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Dorian Steinhoff: "600-Seiten-Romane sind nicht mehr zeitgemäß"

Dorian Steinhoff : "600-Seiten-Romane sind nicht mehr zeitgemäß"

Der 28 Jahre alte Autor hat einen großartigen Band mit Erzählungen vorgelegt. Nächste Woche liest er daraus im Zakk.

Dorian Steinhoff sitzt im Café "Röstzeit" an der Oststraße. Er hat gleich einen Friseurtermin in der Nähe – morgen muss er gut aussehen, dann fährt er nach Frankfurt zur Buchmesse. Der 28-Jährige wird dort aus seinem gerade veröffentlichten Erzählband "Das Licht der Flammen auf unseren Gesichtern" lesen. Das Buch wird viel besprochen zurzeit, und tatsächlich ist es großartig: Es versammelt sieben lakonische Erzählungen über die Gegenwart.

"Frau Dinklage" heißt eine Ihrer Stories. Darin berichtet ein Junge von seiner Beziehung zu seiner Kinderfrau. Ich musste dabei an "Tschick" von Wolfgang Herrndorf denken.

Steinhoff Wenn ein Autor aus der Sicht eines Jugendlichen erzählt, denken alle sofort an "Tschick".

Das spricht für die Qualität von "Tschick".

Steinhoff Das stimmt. Schade, dass Herrndorf nicht mehr lebt. Ich lese gerade "In Plüschgewittern" von ihm. Darin ist so viel angelegt, was sich in "Tschick" entfaltet; das ist sozusagen die Demo-Version. Mein Text entstand allerdings, bevor ich Herrndorf entdeckt habe.

Wer sind Ihre Helden?

Steinhoff In der Literatur? Hemingway. Carver. Judith Hermann. Auch Albert Camus war wichtig für mich. Ich habe alles von ihm gelesen. Mich fasziniert, wie jemand aus einer Familie von Analphabeten kommen und Nobelpreisträger werden kann. Er lebte leidenschaftlich als Künstler und war zugleich anerkanntes Mitglied der Gesellschaft.

Würden Sie zustimmen, wenn ich sagte, der Gegenwart kann man am besten mit Textformen begegnen, die eine Nähe zur Reportage haben?

Steinhoff Absolut. Der 600-Seiten-Roman ist eine unzeitgemäße Form. Vor allem die in Amerika praktizierte Art des Reportageschreibens eignet sich, Gegenwart zu erfassen. Und darum geht es mir: Die Gegenwart ist die Zeit, in der ich mich am meisten aufhalte und die ich zugleich am wenigsten verstehe. Ich bin interessiert am Moment, an seiner Unmittelbarkeit. Es gibt ein Zitat des amerikanischen Literaturkritikers James Wood, der sagte, der Roman müsse die Erfahrung jenseits von allem beschreiben, was man bisher erlebt hat. Darum geht es.

Dem Literaturbetrieb geht es zumeist nicht um Unmittelbarkeit. Man sehe sich die Shortlist zum Buchpreis an. Da werden Romane für Ihre Kafka-Anklänge gelobt.

Steinhoff Ich sah gestern den Live-Stream von der Vergabe des Buchpreises, und da dachte ich: Man muss die Bücher von ihren Verwaltern befreien. In jeder zweiten Verlagsankündigung steht das Wort virtuos. Als ob das ein Gütesiegel wäre.

Wie sollte man heute erzählen?

Steinhoff Ich bin vielseitig interessiert, und ich mache keinen unterschied zwischen Hoch- und Popkultur. Solche Kategorisierungen sind überflüssig geworden. Ich frage lediglich: Ist es gut erzählt? Und: Berührt es mich?

Machen die großen US-Fernsehserien nicht vor, wie es geht?

Steinhoff Ja. Man sagt oft, sie erzählten nach den Prinzipien der Literatur. Vielmehr sollte sich die Literatur dort abschauen, wie man etwas über die Gegenwart erzählen kann. Ich habe mir die Frage, wie man dieses Verfahren in die Literatur übersetzt, oft gestellt. Jede Staffel wäre dann so etwas wie ein weiterer Roman mit demselben Personal. Die einzelnen Folgen wären die Kapitel. Niemand braucht heute noch Schmöker. Warum teilt man eine Geschichte nicht auf in drei oder vier 200-Seiten-Bücher?

Planen Sie einen solchen Zyklus?

Steinhoff Wenn jemand einen Band mit Erzählungen vorgelegt hat, erwartet danach jeder einen Roman von ihm. Deshalb bringe ich aus Trotz vielleicht erst einmal einen zweiten Erzählband heraus.

(RP)