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Dormagen: Kinderschuh von 1870 entdeckt

Dormagen : Kinderschuh von 1870 entdeckt

Der Archäologe Jost Auler hat bei der Renovierung seines Nebenerwerbshofs an der Biesenbachstraße einen Kinderschuh aus dem 19. Jahrhundert entdeckt – und ist bei der Recherche auf eine alte Tradition gestoßen.

Der Archäologe Jost Auler hat bei der Renovierung seines Nebenerwerbshofs an der Biesenbachstraße einen Kinderschuh aus dem 19. Jahrhundert entdeckt — und ist bei der Recherche auf eine alte Tradition gestoßen.

Plötzlich war der Kinderschuh auf der Schaufel eines Helfers. Ein Spangenschuh, florales Muster, Ledersohle, Größe 22, gut erhalten — "er muss dort trocken und gut geschützt gelegen haben", sagt Jost Auler. Der Stürzelberger Archäologe hat den Schuh bei Renovierungsarbeiten an seinem Nebenerwerbshof an der Biesenbachstraße entdeckt — und stieß bei der weiteren Recherche auf eine alte Tradition, das Phänomen der eingemauerten Schuhe oder "conceales shoes".

Dabei wurde ein eingemauerter, benutzter Kinderschuh als Glücksbringer betrachtet. "Der Schuh sollte dort verborgen und unentdeckt bleiben — für alle Ewigkeit", meint Auler. So sah es der Volksglaube vor. "Insgesamt weit über tausend solcher Schuhfunde sind bekannt, im Rheinland allerdings bisher erst vier", erklärt Auler. In Erkrath, in Schloss Liedberg, in Troisdorf und nun in Stürzelberg.

Immer in der Nähe der Ausgänge eines Hauses wurde der Schuh verborgen: an Kaminstellen, in der Nähe des Daches oder in vermauerten Hohlräumen über Fenster- und Türstürzen. Wo genau der Stürzelberger Kinderschuh versteckt war, kann Jost Auler nicht genau sagen. "Der Schuh lag in einem Schutthaufen und ist dann auf die Schaufel gelangt", mutmaßt der Archäologe.

Seinen Nachforschungen zufolge stammt der Bauschutt indes überwiegend von Räumarbeiten unter dem Dachstuhl des älteren Hauses. "Dort waren die Hohlräume zwischen den Sparren des Daches und der Fußpfette auf dem Drempel grob gesäubert worden", sagt der Archäologe. Es fanden sich unter anderem alte Dachziegel und Strohpuppen. Schriftquellen gibt es über den Brauch nicht, er sei von der Wissenschaft kaum beachtet worden. Dennoch meint Jost Auler: "Die Praxis des Schuh-Einmauerns ist als Brauchtum über Jahre hinweg tradiert."

Die ältesten Exemplare datieren ins 14. Jahrhundert; bis ins 16. Jahrhundert wurde der Brauch zunehmend beliebter. Im Industriezeitalter — also zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert — wurden am meisten Schuhe verborgen. Auler schätzt das Herstellungsdatum des Schuhs aus Stürzelberg auf grob 1870. Möglich ist es aus Sicht des Archäologen, dass der Schuh aus einer Manufaktur in Stürzelberg stammt. Erinnert werden soll an den Brauch bald in der Ausstellung "Schuhtick", die noch in diesem Jahr im Landesmuseum Bonn zu sehen sein wird.

Die Tradition des "concealed shoes" will Jost Auler fortführen. Er kann sich vorstellen, den alten Schuh wieder einzumauern. Und nicht nur das. Auch einen Schuh seiner eigenen Tochter will Jost Auler verbergen. Welcher das sein könnte, darum muss er noch mit seiner Tochter ringen.

(NGZ/rl)