Interview mit Christoph Blume und Udo Siepmann: "20 Millionen für Flughafen-Schallschutz"

Interview mit Christoph Blume und Udo Siepmann : "20 Millionen für Flughafen-Schallschutz"

Der Flughafenchef und der IHK-Hauptgeschäftsführer sprechen über die umstrittenen Pläne zur Kapazitätserweiterung des Düsseldorfer Airports und darüber, was in Sachen Anwohnerschutz geplant ist.

Die geplante Kapazitätserweiterung des Düsseldorfer Airports ist hochumstritten. Was ist die Position der Düsseldorfer Wirtschaft zu den Flughafen-Plänen?

Airport-Chef Christoph Blume. Foto: Bretz, Andreas (abr)

Siepmann Eine Ausweitung der Kapazität des Düsseldorfer Flughafens ist aus der Sicht unserer Mitgliedsbetriebe notwendig. Der Airport ist aus wirtschaftlicher Sicht ein äußerst interessantes infrastrukturelles Angebot.

Was genau wünschen sich die Unternehmen im Raum Düsseldorf?

Siepmann Konkret geht es um eine Ausweitung des Angebots an Langstreckenflügen. Sie sind ein Garant für die internationale Präsenz Düsseldorfs und der hier ansässigen Wirtschaftsunternehmen. Unsere Firmen haben zahlreiche Töchter im Ausland. Diese durch einen leistungsstarken internationalen Flughafen möglichst direkt und schnell erreichen zu können, ist für den Standort Düsseldorf enorm wichtig. Wir brauchen diese Steigerung von Starts und Landungen, um in der Region rund um die Landeshauptstadt weiter wachsen zu können.

Sie sprechen das Umland an, und genau dort ist der Widerstand gegen eine Kapazitätsausweitung des Flughafens besonders hoch. Ich denke da an Ratingen und Meerbusch oder Kaarst . . .

Blume Neben Düsseldorf profitieren vor allem die Umlandkommunen von der Nähe zum Flughafen. Viele Unternehmen, die sich dort angesiedelt haben, nutzen den Airport überproportional stark.

Siepmann Gerade die wirtschaftsstarken Orte in der Region, wie Ratingen oder Neuss, brauchen einen leistungsfähigen Airport für die dort ansässigen Unternehmen. Es gibt durch den Flughafen ja kaum einen Standort auf der Welt, der nicht schnell erreichbar ist. Der Flughafen ist ein Wachstumsmotor, und das Umland profitiert davon wie Düsseldorf selbst.

Angebunden wäre die Region an die Welt aber auch, wenn die Flugzeuge etwa in Weeze starten würden, wo weniger Menschen als in Düsseldorf vom Lärm der Flugzeuge beeinträchtigt würden . . .

Siepmann Unsere Betriebe schätzen ja gerade die Nähe des Airports und die Tatsache, dass sie eben keinen langen Anfahrtsweg zum Flughafen haben. Weeze ist weit weg. Wir wollen keine Münchner Verhältnisse, wo man bis zum Flughafen im Erdinger Moos mehr als eine Stunde im Auto unterwegs ist.

Blume Düsseldorf ist ein Drehkreuz mit vielen Umsteigern. Und nur mit Zubringerflügen bekommen wir die notwendige Menge an Fluggästen, um eine wirtschaftliche Auslastung für Langstreckenflüge zu erhalten. Dass ist in Weeze oder andernorts nicht gegeben. Diese Flughäfen haben keine Drehkreuzfunktion, ihnen fehlt auch die Infrastruktur. Außerdem wollen die Menschen und die Airlines nach Düsseldorf und nicht nach Weeze fliegen. Daher brauchen wir mehr Start- und Landezeitfenster (Slots).

Die Zahl der Passagiere wächst, das ist richtig. Aber weil die Airlines größere Flieger einsetzen, ist die Zahl der Starts und Landungen rückläufig. Wieso also sollte man die Zahl der Flugbewegungen erhöhen?

Blume Es ist richtig, dass die Zahl der Passagiere steigt, und die der Flugbewegungen tendenziell gesunken ist. Langfristig braucht unser Flughafen aber eine Perspektive, um für Airlines attraktiv zu bleiben. Unser Planungshorizont für die neue Betriebsgenehmigung mit einer flexibleren Nutzung der zweiten Startbahn ist das Jahr 2026 und darüber hinaus. Und bis dahin wird die Zahl der Starts und Landungen vermutlich steigen. Wir schätzen im Schnitt um ein Prozent pro Jahr, weil auch das Passagieraufkommen kontinuierlich wächst. Aus diesem Grund möchten und müssen wir nachfrageorientierter und flexibler arbeiten können.

Aber auch das könnte durch größere Jets kompensiert werden. Welches Ziel wird mit der Kapazitätsausweitung verfolgt?

Blume Es geht konkret um die Spitzenzeiten zwischen 7 und 8 Uhr am Morgen, zur Mittagsstunde und zwischen 17 und 19 Uhr am Abend. In diesen Zeiten ist die Nachfrage der Airlines nach Start- und Landegenehmigungen so hoch, dass wir sie nicht vollständig abdecken können. Für diese Zeiträume brauchen wir mehr Flexibilität und damit Kapazität. Sonst finden diese Flüge in Düsseldorf einfach nicht statt und wir verlieren den Anschluss.

Was ist das Problem mit der heutigen Regelung?

Blume Heute müssen wir die Nutzung der zweiten Bahn eine Woche im Voraus bei der Bezirksregierung beantragen. Diese Regelung nimmt uns jegliche Flexibilität, um bei unvorhersehbaren Ereignissen wie Streiks oder schlechtem Wetter reagieren zu können. Am Ende des Tages resultieren aus dieser Regelung viele Flugverspätungen. Das ist nicht mehr zeitgemäß.

Die Fluglärmgegner befürchten durch die Ausweitung der Kapazität mehr Lärm und mehr Verschmutzung, etwa am Abend oder am Wochenende.

Blume Es geht uns nicht um eine Ausweitung der Nachtflugzeiten. Es wird nicht mehr Flüge in der Nacht geben als heute — eher weniger. Und auch keine Mehr-Flüge am Wochenende. Im Gegenteil. Durch mehr Flexibilität am Tag wird auch die Zahl der Verspätungen sinken und sich damit die Zahl der Nachtflüge ebenfalls reduzieren. Da bin ich sehr optimistisch.

Was sind Ihre aktuellen Planungen zum Anwohnerschutz bei einer möglichen Kapazitätsausweitung?

Blume Wir besprechen aktuell in unseren Gremien, weitere 20 Millionen Euro zum Schutz der Anwohner in die Hand zu nehmen, um über die Beantragung hinaus sogar die Instandhaltungskosten für notwendige Schallschutzmaßnahmen zu bezuschussen — falls unser Vorhaben umgesetzt wird.

Der Chef der Fluglärmgegner, Christoph Lange, hat kürzlich im RP-Interview angeboten, Ihrer neuen Betriebsgenehmigung zuzustimmen, falls es im Gegenzug ein absolutes Nachtflugverbot gibt. Ist das ein akzeptables Angebot?

Blume Ein hundertprozentiges Nachtflugverbot ist nicht darstellbar. Das ist mit den Umläufen der Fluggesellschaften unvereinbar.

Wäre eine Zusammenarbeit mit dem Flughafen Köln eine Alternative zur Kapazitätsauslastung in Düsseldorf. Dort gibt es kein Nachtflugverbot, und der Nachbarairport ist nicht weit entfernt.

Blume Dadurch entstünde eine Art Monopol in NRW. Das wäre aus der Sicht des Marktes nicht wünschenswert. Köln ist auf Billigflieger und Fracht spezialisiert, wir sind ein kleines Drehkreuz. Da gibt es kaum Synergien zu heben. Und der Passagier möchte auch nicht nach Köln fliegen, um dann seinen Anschlussflug in Düsseldorf verpassen, weil er irgendwo im Verkehr stecken geblieben ist.

Wird der neue Flughafen Berlin-Brandenburg zur Gefahr für den Düsseldorfer Airport?

Siepmann Die Stadt Berlin ist kein ökonomischer Riese. Dort sitzt kein einziger Dax-Konzern. Wir haben in der Region die drei- bis vierfache Wirtschaftsleistung. Das ist überhaupt nicht vergleichbar.

Blume Berlin ist viel eher ein Ausflugsziel, und hat dadurch viele touristische Fluggäste. Düsseldorf ist viel stärker das Tor zur Welt für die 18 Millionen Menschen, die im Umkreis des Airports leben. Berlin-Brandenburg und unseren Airport kann man schlecht miteinander vergleichen.

Steigt denn die Zahl der Touristen in Düsseldorf?

Siepmann Düsseldorf wird immer mehr ebenfalls zu einer touristischen Destination. Allerdings ist die Zahl der geschäftlichen Fluggäste in der NRW-Landeshauptstadt weiterhin sehr hoch.

Blume Kurz gesagt: die Einkaufsmeile Kö könnte ohne den Flughafen nicht existieren. Und die Messe Düsseldorf wohl auch nicht. Viele Hunderttausend Messekunden lassen jedes Jahr ihr Geld in der Region.

In dieser Woche startet die Informations-Kampagne bei den Anwohnern des Airports. Wie geht es weiter und wie teuer wird das?

Blume Wir haben die Bürger ab dem 9. Oktober an sechs Orten zu Infoveranstaltungen eingeladen, in denen wir mit ihnen über unser Vorhaben sprechen möchten. Es ist wichtig, dass wir uns alle sachlich mit dem Vorhaben auseinandersetzen. Bis zur Antragseinreichung im Sommer 2014 werden wir die hierfür notwendigen Gutachten für die neue Betriebsgenehmigung erstellen lassen. Die Vorbereitung des Antrags kostet mehrere Millionen Euro.

Halten Sie das Planfeststellungsverfahren für umständlich?

Siepmann Es ist schlicht und einfach notwendig. Und es ist wichtig, mit der Bürgerbeteiligung möglichst früh zu beginnen.

Wie wichtig ist die Kapazitätsausweitung für das Wirtschaftsunternehmen Flughafen?

Blume Eine hohe Auslastung ist für uns natürlich wirtschaftlich interessant, hilft es uns auch dabei, fast 19 000 Arbeitsplätze am Flughafen zu sichern. Konkrete Zahlen kann ich heute dazu noch nicht nennen, hängen diese doch von der konkreten Entwicklung des Verkehrs ab.

Wie wahrscheinlich ist es, dass Sie die gewünschte Genehmigung erhalten, die Lohausener Bürger haben bereits mit Klagen gedroht?

Blume Es kann bis zu drei Jahren oder länger dauern, bis die Planfeststellung abgeschlossen ist. Aber ich bin zuversichtlich, dass es eine positive Entscheidung der Landesregierung geben wird, da wir uns ja eindeutig im Rahmen des Angerlandvergleichs bewegen.

THORSTEN BREITKOPF FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

(RP)