Dormagen: Kurzfilm über jüdisches Leben

Dormagen : Kurzfilm über jüdisches Leben

Für Norman Kulartz bedurfte es eines einzigen Fotos, um aus einem Schüler, der eher gelangweilt den Geschichtsunterricht verfolgt, einen jungen Mann werden zu lassen, den das Thema Nationalsozialismus packte: "Es war eine Szene von der Kölner Straße mit NS-Fahnen an den Häusern und Menschen mit Hakenkreuz-Emblemen an den Jacken", erzählt er.

"Da wurde mir klar: Die Nazis waren nicht nur in Berlin, sondern auch hier in Dormagen. Auf der Straße, die ich jeden Tag entlang gehe." Für den heute 25-Jährigen war es keine Frage, das Projekt seiner ehemaligen Lehrerin Vera Strobel zu unterstützen. Beide stellen jetzt einen fünfminütigen Kurzfilm her. Eine Dokumentation jüdischen Lebens in Dormagen.

"Es könnte ein Film über Stunden sein", sagt Strobel, "so viel Material habe ich. Aber das kann man Kindern und Jugendlichen nicht anbieten." Also ein Film über jüdische Dormagener in Häppchenform. Geplant ist, die fünfminütige Dokumentation bei You Tube einzustellen. Geringe Laufzeit, schnelle Schnitte, kurze, präzise Informationen — so soll Dormagens Schüler die NS-Zeit in ihrer Heimatstadt näher gebracht werden. Aber der Kurz-Streifen soll auch allen Schulen zur Verfügung gestellt werden, versichert Strobel.

Ex-Schüler Norman Kulartz brauchte die 51-Jährige nicht zu überreden. "Ich hatte schon vor anderthalb Jahren mit dem Gedanken gespielt, Frau Strobel anzusprechen, weil ich ja wusste, dass sie sich so intensiv mit dem jüdischen Dormagen befasst", sagt der 25-Jährige. Denn sein großes Hobby ist es seit Jahren, Videoclips zu drehen. "Als Frau Strobel über Facebook bei mir anfragte, habe ich mich echt gefreut."

Jetzt sichten beide das umfangreiche Material, wählen dieses Foto aus und verwerfen ein anderes. "Mut zur Lücke" bedeutet dies, sagt die Realschullehrerin. Mit einem Zoom wird Dormagen näher geholt, dann folgen Überschneidungen von Szenen von gestern und heute, "so dass die Schüler immer die Möglichkeit haben, zu vergleichen", sagt Kulartz. Er hatte nach der Schule eine Ausbildung zum Bürokaufmann absolviert und ist heute im Kölner Flughafen beschäftigt.

Inhaltlich konzentriert sich das Duo auf zwei jüdische Familien: Karl Gottschalk, die im Bethaus an der Kölner Straße 127 lebte, und Louis Dahl, ebenfalls Kölner Straße. Der Sohn Jakob Dahl überlebte die Deportation nach Riga, anders als sein Vater und andere Familienmitglieder. Tochter Hanni Paschek-Dahl führte noch bis zum Jahreswechsel in dem Haus eine beliebte Metzgerei. Die eindrucksvollen Lebens- und Leidensgeschichten werden im Mittelpunkt stehen. Dazu nahm Strobel auch Kontakt mit Gottschalk-Kindern in den USA auf. Das Thema für den zweiten Film hat sie auch schon im Kopf: "Dann geht es um die Täter, um SS- und SA-Mitglieder aus Dormagen."

(NGZ/rl)
Mehr von RP ONLINE