TSV Bayer Dormagen: Talente wachsen nicht auf den Bäumen

TSV Bayer Dormagen : Talente wachsen nicht auf den Bäumen

Kentin Mahé und Max-Henri Herrmann sollen den HSV Hamburg in der kommenden Handball-Saison zu neuen Erfolgen führen. Aufgewachsen ist das Duo beim TSV Bayer Dormagen, der eine der ersten Adressen in Sachen Nachwuchsarbeit ist.

Wenn Kentin Mahé (21) im Sommer zum ersten Mal das Trikot seines neuen Arbeitgebers überstreift, trifft er dort auf einen alten Bekannten: Auch Max-Henri Herrmann (19), der beim HSV Hamburg einmal das Erbe von Johannes Bitter zwischen den Torpfosten antreten soll, hat am Höhenberg sein handballerisches Einmaleins gelernt.

Haben in der Bundesliga Fuß gefasst: die Dormagener Max Holst (l.) und Kentin Mahé, hier mit dem Weltklasse-Säbelfechter Nicolas Limbach (Mitte). Foto: Heinz J. Zaunbrecher

Björn Barthel verfolgt die Entwicklung der beiden Talente — Mahés Wechsel vom VfL Gummersbach zum Deutschen Meister von 2011 war dem "Handball-Magazin" in seiner neuesten Ausgabe eine vierseitige Story wert — mit einem lachenden und einem weinenden Auge: "Natürlich macht es uns stolz, wenn Spieler, die bei uns groß geworden sind, in der Bundesliga Fuß fassen", sagt der Handball-Koordinator des TSV Bayer Dormagen und denkt dabei auch an Max Holst (23.

Der Linksaußen, der mit dem TV Großwallstadt gegen den Abstieg aus der "stärksten Liga der Welt" kämpft, ist der erste aus der Dormagener Jugendarbeit hervorgegangene Spieler nach Dieter Springel, der eine Berufung in die deutsche Nationalmannschaft der Männer erhielt. Kentin Mahé, von den damaligen DHB-Nachwuchstrainern als "nicht athletisch genug" aussortiert, ist inzwischen eine feste Größe im Team des französischen Nationaltrainers Claude Onesta, verpasste die WM im Januar nur aufgrund einer Verletzung am Sprunggelenk.

Noch mehr würde sich Björn Barthel allerdings freuen, wenn der TSV Bayer neben dem Ruf, eine der besten Adressen in Sachen Nachwuchsarbeit im deutschen Handball zu sein, auch handfeste Vorteile aus dem Werdegang der bei ihm ausgebildeten Talente hätte. Doch eine Ausbildungsabgabe wie in anderen Sportarten gibt es im Handball nicht. "Das Geld könnten wir gut gebrauchen", sagt Barthel.

Denn seine Jugendarbeit lässt sich der TSV einiges kosten: 21 Trainer und Co-Trainer kümmern sich um die 190 Nachwuchs-Handballer, die in neun ausschließlich männlichen Jugendmannschaften heranwachsen. An allen zehn Grundschulen im Stadtgebiet werden Schul-AGs betreut, teilweise von Spielern aus dem Drittligateam des TSV. Und an weiterführenden Schulen, allen voran dem Norbert-Gymnasium Knechtsteden, gibt es im Rahmen des vom Landessportbund geförderten Programms "Talentsichtung und Talentförderung" Förderunterricht in Sachen Handball. "Die Basis für die Nachwuchsarbeit wird in den Schulen gelegt", sagt Barthel und registriert "erfreut, dass inzwischen auch andere Vereine auf diesen Trichter kommen."

Denn Dormagen mit seinen 63 000 Einwohnern ist zu klein, um das Talentereservoir auf Dauer alleine zu speisen: Max Holst kam als C-Jugendlicher aus Niederpleis, Drittliga-Torjäger und Jugend-Europameister Simon Ernst aus Birkesdorf, Max-Henri Herrmann aus Bonn nach Dormagen — allesamt der besseren Trainingsmöglichkeiten und der besseren Perspektiven wegen.

Das trägt Früchte: Die B-Jugend holte im vergangenen Jahr den ersten Deutschen Jugendmeistertitel zum TSV. Der A-Jugend, die sich zum größten Teil aus dem letztjährigen Meisterteam zusammensetzt, fehlen aus den drei letzten Bundesliga-Spielen noch zwei Punkte, um sich für das Viertelfinale der Deutschen Meisterschaften zu qualifizieren.

An einen erneuten Titelgewinn glaubt Barthel nicht, "dafür sind die Top-Teams wie Flensburg, Magdeburg oder Berlin zu stark." Er selbst trainiert die "neue" B-Jugend, die als Mittelrheinmeister jetzt gegen Niederrheinmeister SG Solingen BHC ebenfalls um einen Platz im DM-Viertelfinale spielt.

Das alles soll kein Selbstzweck sein. "Unser Ziel ist es, den Nachwuchs an das Niveau der Dritten oder Zweiten Liga heranzuführen", sagt Barthel. Ersteres scheint bereits gelungen, setzt Trainer Jörg Bohrmann doch im Drittliga-Team neben den Jugend-Europameistern Max Ernst und Simon Preuss, die ihren Vertrag um ein Jahr verlängert haben, mitunter ein halbes Dutzend Jugendliche ein.

Wobei sich Björn Barthel durchaus im Klaren ist, "dass wir die besten Spieler auf Dauer nicht werden halten können." HSV-Trainer Martin Schwalb ist jedenfalls überzeugt: "Kentin Mahé ist ein spannender Spieler. Wir werden viel Spaß an ihm haben."

(NGZ/EW)