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Dr. Klaus Schäfer im Interview: Sorge um den Industriestandort

Dr. Klaus Schäfer im Interview : Sorge um den Industriestandort

Dr. Klaus Schäfer, Geschäftsführer des Chempark-Betreibers Currenta mit den Standtorten Leverkusen, Dormagen und Krefeld-Uerdingen und Vorsitzender des Verbandes der Chemischen Industrie in Nordrhein-Westfalen.

Die Unternehmen im Chempark mit seinen drei Standorten Leverkusen, Dormagen und Krefeld-Uerdingen erholen sich langsam von der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise. Allerdings nicht so schnell, wie es wünschenswert wäre. Immerhin arbeitet im Chempark Dormagen kein Unternehmen mehr in Kurzarbeit, Bayer und Lanxess verkünden, die Trendwende geschafft zu haben. Dennoch steht der Chempark Dormagen vor großen Herausforderungen. Die NGZ sprach mit dem Geschäftsführer des Chemieparkmanagers und -betreibers Currenta, Dr. Klaus Schäfer. Er ist gleichzeitig Vorsitzender des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI) in Nordrhein-Westfalen.

Schäfer: "Große Investitionen für den Standort Dormagen." Foto: NGZ

Herr Dr. Schäfer, wie geht Currenta mit der Krise um?

Dr. Klaus Schäfer Wir hatten frühzeitig Hinweise auf eine Abschwächung der Konjunktur und haben uns darauf rechtzeitig eingestellt. Dass sie allerdings so tiefgreifend wird, hatten wir nicht gedacht. Mit unserem Maßnahmenpaket sind wir aber — ich darf das so beschreiben — gut in die Krise gekommen.

Wie haben Sie sich darauf eingestellt?

Schäfer Wir haben Anfang 2008 schon Szenarien entwickelt und Maßnahmen erarbeitet. Ein Beispiel: Wenn zu wenig Arbeit für unsere Mitarbeiter da ist, übernehmen diese die Arbeit von anderen Firmen, die wir selbst beauftragen. Das haben wir neben vielen anderen Kosteneinsparungen auch umgesetzt. Wir haben uns auch darauf vorbereitet, dass Chemiepark-Firmen in die Insolvenz gehen.

Ist es denn zu Insolvenzen in den Chemparks gekommen?

Schäfer In Leverkusen haben wir die bekannten Schwierigkeiten bei DyStar und in Uerdingen bei Tronox. In Dormagen hatten wir bislang keine Firmen-Zusammenbrüche zu verzeichnen.

Wie sah es bei Currenta selbst aus?

Schäfer Wir hatten bei unseren Töchterfirmen Kurzarbeit, bei Chemion 100 Mitarbeiter, bei dem technischen Service Tectrion etwa 400 Mitarbeiter, die aber bis auf zehn zurückgenommen wurde.

Erwarten Sie noch weitere Schwierigkeiten für die Chemparks?

Schäfer In einer solchen Krise bündeln und konzentrieren zahlreiche Unternehmen ihre Aktivitäten, das heißt die Unternehmen sondieren momentan die günstigsten Standorte. Auch wir werden immer wieder zu kämpfen haben, um möglichst viele Anlagen unserer Chemieparkpartner hier halten zu können und noch besser: neue hier hin zu bekommen. Und da müssen wir am Ball bleiben.

Gelingt Ihnen das?

Schäfer Als Chemieparkbetreiber tragen wir mit unseren Dienstleistungen einen nicht unerheblichen Teil zu den Produktionskosten unserer Partner bei. Unser Anspruch ist es, der führende Chemieparkmanager und -betreiber mit dem attraktivsten Chemiepark Europas zu werden. Daran arbeiten wir. Es wird aber immer Schließungen von Anlagen geben, sei es aufgrund veralteter Produkte, überholter Verfahren oder zu geringer Größe. Diese müssen ersetzt werden durch neue Anlagen mit wirtschaftlicheren und umweltfreundlichen Verfahren. Diese Investitionen hier hin zu bekommen, ist ein schwieriges Geschäft.

Was ist in Dormagen an Ansiedlungen geplant?

Schäfer Die TDI-Anlage von Bayer MaterialScience wird weiter geplant, das EBS (Ersatzbrennstoffe) Kraftwerk wird weiter entwickelt,d die Produktionserweiterung bei Bayer CropScience wird umgesetzt. Das bringt den Standort voran.

Dennoch kann man angesichts der Proteste gegen ein Kraftwerk in Krefeld oder Datteln oder der Querelen über die CO-Pipeline zwischen Dormagen und Krefeld gelegentlich Angst haben, dass sich industriell überhaupt noch etwas bewegt.

Schäfer Das ist richtig. Es entsteht der Eindruck, dass der Industrie in der Bevölkerung ein scharfer Wind entgegen weht. Offenbar wurden Angst-Szenarien aufgebaut, die bei Teilen der Bürger gut ankommen.

Haben Sie genügend informiert?

Schäfer Die Industrie hat bei den meisten Projekten sehr frühzeitig, sehr intensiv und sachlich-fachlich informiert. Aber das reicht offensichtlich heute nicht mehr aus. Wir müssen - so glaube ich - wieder sehr viel stärker den Nutzen und Wert industrieller Produktion hervorheben. Eine gesunde Industrie in diesem Land ist die Basis für unseren Wohlstand und Lebensqualität. Wir müssen aber auch noch mehr auf die Bedeutung unserer chemischen Produkte hinweisen, die aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken sind. So schaffen wir Akzeptanz - und für die Investoren Sicherheit. Dafür brauchen wir aber auch die Unterstützung der Politik.

Reicht das Argument Arbeitsplätze nicht mehr aus?

Schäfer Arbeitsplätze und Wohlstand sind nach wie vor für viele Bürger wichtige Argumente. Eine Umfrage des NRW-Wirtschaftsministeriums kommt aber auch zu dem Ergebnis, dass etwa 15 Prozent der Bürger hinsichtlich der weiteren Industrialisierung Totalverweigerer sind.

Wie weit ist denn das Verfahren hinsichtlich der Pipeline?

Schäfer Die CO-Pipeline ist zu 99 Prozent fertig gestellt. Wir warten jetzt auf weitere Gerichtsentscheidungen, die eine Inbetriebnahme der CO-Pipeline ermöglichen.

Was ist mit dem Vorwurf, Bayer Material Science sei beim Bau der Pipeline ohne Genehmigung der Behörden von Plänen abgewichen?

Schäfer Es gibt wie bei jedem Pipelinebau eine Reihe von Planungsänderungen. Die weit überwiegende Zahl betrifft minimale Trassenanpassungen — beispielsweise zum Schutz des Baumbestandes oder um vorhandene Kanalschächte zu umgehen. Alle Änderungen wurden und werden vor der Erteilung der Genehmigung von der Bezirksregierung Düsseldorf und unabhängigen Experten geprüft.

Gehen Sie persönlich davon aus, dass die Pipeline in Betrieb gehen wird?

Schäfer Ich bin sehr zuversichtlich.

Und wie sieht es mit dem Kraftwerk in Krefeld-Uerdingen aus?

Schäfer Das ist mittlerweile auf einem guten Weg. Der Investor Trianel arbeitet intensiv an der Genehmigung. Ich bin auch hier zuversichtlich, dass es genehmigt und gebaut wird. Spätestens 2016 haben wir dann einen Ersatz für unsere älteren Kohlekessel Angenommen, Kraftwerk und Pipeline kommen nicht — was dann? Schäfer Noch mal: Ich glaube, dass beide Projekte kommen. Alles andere wäre ein schlechtes Zeichen für den Standort - vor allem für die Chemie am Niederrhein, Um attraktiv zu sein, müssen wir auch Versorgungssicherheit garantieren. Die Konkurrenzfähigkeit wäre gefährdet.

Warum sollte ein Unternehmen in diesem Umfeld investieren, wenn es woanders doch besser ist? Wie reagieren die Unternehmen?

Schäfer Die Produktion wandert ab in andere Regionen.

Die Unternehmen hier sind stolz auf ihre Forschung und Entwicklung, können sie das ausgleichen?

Schäfer Forschung und Entwicklung sind eng angelehnt an die Produktion. Diese Nähe ist unabdingbar. Wenn die Produktion abwandert, werden Forschung und Entwicklung bald folgen.

Beeinträchtigen deutsche oder europäische Umweltvorschriften zunehmend die Rahmenbedingungen für die chemische Industrie?

Schäfer Wir blicken gespannt auf die Klimaschutzverhandlungen im Dezember in Kopenhagen. Wenn dort auch Beschlüsse zur weiteren Einsparung von CO 2 gefasst werden, ist es für uns wichtig, dass diese Bestimmungen für alle Länder gleich gelten. Bislang gab es Länder wie zum Beispiel China und Indien, die sich nicht beteiligt haben. Und das verschlechtert unsere Rahmenbedingungen und verzerrt den Wettbewerb.

(RP)