Dormagen: Mit der Seele und mit Körpereinsatz beten

Dormagen: Mit der Seele und mit Körpereinsatz beten

Eine neue Methode für den Umgang mit der Bibel lernten jetzt Teilnehmer eines Seminars in Nievenheim kennen. Dabei werden die Worte der Heiligen Schrift mit Gesten und Mimik verinnerlicht.

32 Frauen und Männer stehen in einem Kreis im großen Saal des Pfarrheims, das sich neben der Kirche St. Pankratius befindet. Auf dem Boden in der Mitte liegt ein grünes Tuch. Darauf liegen Blumen und eine bebilderte Ausgabe der Bibel mit weißem Einband. Die Gruppe singt gemeinsam die Worte des Kreuzzeichens "Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen." Das Ungewöhnliche daran: Die Teilnehmer bewegen sich dazu rhythmisch mit ihrem Körper. Der rechte Fuß wird vorgestellt und bleibt mit der Spitze am Boden, die Ferse hebt sich im Takt nach oben. Der Körper schwingt sanft nach vorne und wieder zurück. Die Begriffe werden durch Gesten unterstützt. Beim "Heiligen Geist" werden die Hände trichterförmig an den Mund gelegt, beim "Amen" breiten die Frauen und Männer ihre Arme weit auseinander. Alles wird minutenlang wiederholt.

Angeleitet werden die Teilnehmer von Clara-Elisabeth Vasseur. Die 48-jährige Französin beginnt mit dieser Übung ihren Vortrag "Leibhaftiges Wort". Sie stellt mit dem Bibelrezitativ eine neue Methode für den Umgang mit der Heiligen Schrift vor. Es gehe darum, mit Leib und Seele zu beten, zu lernen und zu verstehen, so Vasseur und betont: "Durch das Körpergedächtnis können wir geistige Inhalte besser verinnerlichen."

Vasseur studierte Philosophie in Frankreich und Deutschland. 20 Jahre lang war sie Benediktinerin in der Abtei Mariendonk am Niederrhein. Heute lebt sie im Altmühltal und arbeitet an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt an ihrer Dissertation.

"Viele posten Fotos von besonderen Momenten auf Facebook", sagt Vasseur, "aber dadurch verlernen wir, den eigentlichen Augenblick mit all unseren Sinnen wahrzunehmen." Sie verweist darauf, dass die Identität eines Menschen auch durch seine Handlungen entstehe und plädiert, sich in der Liturgie wieder mehr auf Gestik und Mimik, Bewegung und Melodie zu besinnen.

Die Theorie der Bibelrezitative basiert auf dem Werk des französischen Priesters und Jesuiten Marcel Jousse (1886-1961). Als Anthropologe hatte er die Techniken der Weitergabe von mündlichen Traditionen untersucht. Eine wichtige Erkenntnis von Jousse: Das Geschriebene ist lediglich ein blasses Abbild der lebendigen Gebärde. Für Ingrid Mnich, Mitglied der Katholischen Frauengemeinschaft (kfd), hat sich die Teilnahme an dem Bibelseminar gelohnt: "Die Lebendigkeit der Weitergabe der Frohen Botschaft mit dem Körper ist ein Schritt in die Zukunft. Die Freude, die wir Christen eigentlich jeden Tag der Umwelt zeigen sollten, kann dadurch mehr rüberkommen." Auch Norbert Gernand hat die Veranstaltung "gut gefallen". Gernand ist Hauptleiter der Messdienergemeinschaft an der Basilika zu Knechtsteden und Mitglied des Pfarrgemeinderats (PGR) von St. Aloysius Stürzelberg. "Verwenden werde ich das Gelernte an Ostern. Wir machen eine Wache die ganze Nacht durch und da ist genügend Zeit, uns auf diese besondere Art und Weise die Bibeltexte anzueignen." Veranstaltet wurde die Fortbildung vom PGR des katholischen Seelsorgebereichs Dormagen-Nord, der einmal im Jahr einen solchen Tag der Begegnung anbietet.

(NGZ)