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Dormagen: Mit Pinsel und Farbe gegen die Taubheit

Dormagen : Mit Pinsel und Farbe gegen die Taubheit

2012 erhielt D'Art-Gewinner Eric Giessmann eine Diagnose, die sein Leben veränderte. Inzwischen ist er taub – und sucht Kraft in der Kunst.

2012 erhielt D'Art-Gewinner Eric Giessmann eine Diagnose, die sein Leben veränderte. Inzwischen ist er taub — und sucht Kraft in der Kunst.

Wenn Eric Giessmann auf sein Kunstwerk blickt, sieht er mehr als einen Baum, dessen dicke Äste sich fest umschlingen. Für den Gewinner der D'Art symbolisiert das Gemälde aus Öl-, Acryl- und Neonfarben seinen persönlichen Lebensbaum. "Einen, der meine Geschichte darstellt und mir in schweren Zeiten aufzeigt, dass es auch anders geht", sagt er. Denn seit fast einem Jahr ist für den jungen Künstler nichts mehr so, wie es einmal war.

Der 25-Jährige leidet am sogenannten Cogan-Syndrom — einer Autoimmunkrankheit, von der Augen und Ohren betroffen sind. "Die Diagnose hat uns alle schockiert und aus dem Lebensrhythmus gebracht", erklärt sein Vater Volkmar. Inzwischen ist Eric Giessmann taub, Gleichgewichtsstörungen erschweren ihm das Malen. Doch Leinwand, Farbe und Pinsel in die Ecke zu stellen, kommt für den Dormagener nicht infrage. "Dafür bin ich einfach viel zu gerne kreativ", sagt er.

Angefangen habe alles zur Abiturzeit — und mit der Fernsehserie "Die Freude des Malens" des US-amerikanischen Künstlers Bob Ross. "Mit ihm habe ich Ölfarben entdeckt und bin seitdem grundsätzlich dabei geblieben", erklärt Eric Giessmann. Nach seinem Abitur studierte er ein Jahr lang allgemeine Kunst in den Niederlanden, bevor er sich den bewegten Bildern widmete. Kurz vor seinem Bachelor-Abschluss im Fach "Animation" erfuhr der damals 24-Jährige von seiner Erkrankung. Seitdem habe sich sein Alltag ziemlich verändert

"Die Farben sind verblasst", erklärt der junge Künstler, der trotz seiner Erkrankung selbstständig sein will und seinen eigenen Haushalt führt. Das Problem: Wie bei vielen Betroffenen schlägt die Kortison-Therapie nicht an. "Eine Möglichkeit ist ein Implantat, das an die Ohrmuschel angeschlossen wird", erklärt Vater Volkmar. Ein Ausweg, der jedoch mit einer Operation, vielen Risiken und Ängsten verbunden sei.

In der Kunst sieht Eric Giessmann deshalb einen Weg, um sich von seinen Problemen abzulenken. Durch den Prozess des Malens könne er die Wut und den Hass, den er "manchmal" auf die Welt verspüre, auflösen. Dennoch betrachte er das Entstehen von Bildern nicht als reine Beschäftigungstherapie. "Ich mache das auch, weil ich das kann, weil ich die Fähigkeit dazu besitze und weil es Spaß macht."

Freude hatte der Nachwuchskünstler auch an seinem Werk mit dem Titel "Erster Sonnenstrahl". Etliche Stunden hat er in das Bild investiert, für das er sogar mit Neon- und Nachtleuchtfarben experimentiert hat. "Die Idee dahinter war ein Baum, der sich mit der Schöpfungskraft des Menschen vereint. Das Bild soll sozusagen eine Symbiose von Natur und Mensch darstellen", erklärt Eric Giessmann. Ein Konzept, das die D'Art-Jury überzeugen konnte. Sie lobte den Detailreichtum, den Realismus und die besondere Atmosphäre des Bildes — und wählte das Fantasy-Werk am Ende auf den ersten Platz. Für den 25-Jährigen, der bereits vor zwei Jahren mit gleich drei Arbeiten bei der D'Art vertreten war, eine besondere Auszeichnung: "Es ist wunderbar zu wissen, dass es Leute gibt, die meine Bilder gut finden."

Positiver Nebeneffekt: Mit dem Preisgeld könne er sich endlich neue weiße Farbe kaufen — um künftig noch mehr persönliche Lebensbäume in Bilder zu bannen.

(NGZ/rl)