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Dormagen: "Stadt braucht Blaumannjobs"

Dormagen : "Stadt braucht Blaumannjobs"

interview Wie die IHK-Geschäftsführer Bernd Neffgen (Standortexperte) und Rainer Növer (Chefvolkswirt) die wirtschaftliche Entwicklung Dormagens prognostizieren – und wie sich die Stadt darauf vorbereiten kann.

interview Wie die IHK-Geschäftsführer Bernd Neffgen (Standortexperte) und Rainer Növer (Chefvolkswirt) die wirtschaftliche Entwicklung Dormagens prognostizieren – und wie sich die Stadt darauf vorbereiten kann.

Die chemische Industrie liegt mit 149,2 Punkten beim jüngsten Geschäftsklimaindex der IHK Mittlerer Niederrhein deutlich über dem Schnitt. Gehört Dormagen derzeit zur konjunkturellen Speerspitze?

Rainer Növer Diese Zahl zeigt, dass die Stimmung besser ist als der Durchschnitt, der bei 129,4 Punkten liegt. Der Grund ist, dass sich die chemische Vorleistungsgüterindustrie traditionell zu Beginn der anspringenden Konjunktur gut entwickelt. Zudem liegt die Exportquote in Dormagen bei 70,4 Prozent.

... ein Wert, der deutlich über dem Bundesschnitt von 40 Prozent liegt.

Növer Ja, die Zahl ist außergewöhnlich und sorgt für einen Sondereffekt. Und diese Zahl steht ganz deutlich im Zusammenhang mit dem Bayerwerk.

Ist der Fokus auf die chemische Industrie denn sinnvoll?

Bernd Neffgen Die starke Fokussierung auf einen Wirtschaftszweig kann zu Problemen führen. In der Krise hatte die Chemiebranche in einzelnen Sparten mit einem Produktionsrückgang von 50 bis 60 Prozent zu kämpfen. Doch bei dem derzeitigen leistungsstarken Aufschwung ist sie ein Plus.

Ein zweiter Schwerpunkt in Dormagen ist die Logistik, die umstritten ist, zum Beispiel beim geplanten Gewerbegebiet "Am Kohnacker".

Neffgen Diese Zusammenarbeit zwischen Chemie, Industrie und Logistik ergibt in Dormagen einen schönen Kreislauf. Das alte Vorurteil, Logistik sei nur Transport, ist zudem längst überholt. Am Standort wird Wertschöpfung betrieben: Es gibt Lagerhaltung, Etikettierung, produktionsbegleitende Aufgaben – Unternehmen wie Offergeld, Aldi, Hoyer oder Chemion sind nur einige Beispiele dafür.

Der Logistikbereich schafft für seinen Flächenverbrauch verhältnismäßig wenig Arbeitsplätze.

Növer Auch das ist ein Vorurteil über die Logistik. Im Bereich Verkehr und Lager arbeiten in Dormagen 1306 Beschäftigte. Gerade für die Stadt Dormagen ist aber wichtig, dass aufgrund der Arbeiter geprägten Einwohnerstruktur genügend Blaumannarbeitsplätze geschaffen werden.

Die Flächen werden aber knapp.

Neffgen Das stimmt, es müssen im nächsten Regionalplan der Bezirksregierung dringend Flächen ausgewiesen werden – insbesondere Industrieflächen, nicht allein "einfache" Gewerbeflächen, um nicht in Konflikt mit anderen Nutzungen zu geraten. Der Verbrauch von Flächen durch die Wirtschaft wird oft überschätzt. Er liegt NRW-weit gerade einmal bei 2,6 Prozent. Doch die Bilder von Gewerbeansiedlungen, wenn man zum Beispiel über die Autobahn fährt, prägen sich einfach schnell ein.

Wie und wo könnte sich Dormagen denn weiterentwickeln?

Neffgen Zum Beispiel im Rahmen des Forschungsprojekts "Flexible Logistikkapazität Niederrhein". Darin ist eine Idee, das so genannten NE-Bahn-Netz – also zum Beispiel die Zons-Nievenheimer- oder die Neusser Eisenbahn – zu verknüpfen. Auf diese Art könnte ein von der Deutschen Bahn unabhängiges Schienennetz von Köln bis nach Krefeld entstehen. Derzeit werden die Verknüpfungsmöglichkeiten der Netze untersucht. Zudem werden Flächen untersucht, die für Logistik in Frage kommen können. In Dormagen gibt es etwa den Gedanken, das Silberseegelände von RWE dafür zu nutzen. Festgelegt ist aber noch nichts.

Welche Projekte müssen in Dormagen in der nahen Zukunft dringend angepackt werden?

Neffgen Neben den fehlenden Gewerbeflächen muss für die geplante Autobahnanschlussstelle Delrath, die wichtig ist für viele Unternehmen, eine Lösung gefunden werden. Klar ist: Dormagen wird ein Industriestandort bleiben.

Jens Krüger führte das Gespräch.

(NGZ)