1. NRW
  2. Städte
  3. Dormagen

Dormagen: Müntefering erinnerte an Schmidt

Dormagen : Müntefering erinnerte an Schmidt

Nach der Umbenennung des Marktplatzes in Helmut-Schmidt-Platz folgte eine ungewöhnliche Lesung zum Altbundeskanzler in der Stadtbibliothek.

Knapp 140 Dormagener waren am Mittwochabend dabei, als der Marktplatz zum "Helmut-Schmidt-Platz" umgewidmet wurde. "Damit gehören wir in Dormagen bundesweit mit zu den ersten Städten, die eine Straße oder einen Platz nach ihm benennen", erklärte Bürgermeister Erik Lierenfeld, der gemeinsam mit Ehrengast Franz Müntefering, Vize-Kanzler a.D., das neue Straßenschild enthüllte - wegen des klemmenden Tuchs mit Hilfe durch Peter Jankowski vom Baubetriebshof. Der Planungsausschuss hatte vor einem Jahr die Umbenennung auf Antrag von Markus Roßdeutscher (FDB) beschlossen.

Müntefering freute sich über die Namensgebung: "Ab heute erinnert dieser Platz an den außergewöhnlichen Demokraten Helmut Schmidt, der zur Pflicht zur Verantwortung und zu pragmatischem Handeln zu sittlichen Zwecken aufgerufen hat." Schmidt habe "nicht immer Recht gehabt, das wusste er auch, aber er bezog Position", so Müntefering.

Schon in den beiden Reden wurde den aufmerksam Zuhörenden die Persönlichkeit Helmut Schmidts, Bundeskanzler von 1974 bis 1982, vor Augen geführt - was sich bei der mit rund 90 Gästen besuchten, sehr persönlichen Lesung in der Stadtbibliothek fortsetzte. Lierenfeld lobte Schmidt als einen rationalen Politiker, der "wichtige Entscheidungen für unser Land in schwierigsten Situationen getroffen" habe und vor allem "ein Muster in Sachen Pflichterfüllung sei, was allseits anerkannt" sei, so sein unbürokratisches Handeln bei der Flutkatastrophe 1962 in Hamburg und sein Kampf gegen den RAF-Terror. Auch Kritik kam nicht zu kurz, so an seiner Haltung zum Nato-Doppelbeschluss, die ihn das Amt gekostet hatte. Lierenfeld regte zum Nachdenken an: "Ich bin mir nicht sicher, wie Schmidts Bekenntnis zu einer Politik der Stärke und seine Bündnistreue im Nachhinein zu bewerten sind. Das ist für mich ein Beispiel dafür, dass es in der Politik manchmal nicht ein eindeutiges Richtig oder Falsch gibt." Schmidts Anspruch war: "Ein Politiker hat die Pflicht, alle Folgen seiner Entscheidungen zu bedenken und zu verantworten."

Mit Hochachtung und Augenzwinkern berichtete Müntefering über Begegnungen mit seinem langjährigen SPD-Weggefährten, der ein klares Wort geschätzt habe, und zitierte erstmals aus einem persönlichen Brief Schmidts. Neben Lierenfeld und Müntefering las Ehrenbürger Heinz Hilgers aus einem der Bücher des Alt-Kanzlers vor: "Auch Diktatoren muss zugehört werden", schloss er sich an. Moderiert wurde die Talkrunde, die von drei Flügel-Darbietungen der Musikschule Dormagen umrahmt wurde, von Birgit Wilms. Beim lockeren Gespräch nach der Lesung konnten die Gäste eins der Lieblingsgerichte des Hamburgers probieren: Labskaus.

(NGZ)