Dormagen: Verdacht auf Missbrauch im Raphaelshaus

Dormagen : Verdacht auf Missbrauch im Raphaelshaus

Mitte der 60er Jahre soll ein Mitarbeiter des Raphaelshauses Jugendliche systematisch missbraucht haben. Das sagt ein 55-Jähriger, der sich bei Heimleiter Hans Scholten gemeldet hat. Scholten hält ihn für glaubwürdig.

Im Raphaelshaus soll es Mitte der 60er Jahre systematischen Missbrauch gegeben haben. Mehrere Jungen sollen von einem Betreuer vergewaltigt worden sein. Das gibt laut Hans Scholten, dem Leiter des Raphaelshauses, ein 55-jähriger Mann an, der eigenen Angaben zufolge selbst zu den Opfern zählte und bei Scholten mit einem Kamerateam auftauchte. Auch Nonnen seien gewalttätig geworden, sagte K. dem WDR. Unter anderem hätten sie Kinder dazu gezwungen, ihr Erbrochenes zu essen.

Von 1966 bis 1970 war K. aus Neuss in dem damaligen katholischen Jugendheim untergebracht. Heute ist das Raphaelshaus ein Jugendhilfezentrum, in dem unter anderem jugendliche Intensivtäter betreut werden, es steht wie damals unter der Trägerschaft des Katholischen Erziehungsvereins für die Rheinprovinz.

Etwa 200 Jugendliche sind damals in der Dormagener Einrichtung betreut worden. In 15er-Gruppen und normalerweise von Ordensfrauen, im vorliegenden Fall aber wohl von einem weltlichen, nicht ausgebildeten Mann. Das Personal des Raphaelshauses sei damals ständig überfordert gewesen, sagt Scholten. "Doch das soll keine Entschuldigung sein", sagt er. Scholten schätzt K. als glaubwürdig ein.

Etwa zwei Jahre lang soll der Täter den Neusser und seine Kameraden regelmäßig missbraucht haben. Gleichwohl hat Scholten den Beschuldigten, der nun mehr als 70 Jahre alt sein müsste, nicht in den Gehaltslisten des Jugendheims gefunden. "Doch das muss nichts heißen", sagt der Raphaelshaus-Leiter. Nach all der Zeit könne der Mann den Namen des Betreuers auch falsch in Erinnerung haben. In seiner Kindheit sei K. nach eigenen Angaben durch vier Kinderheime geschleust worden.

Strenge und Autorität seien oft die Grundsätze der Betreuung in den 60er Jahren gewesen. Die Kinder hätten in der Einrichtung zum Teil "wie in einem Ghetto" gelebt. Vor zwei Jahren hat Hans Scholten 300 Ehemaligen befragt. Eine Antwort darauf, was in dieser Zeit besonders geschmerzt habe, war: "die Züchtigung". Ein anderer schrieb. "Wir wurden verwaltet und nicht erzogen."

Damals entschied wohl das Glück, ob es einem Jugendlichen im Raphaelshaus gut ging oder ob er Wunden fürs Leben davontrug. Je nach dem, welchen Gruppenleiter er erwischt hatte. "War es eine nette Ordensfrau, konnte es der Sonnenschein sein", schließt Scholten aus der Umfrage. Bei anderen war es das Grauen.

Drei Dinge gebe es, um Übergriffe zu verhindern, sagt Scholten: die Mitarbeiter zu Verbündeten einer "ethisch orientierten und wertschätzenden" Pädagogik machen; Jugendliche beteiligen und wissen lassen, dass sie sich beklagen dürfen; Transparenz schaffen — über alles informieren, über alles Schöne, aber auch über alles Schreckliche.

Hans Scholten hat K. versprochen, dem Missbrauchsfall nachzugehen, und ihm seine Unterstützung zugesichert.

(NGZ)
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