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Dormagen: Wie Gastschüler über die Heimat denken

Dormagen : Wie Gastschüler über die Heimat denken

Ihre Nationen stehen derzeit in den Schlagzeilen: Drei Schüler aus Brasilien, Kroatien und Spanien reden darüber, wie sie die Lage in ihren Länder empfinden. Mit neun anderen Jugendlichen sind sie am Leibniz-Gymnasium zu Gast.

Wenn Karlo Krleza in zwei Wochen nach Kroatien zurückkehrt, kommt er in ein anderes Land. Seit 1. Juli ist der Balkan-Staat EU-Mitglied. Für seine Heimat bedeutet das Fördergeld, den Wegfall von Zöllen und in einigen Jahren wahrscheinlich die Arbeitnehmerfreizügigkeit. Der 17-Jährige könnte also in absehbarer Zeit fast in ganz Europa arbeiten und leben, ohne sich um Visum und Arbeitserlaubnis kümmern zu müssen. Dennoch sieht er den Beitritt seines Heimatlandes sehr kritisch. "Die Menschen, die dann das Land verlassen, wurden in Kroatien ausgebildet. Der Staat hat für die Schulen und Universitäten bezahlt", sagt er.

Gemeinsam mit elf anderen Schülern aus der ganzen Welt ist Karlo Krleza derzeit am Leibniz-Gymnasium in Hackenbroich zu Gast. Wie seine Mitstreiter hat er einen Deutsch-Wettbewerb gewonnen und vertieft im Rahmen des Internationalen Preisträgerprogramms des Pädagogischen Austauschdienstes in Dormagen zwei Wochen lang seine Sprachkenntnisse. Politik ist außerhalb des Unterrichts häufiger ein Thema — schließlich gibt es in vielen Ländern, aus denen die Jugendlichen kommen, große soziale Veränderungen.

Das gilt auch für die Heimat von Larissa Neubarth. Anders als ihr Name vermuten lässt, kommt sie aus Porto Alegre im Süden Brasiliens. In dem Bundesstaat Rio Grande do Sul, dessen Hauptstadt Porto Alegre ist, nahmen die Proteste ihren Anfang, die vor allem während des Confederations Cup weltweit Aufmerksamkeit bekamen. Für die Demonstrationen hat die 15-Jährige Verständnis: "Zum Beispiel sind unsere Krankenhäuser in einem schlechten Zustand. Und das, obwohl die Steuerbelastung in Brasilien extrem hoch ist." Anstatt derartige Probleme ernsthaft anzugehen, hat die Politik Milliarden in die Ausrichtung der Fußballweltmeisterschaft 2014 investiert. Trotzdem freue sie sich sehr auf das Turnier. "Dann kommen Menschen aus der ganzen Welt nach Brasilien, das wird toll", sagt sie.

Bei dem Wettbewerb im nächsten Sommer wird Spanien zu den Favoriten zählen. Doch angesichts einer Jugendarbeitslosigkeit von mehr als 50 Prozent, die die EU-Statistikbehörde Eurostat für Spanien ausweist, sind Erfolge im Fußball für viele unbedeutend geworden. "Die Stimmung ist im Moment ziemlich schlecht. Es gibt viele Leute, die darüber nachdenken, auszuwandern", sagt Anna Graell. Die Spanierin, die aus Lleida aus der Nähe von Barcelona kommt, hat eine Cousine, die sich kürzlich nach Paris verabschiedet hat. Auch wenn sie die Deutschen manchmal als etwas zu "kühl" empfindet, könne sie sich gut vorstellen, an einer deutschen Universität zu studieren. "Ich mag einfach die Sprache und das Land", sagt die 17-Jährige.

Insgesamt vier Wochen verbringen die Gastschüler in Deutschland, davon zwei in Gastfamilien in Dormagen. Manch ein Klischee hat sich aus ihrer Sicht in den vergangenen Tagen bereits bestätigt. "Ich finde, dass die Deutschen effizienter arbeiten als die Spanier", meint Anna Graell. In anderer Hinsicht habe sich ihr Deutschlandbild nicht bewahrheitet. So hat 17-Jährige nur eine kurze Hose eingepackt. "Ich dachte, es sei hier viel, viel kälter", sagt sie.

(NGZ)