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100 Tage nach dem Hochwasser in Düsseldorf

100 Tage nach dem Hochwasser in Düsseldorf : Noch weit entfernt von der Normalität

In Düsseldorf gab es nach dem Hochwasser eine große Solidarität. Aber auch 100 Tage später sind die Folgen noch für viele spürbar. Die Stadt ist damit beschäftigt, die Konsequenzen aufzuarbeiten.

Als Jasmine Klimmek am Morgen des 15. Juli die Tür ihres Poledance-Studios an der Glashüttenstraße aufschloss, kam ihr die Klobürste entgegengeschwommen. Alles war verwüstet, es stank, die Straße war ein Fluss. Mit einer Freundin versuchte sie, zu retten, was noch zu retten war. Kurse konnte sie hier vorläufig nicht mehr geben. Und so kam Klimmek auf die Idee, im Garten ihrer Oma als Notlösung mit ihren Kundinnen „Chairdance“ an Stühlen anzubieten.

„Leider hat das Wetter nicht lange mitgespielt“, sagt Klimmek jetzt. Stattdessen verwendete sie alle Energie darin, ihr Studio zu sanieren. Und auch hier hatte sie kein Glück: „Der Boden war schon verlegt und alles neu tapeziert, da stellte sich heraus, dass die Feuchtigkeit noch immer da war, das Messgerät wohl nicht funktioniert hat“, erzählt sie. Alles musste wieder runter, alles neu tapeziert werden. Jasmine Klimmek hofft nun auf einen Neuanfang im Dezember.

So wie der 37-Jährigen erging es vielen Menschen in Düsseldorf. Längst nicht überall ist wieder Normalität eingekehrt, bangen die Geschädigten um ihre Existenz. Die Aufarbeitung des Hochwassers war mühselig, viele haben der Stadt kein gutes Zeugnis in der Krisenbewältigung ausgestellt.

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In einer Sondersitzung im September stellte sich die Verwaltung den kritischen Fragen. Sie versuchte zu erklären, warum nur in der Ostparksiedlung über die App „Nina“ und per Durchsagen vor dem Hochwasser gewarnt wurde. Mitglieder der Hochwasserschutz-Initiative Gerresheim/Vennhausen waren und sind aber davon überzeugt, dass die Stadt beim Hochwasser die Lage völlig falsch eingeschätzt hatte. Die Initiative meinte, dass die Überflutungen auch in Vennhausen und im südlichen Gerresheim absehbar gewesen sind.

Dezernent Christian Zaum gab zwar in der Sondersitzung zu, dass die Warnungen über die Medien und Social-Media-Kanäle zu pauschal erfolgt seien, aber er verteidigte das Vorgehen auch, weil Düsseldorf eine solche Hochwasserlage so noch nicht erlebt hatte. Man habe eine Fülle an Informationen beim Krisenstab verarbeiten müssen, um stadtweit Maßnahmen einzuleiten. Zaum kündigte an, dass man in Zukunft bei derartigen Ereignissen „präziser und vorzeitiger warnen“ möchte. Und Feuerwehr-Chef David von der Lieth sagte, dass keine konkrete Eingrenzung des Gebiets, in dem die Flut besonders schlimm war, möglich gewesen sei. Man werde sich weiterentwickeln und für weitere Ereignisse gerüstet sein. Den Einsatz von Warnsirenen schloss er für die Zukunft nicht aus, doch dann soll möglichst auch über „Cell Broadcast“ die Bevölkerung gewarnt werden. Bei dieser Technik werden Warn-SMS an alle Empfänger innerhalb einer Funkzelle verschickt.

Mit vielen persönlichen Schicksalen aus der ganzen Stadt hat sich die Bürgerstiftung befasst, die über einen Hilfsfonds bis jetzt 650.000 Euro für Flutopfer sammelte. Von Einzelspenden von fünf Euro bis zu 30.000 Euro von Mitarbeitern eines Unternehmens war alles dabei. 270 Anträge hat die Bürgerstiftung von Geschädigten auf den Tisch bekommen, bis zu 3000 Euro werden noch oder sind schon ausgezahlt, berichtet die Vorstandsvorsitzende Sabine Tüllmann: „Wir wollten eine schnelle und unbürokratische Hilfe.“ Wie die für einen Schausteller, dessen Versicherungspolice wegen Corona ruhend gestellt worden war und der dann wegen des Hochwassers mit einer defekten Zuckerwattemaschine dastand. Die Reparatur in Höhe von 1200 Euro übernahm die Bürgerstiftung, und der Mann konnte seinen Stand schon wieder auf der Herbstkirmes am Staufenplatz aufbauen.

Als erste Maßnahme habe der Stadtentwässerungsbetrieb die Starkregenberatung in 2021 ausgebaut, antwortet die Stadt auf die Frage, welche Handlungsschritte nach dem Hochwasser bereits umgesetzt worden seien. Ein nun dreiköpfiges Team berate Hauseigentümer, mehrere hundert Beratungen haben bereits stattgefunden. 2022 soll das weiter ausgedehnt werden. „Das Handlungskonzept Starkregen ist darüber hinaus ein wichtiger Meilenstein des Starkregenrisikomanagements. Daran wird bereits seit 2019 gearbeitet. Bei der weiteren Umsetzung des Projektes werden die Erkenntnisse aus dem Unwetter ,Bernd’ mit einfließen“, sagt ein Stadtsprecher.

Um die durch Starkregen gefährdeten Gebiete festlegen zu können, sei für Düsseldorf schon 2017 innerhalb des Klimaanpassungskonzeptes eine Belastungskarte Starkregen erarbeitet und veröffentlicht worden. Die aktuelle Starkregengefahrenkarte in einer höheren Auflösung, mit höherem Detaillierungsgrad sowie einer modelltechnischen Kopplung zum Kanalnetz sei jetzt im September in einer ersten Fassung nach dem Starkregen online bereitgestellt worden. Diese Karte werde weiter optimiert. Außerdem erinnert der Sprecher an die dringliche Ratsentscheidung vom 19. Juli. Demnach seien für die Beseitigung der Hochwasserschäden und Wiederherstellung der Infrastruktur, insbesondere in der Ostparksiedlung, 1,1 Millionen Euro bereitgestellt worden, davon seien bisher 212.568 Euro verausgabt worden.

Die Feuerwehr Düsseldorf habe das Hochwasserereignis vom Sommer zum Anlass genommen, die vorhandenen Einsatzpläne zu prüfen und da, wo es angebracht ist, Anpassungen vorzunehmen. Zurzeit würden die detaillierten Ausarbeitungen am „Einsatzplan Hochwasser“ sowie die Überarbeitung der bisherigen Konzepte zur Information und Warnung der Bevölkerung laufen. „Hier stehen insbesondere die Warnungen konkreter auszugestalten und deutlichere Handlungsempfehlungen für die Menschen zu formulieren im Fokus“, so ein Sprecher. Zusätzlich stehe die Feuerwehr zu den Themen im direkten Austausch mit anderen Feuerwehren und den Kommissionen, die zur Aufarbeitung der Ereignisse auf Landesebene eingesetzt sind.

Die Kooperationspartner CDU und Grüne stellen kommende Woche einen Antrag, wonach in Zukunft Präventionsmaßnahmen gefördert werden sollen, darunter sollen etwa wasserdichte und druckfestere Kellerfenster und -türen fallen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Starkregen und Unwetter in Düsseldorf – Straßen und Keller stehen unter Wasser