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Dormagen: Luxusmiete für Notunterkunft

Dormagen : Luxusmiete für Notunterkunft

Die Bewohner der städtischen Notunterkünfte sollen eine 200-prozentige Mieterhöhung hinnehmen. Die Steigerung zahlt in vielen Fällen die ARGE. Bewohner, die keine Hartz IV-Leistungen beziehen, sind ratlos.

Die Welt von Harald Brodehl (58) passt auf 8,9 Quadratmeter. Ein Tisch, drei Stühle, geflieste Wände, auf dem Bett liegt eine Tagesdecke mit dem Logo von Bayer Leverkusen. Harald Brodehl zieht an seiner selbst gedrehten "Goldfield" und stammelt: "Es geht nicht, es geht einfach nicht."

Rund 108 Euro hat Brodehl für das Zimmer in der Notunterkunft an der Piwipper Straße 6 bisher bezahlt. Das soll sich ab Januar ändern. In einem Schreiben teilt die Stadt Dormagen dem 58-Jährigen und den anderen Bewohner des 20-Parteienhauses mit, dass künftig eine Nutzungsgebühr von 327,60 Euro fällig wird. Pro Person. Diejenigen Bewohner, die sich zu zweit ein Zimmer teilen, werden jeweils einzeln zur Kasse gebeten. Insgesamt 200 Bewohner der neun städtischen Übergangswohnheime sind davon betroffen.

Die Wände sind grau und gelb

Die Kosten übernimmt bei den Beziehern von Hartz IV die ARGE, bei Empfängern der Grundsicherung die Stadt. Harald Brodehl, der eine Erwerbsunfähigenrente von 565 Euro bezieht, soll wie fünf andere Bewohner des Hauses selbst für die Kosten aufkommen.

Bei der ARGE war gestern Nachmittag niemand mehr zu erreichen, bei der Stadt versucht man die Kostensteigerung zu erklären: "Die letzte Festsetzung erfolgte vor mehr als zehn Jahren", so Stadtsprecher Harald Schlimgen. Zudem handele es sich bei den Kosten nicht um Mieten, sondern Gebühren. Darin enthalten sind Nebenkosten wie Strom, Heizung, Wasser, die Bereitstellung von Mobiliar und den Hausmeister, der Reparaturen erledigt. Immerhin zwei hauptamtliche Hausmeister kümmern sich um die neun Übergangsheime in der Stadt.

Aber Reparaturen? Jürgen Brockmeyer, der sich um die Bewohner kümmert, kann nur lachen. Die Wände sind grau und gelb wie in einem Bunker, in den Duschen sammelt sich der Unrat, die Gemeinschaftsküche ist nicht vielmehr als ein Waschbecken. Wie in einem Luxushaus sieht es an der Piwipper Straße 6 wahrlich nicht aus. Brockmeyer findet die Erhöhung schlicht unerhört. Er glaubt: "Die Menschen geraten doch auf diese Weise in die Schuldenfalle." Auch die Bewohner sind ratlos: "Für den Quadratmeterpreis könnte ich nach Berlin-Grunewald ziehen", findet Harald Brodehl. Sein Kompagnon lacht heiser. Sprecher Schlimgen erklärt: Die Zustände in den Unterkünften sind unterschiedlich und hängen auch vom Verhalten der Bewohner ab. Der Stadtsprecher verspricht aber, dass die Stadt den Selbstzahlern, die die Gebühren nicht aufbringen können, dabei helfen wird, Unterstützung zu organisieren.

Harald Brodehl schaut gedankenverloren auf ein Poster, auf dem Ulf Kirsten steht, Arm in Arm mit Maskottchen "Brian the Lion". Dann sagt er: "Und das kurz vor Weihnachten, die haben eine Sensibilität wie eine Dampframme."

(NGZ)