Düsseldorf: 69-jähriger Chirurg operiert in aller Welt

Düsseldorf: 69-jähriger Chirurg operiert in aller Welt

Joachim Winter könnte im Ruhestand entspannen. Stattdessen fliegt der Mediziner rund um den Globus - und erlebt dabei Kurioses.

Er hatte ihn sich sicher anders vorgestellt, seinen Ruhestand. Ruhiger irgendwie. Aber daraus wurde nichts. Denn seitdem Joachim Winter (69) nicht mehr Professor und Herzchirurg am Uniklinikum ist, operiert er in aller Welt. "Ich war bisher in 22 Ländern im Einsatz." Heißt: Er hat in den letzten drei Jahren mehr als 650.000 Flugmeilen zurückgelegt, ist umgerechnet 26 Mal um die Erdkugel gejettet. Medizin-Tourismus mal anders herum, jetzt fliegt der Arzt zu seinen Patienten.

Am 18. Januar 1984 wurde in Düsseldorf Medizin-Geschichte geschrieben. An diesem Tag setzte Professor Wolfgang Bircks, Ordinarius am Uniklinikum, einem 43-jährigen Patienten mit schweren Herzrhythmusstörungen zum ersten Mal in Deutschland einen Defibrillator ein, ein Gerät, das das Herz ständig überwacht und im richtigen Takt hält - als wirksames Mittel gegen den plötzlichen Herztod. "Diese Geräte wogen ein halbes Pfund", erinnert sich Joachim Winter, der als junger Arzt bei diesen ersten Eingriffen Bircks assistierte.

Durch eine verbesserte Technik wurde das Einsetzen in den 90er Jahren deutlich einfacher, es musste nun nicht mehr am offenen Herzen operiert werden. Das Gerät wurde - ähnlich wie ein Herzschrittmacher - zunächst unter den Bauch-, später unter den Brustmuskel eingesetzt, die Elektroden wurden über das Venensystem in das Herz gelegt. "Aber die hielten oft nicht besonders lang", so Winter. Und wenn es zu einer Infektion kam, war die lebensgefährlich. Der nächste Entwicklungsschub kam dann 2009 aus Kanada: so genannte subkutane Defibrillatoren, die nicht mehr über Elektroden mit dem Herzen verbunden sein müssen. In den vier Jahren bis zu seiner Pensionierung feilte Joachim Winter am perfekten Einsatzort, "normalerweise wird das Gerät am seitlichen Brustkorb implantiert, aber bei sehr schlanken Patienten kann es zu Komplikationen kommen". So erinnerte er sich an die "Düsseldorfer Technik" aus der Anfangszeit, bei der die Geräte unterhalb der Bauchmuskeln gesetzt wurden. "Das war's!"

Gleich nach seinem Abschied vom Uniklinikum vor vier Jahren kam die erste Anfrage aus dem Düsseldorfer Augusta-Krankenhaus, die Kardiologen dort wollten die Technik übernehmen, und Winter gab seine Kenntnisse und Erfahrungen gern weiter. Und dann begann seine zweite Karriere als reisender Herzchirurg: Im Auftrag der Firma, die die neue Generation von Defibrillatoren herstellt, fliegt er seit Ende 2013 zu Kliniken rund um den Globus, bleibt ein paar Tage, hält Vorträge, schult das Team, operiert.

Dabei hat er nicht nur die verschiedenen Gesundheitssysteme studieren können, sondern auch die unterschiedliche Mentalität und Arbeitsweise seiner Kollegen. "In Japan war mein Einsatz super-perfekt organisiert, ein exakter Ablauf, da war keine Minute unverplant." In China haperte es mit der Kommunikation. Man hatte ihn gebeten, seinen Vortrag vorab zu schicken, damit er übersetzt werden konnte. "Das war aber aus irgendeinem Grund nicht geschehen, so wurde ich nach jedem zweiten Satz unterbrochen, dann wurde erstmal übersetzt." Der Vortrag dauerte drei Stunden, doppelt so lange wie geplant. Die Kollegen in Finnland erwiesen sich als große Schweiger, "niemand redete im OP ein Wort." In Griechenland ging es eher turbulent zu, "ein ständiges Kommen und Gehen". Allerdings war so mancher Gast-Aufenthalt wohl auch eine gute Schulung gegen Vorurteile. "In Griechenland waschen sich die Kollegen vielleicht an einem alten Küchenwaschbecken und die Elektroleitungen sind mit Heftpflaster an der Wand befestigt, aber der medizinische Standard ist hoch. Und sie sind immer bereit zu improvisieren."

Ein Kapitel für sich waren seine fünf Einsätze in Saudi-Arabien. Das begann schon mit der Vorbereitung, "dazu musste ich jedes Mal in ein Berliner Büro, wo meine Fingerabdrücke genommen wurden. Ich musste meinen Pass abgeben und bekam ihn erst drei Tage später." Und um überhaupt in dieses Büro zu dürfen, brauchte er eine Einladung vom saudischen Gesundheitsminister und des Krankenhauses. Endlich in Riad, traf Joachim Winter im OP auf zwölf Nationen und vorher auf eine Managerin der Herstellerfirma, eine Libanesin, die bei seinem Symposion die Einführung sprach - "danach nahm sie auf einem Stuhl jenseits der Männerrunde Platz und wurde sofort von einem Paravent abgeschirmt, wurde zur unsichtbaren Person."

Sein Fazit nach fast vier Jahren? "Die meisten Menschen wissen nicht, wie gut wir es hierzulande mit unserem Gesundheitssystem haben - jedenfalls im Vergleich zu anderen." Zurzeit ist Joachim Winter noch in Athen unterwegs, von dort aus fliegt er zum nächsten Einsatz nach Budapest. Nächstes Jahr wird er 70, wie lange will er noch als reisender Chirurg unterwegs sein? "Ich denke langsam ans Aufhören." Und dann? Noch hat er keine Pläne, aber es wird ihm sicher was einfallen.

(RP)