1. NRW
  2. Städte
  3. Düsseldorf

10 Monate wird Paul Theis nicht Zuhause sein. Der 16-Jährige tauscht Düsseldorf und Lörick gegen Moundridge,

Familien in Düsseldorf : Paul tauscht Düsseldorf gegen ein 1800-Seelen-Dorf

Der 16-jährige Paul Theis ist für zehn Monate als Gastschüler in die USA gereist. Für ihn beginnt nun das Abenteuer seines Lebens. Und für seine Familie ein ganz neuer Abschnitt.

Es geht weit weg und für lange Zeit. Zehn Monate wird Paul Theis nicht zu Hause sein. Der 16-Jährige tauscht Lörick gegen Moundridge ein – bis zum Mai nächsten Jahres. Moundridge ist eine Kleinstadt, eigentlich eher ein Dorf, im US-Bundesstaat Kansas, 70 Kilometer nördlich von Wichita, wo der nächst gelegene Flughafen ist. Es gibt 1800 Einwohner, aber eine eigene Highschool mit 400 Schülern. Den Senior-Bereich, mit lediglich rund 100 Schülern, wird Paul besuchen.

Beim Treffen mit der Familie Theis ein paar Tage vor dem Abflug in die USA herrscht Gelassenheit. Die Familie, das sind Mutter Annette (50), PR-Beraterin, Vater Frank (51), Zahntechnik-Meister, und Bruder Victor (13). Alles ist getan, alles ist vorbereitet. Paul habe sich ja von halb Lörick verabschiedet, bemerkt Vater Frank augenzwinkernd. Jedenfalls sei er in den letzten Tagen kaum zu Hause gewesen.

Für Paul beginnt nun das „Abenteuer seines Lebens“. Aber es startet wie ein Klassenausflug. Zusammen mit Paul steigt ein Dutzend Austauschschülerinnen und -schüler des Vermittlers „Experiment e.V.“ in den Flieger. Nach drei Tagen New York folgt die Weiterreise, dann verteilt sich die Gruppe aufs Land, Paul fliegt zunächst nach Houston, dann nach Wichita. Dort wartet seine Gastfamilie auf ihn.

Wie aber ist die Gefühlslage der Eltern? Ja, sie freuen sich mit ihm. Es gehe ja nicht der Zehnjährige, nicht das Kind, sagt Mutter Annette, sondern der fast 1,90 Meter große Sechzehnjährige. Und dennoch war es keine leichte Entscheidung ­ und erst recht keine schnelle. Rund zwei Jahre haben Paul und seine Familie sich damit beschäftigt. Den Anstoß hatte Mutter Annette gegeben. Paul war anfangs gar nicht so angetan. Und Bruder Victor meinte: „Wie? Muss ich das auch machen?“ Der 13-Jährige frohlockt jetzt etwas gespielt, dass es nun keinen Streit mehr gebe und er die Spielkonsole, die derzeit aber kaputt ist, für sich habe. Aber vielleicht werde er Paul auch vermissen.

Die Gastfamilie heißt Schmidt. Und sie hat deutsche Vorfahren. Aber Deutsch sprechen die Schmidts nicht und sie wissen auch nicht, von wo aus ihre Ahnen einst in die neue Welt auswanderten. Mutter Jacque, eine Wirtschaftsprüferin, hat die Idee, dass sich Paul mal durch die alten, vergilbten Fotos aus „Germany“ wühlt. Vielleicht erkennt er ja was wieder. Paul will das gerne tun.

Wenn er in Moundridge ankommt, sind es noch zwei Wochen bis zum Schulbeginn. Aber das Sportprogramm startet schon. Paul wird Football spielen, nicht zu verwechseln mit Fußball, soccer, was eigentlich sein Sport ist. Aber als sie im Football-Team hörten, dass ein deutscher Fußballer kommen wird, waren alle ganz verzückt, erzählt Paul. Schließlich benötigt man im Football einen versierten Kicker für das sogenannte Field Goal. Eine gewisse Erwartungshaltung gibt es also schon.

Für den Schulstart hat Gastmutter Jacque bereits alles Erdenkliche organisiert. Mit ihr hat Annette Theis öfter telefoniert. Sie habe seither keinerlei Bedenken, sondern nur ein „sehr gutes Gefühl“. Und sowieso wird Paul in Moundridge bestens vernetzt sein, über Braden, den 17-jährigen Sohn der Familie, Football- und Baseball-Spieler, und über Vater Kevin, ein Telefon-Techniker, aber auch der ehrenamtliche Bürgermeister. Gastmutter Jacque hat schon viele Fotos geschickt. Seither weiß Paul, wie sein Zimmer aussieht, vermutlich wird es das von Shantal sein, der 21-jährigen Tochter, die bereits ausgezogen ist. Und begrüßen wird ihn auch Tater, der Hund der Schmidts.

Was aber treibt Gastfamilien wie die Schmidts aus Kansas um, für so lange Zeit einen fremden Jugendlichen zu beherbergen? Für dessen Kost und Logis erhalten sie schließlich keinen Cent. Auf dem Vorbereitungsseminar, an dem alle Experiment-Austauschschüler und deren Eltern teilnahmen, war auch das ein Thema, berichtet Annette Theis. Die Antwort: Gerade amerikanische Familien, die ihr Land selten verließen, holten sich so die Welt nach Hause.

Dass er vorzeitig wieder nach Hause möchte, also so etwas wie Heimweh bekommt, glaubt Paul nicht. Aber Weihnachten könnte kritisch werden, ohne die Familie, ohne die Großeltern. Die unterstützen zwar seine Aktion, hatten aber schon früh deutlich gemacht, dass sie nicht mitkommen wollten zum Flughafen. Der zu erwartende Trennungsschmerz sei seelisch zu belastend. Wenn Paul wiederkommt, wird er fürs Abi auf das Lessing-Gymnasium gehen. Und er weiß schon, was er neben Sport als zweiten Leistungskurs nehmen möchte ­ nach zehn Monaten USA: Englisch. „Natürlich“, sagt Paul und lächelt, „irgendwie will ich das Erlernte ja auch zum Einsatz bringen.“