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Dormagen: Tausende Dormagener sind Analphabeten

Dormagen : Tausende Dormagener sind Analphabeten

Wer als Erwachsener über geringe Lese- und Schreibkenntnisse verfügt, gilt als funktionaler Analphabet. In Dormagen könnten 5534 Menschen betroffen sein. Viele versuchen, ihre Schwäche zu verheimlichen - und lehnen Hilfe ab.

Die Dormagener, die in zwei Wochen bei Ruth Mühlau im VHS-Kursus sitzen, waren alle einmal ABC-Schützen. Doch schon das Ausfüllen eines Formulars beim Arzt, der Einkauf im Supermarkt oder das Tippen einer SMS stellt sie vor große Probleme.

Denn: Sie können nicht sinnzusammenhängend lesen oder fehlerfrei schreiben, gelten deshalb als "funktionale Analphabeten". Ein (Tabu)Thema, dem Claudia Stawicki und ihr Team seit Jahren den Kampf ansagen. Doch die Leiterin der VHS weiß: "Viel zu wenig Betroffene nutzen unsere Angebote."

2011 lieferte eine Studie der Universität Hamburg ein erschreckendes Ergebnis: Jeder siebte Deutsche zwischen 18 und 64 Jahren kann nicht richtig lesen und schreiben. Nicht eingerechnet sind dabei in Deutschland lebende Migranten. Der Bundesverband für Alphabetisierung geht davon aus, dass etwa 7,5 Millionen erwachsene Menschen in Deutschland von dieser Schwäche betroffen sind (Stand: 2011). Rechnet man diese Größe auf die Dormagener Einwohnerzahl um, ergibt sich ein Anteil von mindestens 5534 Erwachsenen, die Probleme beim Lesen und Schreiben haben. Konkrete lokale Zahlen liegen allerdings nicht vor.

Stefanie Heydenreich, die an der VHS den Bereich "Sprachen" koordiniert, ist trotzdem schockiert. "Die Betroffenen müssen unglaublich gute Strategen sein." Seit einigen Jahren bieten sie und ihre Kollegen Beratung und Hilfe an. So auch im aktuellen Semester. Der neue Kursus "Alphabetisierung für deutsche Muttersprachler" im Bettina-von-Arnim-Gymnasium beginnt ab dem 18. Februar. Mit dem Angebot wolle man Erwachsenen helfen, die sich über viele Jahre aus Scham vor ihrem Problem verstecken mussten.

Doch: "Bislang hat sich noch niemand für den Kursus angemeldet", sagt Heydenreich. Ruth Mühlau wundert das nicht. Die 44-Jährige kennt die Sorgen, die funktionale Analphabeten täglich begleiten: "Sie haben Angst, bloßgestellt zu werden oder ihren Arbeitsplatz zu verlieren." Viele Betroffenen würden die Fallstricke, die ihnen ihre Schwäche knüpft, deshalb so gut es eben geht umgehen. "Oft werden Ausflüchte gesucht — die reichen vom Vergessen der Brille bis hin zu Schmerzen in der Hand." Mühlau kennt die Strategien des "Täuschens und Tarnens" und die vielen "Eingeweihten", die dabei helfen. "Etwas nicht zu können, was praktisch jeder andere zu beherrschen scheint, nagt stark am Selbstbewusstsein", sagt sie.

Dabei beginne die Spirale aus Angst laut Mühlau meist schon im Kindesalter. In der Schule werde etwa drei Jahre lang das Lesen und Schreiben eingeübt. Wer es dann noch nicht kann, versucht seine Defizite später durch mündliche Mitarbeit auszugleichen, weiß Mühlau. Auf diese Weise könne die Schullaufbahn zunächst gutgehen — selbst ein Abschluss sei möglich. Viele würden an der Verdrängung erst später scheitern. Mühlau: "Deshalb ist es wichtig, diese Menschen aufzufangen und sie individuell zu fördern."

Die ehemalige Grundschullehrerin — die als Kind selbst an einer Lese- und Rechtschreibschwäche litt — wünschst sich, dass künftig mehr Betroffene den Weg in ihren Kursus bei der VHS finden: "Vielen tut es gut, wenn sie sich ihrem Problem stellen." Denn nicht nur Mühlau ist davon überzeugt: Analphabeten sind keineswegs dümmer als andere Menschen.

(NGZ/rl/url)