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Festakt zum 100-jährigen Bestehen des Raphaelshauses: "Menschen Lebensmut und Perspektive geben"

Festakt zum 100-jährigen Bestehen des Raphaelshauses : "Menschen Lebensmut und Perspektive geben"

Von Silvia Fehse und Carsten Sommerfeld

Von Silvia Fehse und Carsten Sommerfeld

Lang war die Liste der Gäste, die Dienstag Abend das 100-jährige Bestehen des Raphaelshauses mitfeierten. Wesentlich länger wäre allerdings eine Auflistung all der jungen Menschen, die in 100 Jahren dort Unterstützung und Heimat gefunden haben. Längst ist das einst weit vor den Ortsgrenzen liegende Raphaelshaus zum Dorf und festen Bestandteil Dormagens geworden. Das Ziel aber ist laut Festredner Dr. Karl Emsbach dasselbe geblieben: jungen Menschen Lebensmut und eine Perspektive geben. Eine moderne, lebendige Einrichtung in alten Mauern: Das Raphaelshaus kann auf eine hundertjährige Tradition zurückblicken. Dienstag wurde das Jubiläum feierlich begangen. NGZ-Fotos: H. Jazyk

Einer der Gäste, die Direktor Hans Scholten und Monsignore Johannes Schlößer vom Katholischen Erziehungsverein begrüßen konnten, spielte beim Festakt eine ganz besondere Rolle: Joachim Kardinal Meisner zelebrierte die Eucharistiefeier in der Kapelle des Raphaelshauses. "Im Raphaelshaus sei immer die Tür offen, immer der Tisch gedeckt, und hier könne man durchs Fenster in den Himmel blicken, beschrieb der Erzbischof die Offenheit und die Atmosphäre in de Einrichtung. "Früher lag das Raphaelshaus weit vor den Toren Dormagen, heute sind Dormagen und Mitte an die Grenzen der Einrichtung gewachsen", erklärte Bürgermeister Reinhard Hauschild.

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Trotz der engen Nachbarschaft seien keine Klagen zu hören, im Gegenteil: "Das Raphaelshaus hat ein ,Spitzen-Renommee". Wie er hielten auch der stellvertretende Landrat Hermann-Josef Dusend, Dr. Johannes Bernhauer vom Diözesan-Caritas-Verband und Professor Peter Boskamp von der Katholischen Fachhochschule für NRW keine Gruß-Worte, sondern eine Gruß-Lesung: Sie trugen Kurzgeschichten aus dem Buch "Der Mond, der Kühlschrank und ich - Heimkinder erzählen" von Renan Demirkan vor. Bayer-Werkleiter Walter Schulz hatte ein besonderes Geschenk mitgebracht - einen Wohnwagen für Touren der "Kurt-Hahn-Gruppe" im Haus.

Feierten das 100-jährige Bestehen mit: (v.l.) Leiter Hans Scholten, Bayer-Werkleiter Walter Schulz, Bürgermeister Hauschild, stellvertretender Landrat Dusend, Dr. Joachim Windolph, ehemaliger Kreisjugendseelsorger und dem Haus weiter eng verbunden, Monsignore Johannes Schlößer, Vorsitzender des Katholischen Erziehungsvereins für die Rheinprovinz.

"Raphaelshaus - Geschichten aus drei Jahrhunderten" betitelte Kreisarchivar Dr. Karl Emsbach, der die Geschichte des Hauses ins Bewusstsein rückte, seine Festrede. Schließlich war schon 1899 die Gründung einer "Erziehungsanstalt für minderjährige Knaben" angeregt worden. Franziskaner-Brüder und der Rheinische Verein für katholische Arbeiter-Colonien taten sich zusammen, gründeten eine eigene Gesellschaft - Emsbach: "Man sieht, dass Outsourcing schon vor 100 Jahren praktiziert wurde." Da, wo sich einst Richtstätte und Siechenhaus befanden - "Quellen sprechen von einer ,Wüstenei"" - war bei Dormagen preiswertes Land zu haben.

Im Juli 1901 wurde der Grundstein für das zunächst für 60 Zöglinge ausgelegte Erziehungsheim gelegt, das 1902 fertiggestellt war. Aufgenommen wurden "schulentlassene minderjährige Katholiken männlichen Geschlechts", zitiert Dr. Emsbach. "Neben der sittlich-religiösen Unterweisung und Festigung galt das Hauptaugenmerk der Vermittlung einer handwerklichen Berufsausbildung. Heute würde man sagen: Qualifizierung für den Arbeitsmarkt", so Emsbach weiter: Natürlich habe jede Zeit andere Erziehungsinhalte. "Es wäre sehr dünkelhaft und überheblich, die uns heute drakonisch anmutenden Bedingungen an modernen Standards zu messen."

Emsbach nannte die körperliche Züchtigung, die vier Arrestzellen und uniforme Schlafsäle mit bis zu 50 Betten. Aber auch modern anmutende Gedanken fand der Kreisarchivar bei seiner Recherche: Persönliche Freiheit der älteren Zöglinge sollte schon damals respektiert werden, Feste, Theater- und Lichtbildvorführungen sollten Abwechslung ins Anstaltsleben bringen. 1927 übernahm der Katholische Erziehungsverein das Haus, Missionsschwestern vom heiligsten Herzen Jesu zogen ein, erstmals wurden Mädchen aufgenommen. Emsbach erinnerte an schwere Zeiten, an mutige Männer: Unter der Nazidiktatur drohte jungen Insassen zwangsweise Sterilisation oder sogar der Transport in die Todeslager.

"Es ist eines der ganz großen Verdienste der Heimleitung, mit List, Tücke und einer gewaltigen Portion Zivilcourage die weitaus meisten dieser Begehrlichkeiten dadurch sabotiert zu haben, dass sie Kinder in vertrauenswürdige Familien oder andere Stellen verschoben hat." Dabei dachte Emsbach zuerst an Hubert Wergen, der von 1937 bis 1975 das Haus leitete und mitprägte. Zur "Wirtschaftswunder"-Zeit entstanden neue Gebäude wie die Schule. Heute haben moderne Therapieformen wie Erlebnispädagogik und Heilpädagogisches Reiten Einzug gehalten - Tradition und Offenheit für Neues ergänzen sich. Und auch die Nächstenliebe hat im Raphaelshaus Tradition, wie Emsbach weiß: Auch jeder Notleidende, ob Vagabund früher oder Asylant heute, "fand und findet ein offenes Ohr und eine Mahlzeit".

(NGZ)