1. NRW
  2. Städte
  3. Dormagen

Dormagen: Politessen fast täglich Opfer von Beleidigungen

Dormagen : Politessen fast täglich Opfer von Beleidigungen

Rund 150 000 Euro pro Jahr nimmt die Stadt durch Knöllchen ein. Die Mitarbeiter des Ordnungsamtes müssen dafür starke Nerven haben.

Claudia Hümsch müsste blind sein, um die Blicke nicht zu sehen, die Geringschätzung zu ignorieren. Ihre blaue Uniform, das Knöllchengerät, wirken wie Zielscheiben für die entgegenkommenden Passanten, Argwohn ist noch die freundlichste Beschreibung für das Mimenspiel der Lauernden. "Klar bekomme ich die Blicke mit. Aber die gelten ja gar nicht mir, sondern nur meiner Arbeit. Also kann ich gut damit leben", sagt Claudia Hümsch. Es ist kurz nach zehn Uhr, und die Politesse hat soeben ihren ersten "Kunden" des Tages entdeckt — ein Fahrzeug des städtischen Energieversorgers evd.

Die Jagd des Dormagener Ordnungsamtes nach Parksündern macht vor der eigenen "Tochter" nicht halt. Irgendwie beruhigend diese Erkenntnis — "gleiches Recht für alle", unterstreicht Hümsch. Allerdings wird die Fünf-Euro-Knolle für die evd den städtischen Haushalt nicht wirklich entlasten — es ist der Griff von der rechten in die linke Tasche. Und auch sonst sind die Einnahmen aus den Verwarn- und Bußgeldbescheiden eher rückläufig — zumal längst nicht jedes Knöllchen auch bezahlt wird. "Die 150 000 Euro sind die ungefähre Größe, die wir einfordern. Die tatsächliche Einnahme liegt darunter", sagt der zuständige Rathausmitarbeiter Fredo Schröder. Im Haushaltsentwurf hatte das Ordnungsamt zudem den hohen Schulungsbedarf seiner wechselnden Mitarbeiter angemeldet.

Claudia Hümsch ist seit zwei Jahren als Politesse in Dormagen unterwegs. Die Frage nach ihrer Motivation scheint irgendwie unangebracht — gerade erst hat ein aufgebrachter Familienvater die besondere Engstirnigkeit von Hümsch betont und ist wütend davon gestapft. "Ich habe drei Kinder, ich habe eine Wohnung, ich brauche ein regelmäßiges Einkommen", zählt Claudia Hümsch dann doch drei ziemlich brauchbare Gründe für ihre Jobwahl auf. "Außerdem bin ich an der frischen Luft und unterwegs mein eigener Herr — das sind doch nun wirklich Vorteile", sagt Hümsch und grinst.

Natürlich gibt es Anfeindungen, eine Kollegin musste gerade erst vor Gericht aussagen, weil ihr ein Autofahrer bis vor die private Haustür gefolgt war. Die Stadt bereitet ihre Mitarbeiter durch Deeskalationstrainings auf Situationen vor, in denen der gesunde Menschenverstand auf der Strecke bleibt. "Manche vergessen leider, dass ich meinen Job mache. Ich bekomme keine Provision, wenn ich jemanden aufschreibe. Ich halte lediglich fest, dass jemand eine klare Regel missachtet hat", sagt Hümsch.

Die Beschimpfungen an diesem Vormittag bleiben aus, es bleibt bei verächtlichen Blicken und geschürzten Lippen. Absurd wird diese Geringschätzung allerdings durch die täglichen Anrufe im Rathaus. Nachbarn denunzieren sich gegenseitig, Erbhöfe des Parkens gegen Eindringlinge im Wohngebiet verteidigt. "Da sind wir dann auf einmal die hilfsbereiten Ordnungshüter", sagt Hümsch und schüttelt den Kopf. Gleich ist Mittagspause, Sie wird mit Kollegen in einen Imbiss gehen. Ohne Uniform. Einmal am Tag tut es auch ganz gut, einfach nur Claudia Hümsch zu sein.

(NGZ/ac/jco)