Ehemaliges Wohn- und Geschäftshaus: Stummer Zeuge jüdischen Lebens

Ehemaliges Wohn- und Geschäftshaus: Stummer Zeuge jüdischen Lebens

Groß, grau und auch ein wenig abweisend erhebt sich das Haus an der Kölner Straße 127. Ein zweigeschossiges, fünfachsiges Gebäude mit einer Werksteinfassade und hoch aufragendem Mansarddach: das ehemalige Wohn- und Geschäftshaus der jüdischen Familie Gottschalk, erbaut nach Plänen der Kölner Architekten Helbig und Klöckner im Jahre 1912. Das imposante Haus, steht seit einiger Zeit zum Verkauf. Steht zum Verkauf: das ehemalige jüdische Wohn- und Geschäftshaus mit Betstube an der Kölner Straße 127. NGZ-Foto: H. Jazyk

Groß, grau und auch ein wenig abweisend erhebt sich das Haus an der Kölner Straße 127. Ein zweigeschossiges, fünfachsiges Gebäude mit einer Werksteinfassade und hoch aufragendem Mansarddach: das ehemalige Wohn- und Geschäftshaus der jüdischen Familie Gottschalk, erbaut nach Plänen der Kölner Architekten Helbig und Klöckner im Jahre 1912. Das imposante Haus, steht seit einiger Zeit zum Verkauf. Steht zum Verkauf: das ehemalige jüdische Wohn- und Geschäftshaus mit Betstube an der Kölner Straße 127. NGZ-Foto: H. Jazyk

An sich nichts Besonderes - und doch. Denn unterm Dach befand sich einst der Synagogenraum der jüdischen Gemeinde Dormagen, in dem 17 Männer Platz fanden. Für die Frauen gab es eine baulich abgetrennte, durch zwei Stufen leicht erhöhte separate Empore, von der jedoch nichts mehr erhalten ist. Lediglich der Raum als solcher sowie der dorthin führende Dachgeschossflur sind auch nach Umbauten im Jahre 1984 ablesbar geblieben.

Errichtet wurde das Haus, für das der Vorgängerbau bis auf die rückwärtig gelegene Scheune abgerissen wurde, von dem wohlhabenden Viehgroßhändler Josef Gottschalk. Rund 20 Jahre war es der Kristallisationspunkt des jüdischen Lebens in Dormagen. 1938 wechselte das Haus den Eigentümer, nachdem Gottschalks Sohn Karl im März nach New York ausgewandert war und seine Frau Grete ihren Wohnsitz nach Dortmund verlagert hatte.

Ein Intimer Kenner der jüdischen Geschichte Dormagens ist Heinz Pankalla, Fachbereichsleiter Kultur bei der Stadtverwaltung. "Das Haus steht unter Denkmalschutz", weiß er. 1993 erstellte das Rheinische Amt für Denkmalpflege ein Gutachten, das die "eminente Bedeutung" des Gebäudes erkennt und für seine Erhaltung als Erinnerungs- und Mahnort plädiert. "Die jüdischen Familien wohnten fast alle im Bereich Kölner Straße, Marktstraße und Krefelder Straße", erzählt Pankalla.

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Noch im 19. Jahrhundert war das nahe gelegene Zons ein Zentrum des so genannten Landjudentums im Raum Dormagen gewesen. In Zons lebten seit dem 13. Jahrhundert jüdische Familien. Mitte des 17. Jahrhunderts wurden die Juden aus der Stadt vertrieben, eine Rückbesiedlung begann Anfang des 18. Jahrhunderts und verstärkte sich dann in napoleonischer Zeit nach 1794, als den Juden erstmals uneingeschränkte Menschen- und Bürgerrechte zuerkannt wurden.

Später spaltete sich dann die Filialgemeinde Zons-Dormagen von der jüdischen Gemeinde Neuss ab. Nach der Reichsgründung 1871 verschob sich das jüdische Leben jedoch mehr und mehr in das verkehrsgünstiger gelegene Dormagen. Dieser Entwicklung trug Josef Gottschalk schließlich Rechnung, indem er den Betraum einrichtete.

Doch bereits in den 20er Jahren begann die Zahl der Mitglieder zu sinken, bis die erforderliche Anzahl für den Synagogenbetrieb von zehn erwachsenen Männer nicht mehr aufgebracht werden konnte. Was blieb, ist das Haus als einer stummer Zeuge der jüdischen Geschichte Dormagens. Simon Hopf

(NGZ)
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