Tag der Menschen mit Behinderung: Sandra Rübner aus Dormagen lebt Inklusion

Im Blickpunkt: Tag der Menschen mit Behinderung in Dormagen : Sie singt, tanzt und feiert gern

Seit ihrer Geburt ist Sandra Rübner (27) mehrfach behindert. Mit ihrer Familie unternimmt sie trotzdem viel.

Wenn viel los ist, Menschen Spaß haben, sich freuen und tanzbare Musik läuft, ist auch Sandra Rübner froh. Dann strahlt und lacht die 27-Jährige, die seit ihrer Geburt mehrfach behindert ist, und singt aus vollem Hals extrem textsicher mit – falls es sich um Karnevals-Hits oder deutschen Schlager handelt. Denn deren Texte kann die Dormagenerin auswendig. „Noch mal“, ruft sie dann gern, falls der DJ auf einmal etwa nicht so mitreißende Lieder spielen will. „Sie ist eben unsere Party-Maus“, sagt ihre Mutter Claudia Heinen liebevoll über Sandra.

Ein Tänzchen mit Jungfrau „Arielle“: Sandra Rübner in ihrem Element. Foto: Claudia Rübner

Viele Dormagener haben bereits mit der 27-Jährigen getanzt und gesungen. Denn zu den Veranstaltungen der KG „Ahl Dormagener Junge“, bei der Claudias Mann Norbert Heinen 2014/15 Bauer im Dreigestirn war, nehmen sie Sandra selbstverständlich mit – auch zur Fechtersitzung „Dormagen feiert Kölsch“, wo sie mit Jungfrau „Arielle“ (Ingo Bouvelet) tanzte und den Zonser Prinzen Jonas Braun begrüßte. Doch nicht nur hinter den Kulissen bewegt Sandra sich: Die beiden „Fechterrats-Mitglieder“, ehemalige Nationalteam-Säbelfechterin Steffi Kubissa und ihr Mann Bork Schiffer, holen sie regelmäßig zu den Auftritten von Brings mit auf die große Bühne vor die 2000 Fans. „Das war Klasse!“ So jubelt Sandra über die Begegnungen mit den Kölner Stars des Karnevals von Guido Cantz bis Querbeat, aber eben vor allem über die Musik.

Mitten bei den Fechtern mit Stefanie Kubissa an ihrer Seite: Sandra Rübner (27) bei „Dormagen feiert Kölsch“ vor zwei Jahren. Foto: Claudia Rübner

Sie braucht nur die ersten Töne hören, dann ruft sie direkt: „Das ist Kasalla!“ Vor der Proklamation hat sich Sandra schon mal eingestimmt: „Mama, ich mach mich schon mal warm“, hieß es dann angesichts von Karnevalsmusik in Endlosschleife. Die Texte nimmt sie beim Hören auf. Sandra kann zwar nicht rechnen, schreiben oder lesen, aber Namen wie Aldi oder McDonald’s erkennt sie am Logo.

Auch Guido Cantz nahm sich in der TSV-Arena Zeit für die 27-Jährige. Foto: Claudia Rübner

Ein halbes Jahr nach Sandras Geburt ist den Eltern aufgefallen, dass sie sie nicht fixieren kann. Eine dreijährige Odyssee von Arzt zu Arzt folgte, unter der auch Bruder Dennis (30) sehr litt. Wie Claudia Heinen berichtet, leidet Sandra an Optikusatrophie, eine degenerative Erkrankung des Sehnervs: „Sie kann nur zehn Prozent weit gucken.“ Dazu kommt eine Epilepsie mit gewisser Spastik und orthopädische Beeinträchtigungen, und eine Skoliose, eine Verkrümmung der Wirbelsäule um 56 Prozent. Trotz der gesundheitlichen Einschränkungen genießt die Familie das Leben: „Ich habe in zehn Tagen auf der Neurologie mit Sandra so viel Elend gesehen, dass ich sehr dankbar dafür bin, was ich habe“, sagt Claudia Heinen.

Während Sandra Rübner, die in der Werkstatt für Behinderte in Hemmerden in der Verpackungsabteilung arbeitet, früher das Wort Behinderung gemieden hat – im Gegenteil sogar fast schnippisch entgegnete: „Ich bin nicht behindert, ich kann das nur nicht“ – hat sie inzwischen ihren Frieden mit dem Handicap gemacht: „Ich bin fast blind, ich bin behindert“, sagt sie jetzt. Was sie gar nicht leiden kann, sind Foppereien oder Ironie. „Du hast das falsch gesagt“ motzt sie dann auch geradeheraus los, wenn ihr etwas komisch vorkommt.

Seit langem ist Sandra Rübner Fan der Handballer des TSV Bayer Dormagen, deren Spiele sie gern mit Claudia und Norbert Heinen besucht, wenn sie Zeit hat. Stolz ist die 27-Jährige auch auf das TSV-Trikot mit den Unterschriften aller Spieler. Nach dem Spiel muss sie jeden Spieler abklatschen. „Mir fehlt noch der Ian“, sagt sie etwa hartnäckig –  und holt das Versäumte beim Wiesel-Treff nach. Auch beim Handball bleibt sie am Ball: Sie hat noch nach Jahren die Namen und Trikotnummern der Spieler gespeichert.

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