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Dormagen: Kinderschutz als Lebensthema

Dormagen : Kinderschutz als Lebensthema

Heinz Hilgers wurde für weitere vier Jahre zum Präsidenten des Deutschen Kinderschutzbundes gewählt. Mit der NGZ sprach der ehemalige Dormagener Bürgermeister über die Zukunft der Kinder unseres Landes.

Herr Hilgers, es war schwierig, mit Ihnen einen Interviewtermin zu vereinbaren — sind die vielen Reisen und Termine die Schattenseite des Präsidentendaseins?

Hilgers Nun, ich war gerade in Hannover auf einer Diskussion mit Götz Werner, der ein Grundeinkommen für alle fordert, davor in Minden wegen einer neuen Jugendamtskampagne, zwischendurch habe ich Interviews gegeben zum Beispiel zu einem neuen BGH-Urteil und in Freiburg eine Vorlesung gehalten. Ich kann mir das aber alles einteilen. Das ist keine Schattenseite, und es macht ja auch Spaß.

Wie können sie als Gesprächspartner zu so vielen Themen Bescheid wissen?

Hilgers Ich weiß ja, worüber ich spreche. Ich stecke tief in der Materie drin — auch wenn ich mich schon mal schnell im Internet über einen Urteilstext informieren muss.

Ist Kinderschutz Ihr Lebensthema?

Hilgers Ja, das kann man so sagen. Ich war ja schon von 1979 bis 1985 Jugendamtsleiter in Frechen, später schulpolitischer Sprecher der SPD im Landtag. Ich bin seit Jahrzehnten im Thema und weiß, wie dick die Bretter sind, die wir bohren müssen. Wir haben 1979 ein Recht auf gewaltfreie Erziehung gefordert — es hat bis ins Jahr 2000 gedauert, ehe es Gesetz wurde.

Haben Kinder keine Lobby?

Hilgers Es ist schwierig. Die Politik ist schnell dabei, Grundgesetzänderungen zu fordern, wenn es um Terrorismus-Bekämpfung geht, oder Tierschutz. Wir kümmern uns hingegen um "Kinderkram". Dabei geht es beim Kinderschutz um nicht weniger als um die Zukunft unserer Gesellschaft. Die Lage in Deutschland ist viel dramatischer, als es die Öffentlichkeit wahrnimmt.

Inwiefern?

Hilgers Im Jahr 2000 hatten wir 15,7 Millionen Kinder, davon 1,45 auf Sozialhilfe-Niveau. Heute haben wir weniger als 14 Millionen Kinder, davon 2,5 Millionen auf Sozialhilfe-Level, das seither nicht gestiegen ist. In 25 Jahren werden in Deutschland weniger als zehn Millionen Kinder leben, davon vier bis fünf Millionen in der Sozialhilfe.

Woran liegt das?

Hilgers Kinder werden nunmal eher in Chorweiler als in Lindenthal geboren; auch bei uns ist der Geburtenrückgang in Zons oder Delhoven stärker als in Hackenbroich oder Horrem. Das hört sich erstmal an wie bei Sarrazin, aber die Zahlen für die nächsten 25 Jahre sind richtig, denn die Mütter der künftigen Kinder sind ja schon geboren. Aber der Kinderschutzbund hat ein anderes Menschenbild: Wir glauben an individuelle Stärken, die man durch Wertschätzung und frühe Hilfe zur Selbsthilfe entwickeln kann. Ich bin für den vorsorgenden, nicht versorgenden Staat. Diese Haltung prägt auch das Dormagener Modell.

Sind Sie Chef-Lobbyist der Kinder?

Hilgers Ich sehe mich in tragender Rolle; ich stehe über Arbeitsgruppen in Berlin in ständigem Dialog mit der Bundesregierung. Es ist Zeit, sich um die Kinder zu kümmern, die heute leben. Und nicht von denen zu träumen, die nicht geboren werden — trotz Elterngeld. Das Finanzielle allein bringt keine Akademikerin dazu, sich für ein Kind zu entscheiden.

Ist der Kinderschutzbund ein effizientes Instrument für die Lobby-Arbeit?

Hilgers Ja, der Apparat ist nicht groß, und es gibt keinen Verband, der mit so wenig Bürokratie auskommt — mehr als fünf Prozent des Budgets für die Verwaltung auszugeben, ist tabu. 93 Prozent des Budgets müssen wir durch Spenden oder Beiträge erwirtschaften, nur sieben Prozent bekommen wir vom Staat.

Unser Verhältnis zu Kindern scheint zwischen extremer Fürsorge und Förderung und Missachtung zu pendeln.

Hilgers Ja, und das ist für unsere Gesellschaft gefährlich. Auch früher gab es oben und unten, aber Aufstiegsmöglichkeiten. Heute gibt es oben, unten und draußen. Es gibt seit den 1980er Jahren eine wachsende Bevölkerungsgruppe, die resigniert hat — und mit ihr die Kinder.

Sie resignieren nicht. Woher gewinnen Sie die Energie?

Hilgers Aus meinem humanistischen Menschenbild, meiner christlichen Erziehung und natürlich aus der Familie.

Heiko Schmitz führte das Gespräch

(NGZ)