Düsseldorf: 60 Jahre Schmied im gleichen Betrieb

Düsseldorf : 60 Jahre Schmied im gleichen Betrieb

Dies ist die Geschichte einer glücklichen Beziehung. Und einer langjährigen sowieso. Im April 1954 betrat Heinz Vollmer, ein Junge von 14 Jahren, eine Schmiedewerkstatt in Heerdt. Er hatte gehört, da würden Lehrlinge gesucht. Er bekam die Stelle. Und einen Arbeitsvertrag? "Ach was, damals reichte doch ein Handschlag." Und dann blieb er - 60 Jahre lang. Mit drei Chefs hat er gearbeitet, viele Kollegen kommen und gehen sehen. Jetzt mit knapp 75 Jahren hat er sich entschieden, "in Ruhestand zu gehen." Aber wie er die Silben verächtlich dehnt, mag man daran noch nicht so recht glauben.

Heute, wo es selbstverständlich ist, in einem Arbeitsleben mehrfach die Firma, die Stadt und oft auch das Land zu wechseln, wirkt die Biografie von Heinz Vollmer wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. "Für mich wäre das schrecklich gewesen, von hier wegzugehen." Seine Entscheidung war ganz einfach: Er hatte es gut getroffen in der Schmiede von Johann Schiefer, also blieb er. Und wurde ein Garant für Beständigkeit, auch als der Sohn des Gründers (ebenfalls Vorname Johann) 1967 den Betrieb übernahm. Dessen Tochter Maria meint: "Ich kenn' kein Leben ohne Heinz." Er sei einfach immer da gewesen, auch Weihnachten, oder bei Familienfesten. Und wenn in ihrer Kindheit was kaputt war, hörte sie garantiert den Satz: "Geh' mal zu Heinz, der kriegt das wieder hin." Heinz Vollmer nickt und schmunzelt vergnügt.

Und erinnert sich noch ganz genau an seinen ersten Arbeitstag, als der Meister einen Eimer mit Schrauben ausgekippte, und er sollte die neu sortieren. Aber bald schon beherrschte er das ganze Spektrum der Schmiedekunst und fabrizierte Gitter und Geländer - Handarbeit, Wertarbeit. Heute gibt's das alles als Fertigteile. Deshalb verlegte sich das Unternehmen immer mehr auf Schlosserarbeiten, montierte auf Baustellen Fenster- und Türrahmen, Rollgitter und Markisen und übernahm alle Arten von Reparaturarbeiten. "Auch unsere Arbeit hat sich sehr verändert", meint Johann Schiefer, der bis zu seinem 76. Geburtstag vor sechs Jahren immer noch regelmäßig im Betrieb war, "und nachsah, ob die auch alles richtig machen". Er erinnert sich an Zeiten, in denen die Arbeit kaum zu bewältigen war, aber auch an Flauten, "da wurde die Werkstatt immer wieder aufgeräumt, damit alle beschäftigt waren". Entlassen wurde niemand.

Und schon mal gar nicht Heinz Vollmer. Der gehörte längst zur Familie, lebte sogar vorübergehend bei seinem Arbeitgeber im Haus, damals als er frisch verheiratet war und noch keine eigene Wohnung hatte. Und als er schließlich umzog, da halfen alle Kollegen mit - "ist doch klar". Als 1999 die neue Generation, Schwiegersohn Rolf Pelzer, den Betrieb übernahm, erbte er, so berichtet die Firmenchronik, "den Heinz" gleich mit. Der sieht das Erbe pragmatisch: "Was kann einem Besseres passieren, als einen Mitarbeiter zu haben mit so langer Berufserfahrung."

Und so blieb Heinz Vollmer auch, als er längst das Rentenalter erreicht hatte, "denn Arbeit ist mein Leben." Bis vor wenigen Wochen war er immer noch auf den Baustellen unterwegs, "wenn ich länger als zwei Wochen nur in der Werkstatt arbeite, werde ich kribbelig." Wurde - muss man nun sagen.

Denn soeben feierte die komplette Belegschaft seinen Abschied - in der Werkstatt, wo sonst? - und der Obermeister der Innung für Stahl und Metall brachte eine Urkunde mit, die 60 Jahre Treue dokumentiert. Die hatte er vorher noch nie überreicht. Und nun? "Meine Frau hat schon eine Liste gemacht, was zuhause alles repariert werden muss."

Denn dazu hatte Heinz Vollmer ja bisher kaum Zeit.

(RP)
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