Wirtschaft in Dormagen: Interview mit Klaus Schäfer zu Europa

Wirtschaft in Dormagen : „Europa ist für unseren Unternehmenserfolg sehr wichtig“

Der Werkstoffersteller motiviert seine Mitabeiter zur Teilnahme an der Europawahl. Kauf von Currenta ist für Covestro weiter keine Option.

Herr Schäfer, die Europawahl steht kurz bevor, und Ihr Unternehmen wirbt auf den Fluren mit Plakaten, in den digitalen Medien und bei der Betriebsversammlung offensiv dafür, dass die Mitarbeiter sich an der Abstimmung beteiligen. Warum ist die Wahl für Covestro so wichtig?

Klaus Schäfer Ein gemeinsames Europa ist das bedeutendste Friedensprojekt des 20. Jahrhunderts und bis heute die Basis für Wohlstand und eine gedeihliche Wirtschaft. Und die chemische Industrie ist mit mehr als einer Million Mitarbeitern auf dem Kontinent ein wesentlicher Faktor. Zudem gehen mehr als 50 Prozent der deutschen Chemie-Exporte in andere europäische Länder. Es ist doch genial, dass wir mit unseren Waren an den Grenzen nicht mehr warten müssen. Oder dass wir alles in einer Währung bezahlen können. Kurzum: Europa ist auch für unseren wirtschaftlichen Erfolg enorm wichtig.

Können Sie das näher erläutern?

Schäfer Es gibt eine Vielzahl von Herausforderungen, die Länder nur gemeinsam lösen können. Nehmen Sie aktuelle Handelsstreitigkeiten, den Klimawandel oder die angestrebte Verminderung der CO2-Emissionen: Das muss gesamteuropäisch geregelt werden, um global Einfluss zu nehmen. Wir oder etwa die Niederlande allein können das Steuer bei solchen Problemen nicht rumreißen. Da ist gesamteuropäische Power nötig; im Verbund mit Anderen lässt sich viel mehr bewegen. Mehr als 500 Millionen Menschen und die geballte europäische Wirtschaftskraft haben ein ganz anderes Gewicht als einzelne Staaten.

Haben Sie keine Sorge, dass Ihre Mitarbeiter europafeindliche Parteien wählen?

Schäfer Viele unserer Mitarbeiter waren schon für das Unternehmen im Ausland, die leben Internationalität. Und von Seiten unserer europäischen Betriebsräte gab es ein sehr positives Feedback zu unserem Wahlaufruf. Wir geben natürlich keine Wahlempfehlung für irgendeine Partei ab. Aber wir sagen schon, was uns wichtig ist. Ich bin davon überzeugt, dass wir sehr von Globalisierungsthemen profitieren. Und ich halte es für Unsinn, dass wir ohne Globalisierung mehr Arbeitsplätze und Wohlstand hätten. Sorgen machen mir zunehmende nationalistische und protektionistische Tendenzen.

Themawechsel: Seit der Abspaltung vom Bayer-Konzern schwamm Covestro auf der Erfolgswelle, meldete einen Umsatzrekord nach dem anderen. Diese Entwicklung ist etwas ins Stocken geraten...

Schäfer Die zurückliegenden drei Jahre waren außergewöhnlich. Bei hoher Nachfrage hatten einige Wettbewerber Schwierigkeiten, die Kunden zu versorgen. Das und weitere Faktoren führten bei uns zu teilweise sehr hohen Margen. Dass das nicht immer so bleiben würde, war uns klar. Wir erwarten für 2019 zwar eine steigende Nachfrage, gleichzeitig aber deutlich sinkende Margen aufgrund des stärkeren Wettbewerbsdrucks.

Zusätzlich ist die Nachfrage, zum Beispiel im Automobilbereich, etwas schwächer und die Versorgung am Markt besser...

Schäfer Wir glauben, dass sich die Lage im Automobilbereich wieder normalisiert, mittelfristig macht mir das keine Sorgen. Grundsätzlich ist die Nachfrage nach unseren hochwertigen Kunststoffen intakt. Die Situation wird wieder besser, als sie gerade ist.

Trotzdem sollen bei Covestro 900 Stellen abgebaut werden, davon rund 400 in Deutschland.

Schäfer Zunächst einmal: Der größte Teil der von uns angestrebten Einsparungen soll über eine Reduzierung der Sachkosten erfolgen. Der Personalabbau betrifft vor allem den Verwaltungsbereich, in Deutschland also besonders Leverkusen. Dormagen wird kaum betroffen sein. In der Produktion brauchen wir auch in Zukunft starke Mannschaften zum Betrieb unserer Anlagen. Im neuen Folienbetrieb im Chempark Dormagen werden sogar 50 neue Arbeitsplätze entstehen. Klar: Es ist ein Spagat. In bestimmten Bereichen bauen wir Personal auf, in anderen ab. Das müssen wir nachvollziehbar erklären.

Sie haben gerade den neuen Folienbetrieb in Dormagen angesprochen. Sind in naher Zukunft noch weitere große Investitionen in Dormagen geplant?

Schäfer Derzeit steht in Deutschland die Verbesserung und Erneuerung unserer Anlagen im Vordergrund. 2018 haben wir in Dormagen 135 Millionen Euro allein für Instandhaltung und Umbau von Anlagen investiert. Wir produzieren insgesamt mehr, da muss die Technik angepasst werden und die Anlagen müssen auf dem neuesten Stand gehalten werden.

Derzeit wird viel über Umweltschutz und vor allem Plastikvermeidung diskutiert. Wie sieht man das beim Werkstoffhersteller Covestro?

Schäfer Unsere Produkte wie Schaumstoffe für Matratzen oder Sitze, Kunststoffe für Autoscheinwerfer oder Kühlschränke, für Gebäudeisolierung sind in der Regel langlebig und helfen bei der Ressourcenschonung. Nichtsdestotrotz schauen wir, über welche Wege die von uns verwendeten Stoffe später in einer Art Kreislauf wiederverwertet werden können. Dabei ist Technologieoffenheit wichtig, um zur besten Lösung zu gelangen. Polymere zum Beispiel leiden beim Einschmelzen, da muss man prüfen, ob man sie in ihre Einzelteile zerlegen und daraus dann neue Chemieprodukte machen kann. Und aus den zurückgewonnenen Stoffen muss ja nicht zwangsläufig wieder derselbe Kunststoff hergestellt werden.

Bayer sucht immer noch einen Käufer für den Chempark-Betreiber Currenta. Nicht vielleicht doch eine Option für Covestro?

Schäfer Ich habe selber fünf Jahre für Currenta gearbeitet, da hängt bei mir schon auch Herzblut dran, dass das Unternehmen erfolgreich weitergeführt wird. Als Kunde fühlen wir uns gut bei Currenta aufgehoben, das Unternehmen ist wichtig für die Chempark-Standorte. Aber wir als Covestro sehen uns nicht als Chemiepark-Betreiber.

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