem weiteren Gespräch - in acht Monaten. Dann hat er den Deutschkursus geschafft, und vielleicht hat er auch endlich eine Wohnung.

(RP)
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