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Analyse: Die simple Formel: Kraft x Abgezocktheit = Erfolg

Analyse : Die simple Formel: Kraft x Abgezocktheit = Erfolg

Handball-Drittligist TSV Bayer Dormagen war im Spitzenspiel beim Leichlinger TV ohne Siegchance. Körperliche Überlegenheit und Routine der im Schnitt 6,5 Jahre älteren Gastgeber gaben den Ausschlag – und zeigen das ganze Dilemma des deutschen Handballs.

Handball-Drittligist TSV Bayer Dormagen war im Spitzenspiel beim Leichlinger TV ohne Siegchance. Körperliche Überlegenheit und Routine der im Schnitt 6,5 Jahre älteren Gastgeber gaben den Ausschlag — und zeigen das ganze Dilemma des deutschen Handballs.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Der Sieg des Leichlinger TV im Spitzenspiel der Dritten Liga West über den TSV Bayer Dormagen war verdient, "Ich hatte nie das Gefühl, dass wir hier zwei Punkte würden mitnehmen können", sagt Trainer Jörg Bohrmann nach der 33:38-Niederlage (Halbzeit 15:17), der ersten seiner Schützlinge seit dem 15. September und 15:1 Punkten in Folge.

Drei Gründe ließen das Pendel zugunsten der als Titelanwärter in die Saison gegangenen Leichlinger ausschlagen: Sie machten weniger Fehler. Sie hatten das um Nuancen bessere Duo zwischen den Torpfosten. Und sie bedienten sich eines im Grunde simplen Konzeptes, das im deutschen Handball anno 2012 aber immer noch Erfolg verspricht: Sie paarten Kraft mit Erfahrung, physische Präsenz — "gesunde Härte" nannte es Co-Trainer Jens Oliver Buss auf der Pressekonferenz nach dem Schlusspfiff — mit einer gehörigen Portion Abgezocktheit.

Das ist nichts Verwerfliches. Jeder darf sich im Sport der — legalen — Mittel bedienen, die ihm am erfolgversprechendsten erscheinen. Wenn sie darin bestehen, ein Ensemble inzwischen leicht übergewichtiger, ehemaliger Erst- und Zweitligaspieler zu verpflichten, um damit den Aufstieg in die Zweite Liga zu schaffen, ist das durchaus legitim. Das haben andere vor dem Leichlinger TV ebenfalls so praktiziert. Und auch in der angeblich "stärksten Liga der Welt" gibt zunächst einmal die physische Stärke den Ton an. Um zu erkennen, wohin das den deutschen Handball gebracht hat, muss man sich allerdings nur die "Erfolge" der Nationalmannschaft in der jüngsten Vergangenheit anschauen.

Den Leichlinger TV (und andere, ähnlich ausgerichtete Klubs) muss das alles nicht kratzen. Da Spitzenreiter TuS Wermelskirchen bereits vor Ende der Hinrunde (!) erklärt hat, auf den möglichen Aufstieg zu verzichten (auch das wirft ein bezeichnendes Licht auf die aktuelle Situation im deutschen Handball), werden die "Pirates" wohl ihren Weg in die Zweitklassigkeit gehen. Es sei denn, dem Wilhelmshavener HV als "Mannschaft der Stunde" gelingt es noch, sie abzufangen.

Grämen muss sich der TSV Bayer angesichts der Niederlage aber auch nicht. Spielerisch waren die Dormagener mindestens ebenbürtig, wenn nicht besser. Ein Aufstieg käme für die meisten ihrer Spieler ohnehin noch zu früh, war auch nie das Ziel in dieser ersten Saison der "Wiedergeburt". Bohrmann setzte, als er merkte, dass die Partie nicht zu gewinnen war, folgerichtig nicht die jungen, sondern die ganz jungen Spieler ein. Vier (!) 17-Jährige durften Drittliga-Luft schnuppern, darunter Patrick Hüter zum allerersten Mal. Das Durchschnittsalter der zwölf eingesetzten Feldspieler betrug am Freitagabend 22 Jahre, das der neun Leichlinger 28,5.

Mannschaften wie dem TSV Bayer gehört die Zukunft — wenn denn die Dormagener in dieser Formation und mit dieser Philosophie zusammen bleiben dürfen. Schließlich sähe es der Deutsche Handball-Bund (DHB) lieber, wenn Top-Talente wie Simon Ernst oder Moritz Preuss bei einem Erstligisten anheuern (und dort auf der Bank versauern) würden statt in Liga drei (oder zwei) Spielpraxis und wertvolle Erfahrung zu sammeln. Und sei es nur die, dass es im Handball nicht allein die Spielkunst ist, die am Ende den Ausschlag gibt.

(NGZ/url)