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Dormagen: "Kaum Luft für Einsparungen"

Dormagen : "Kaum Luft für Einsparungen"

Rathaus-Dezernent Gerd Trzeszkowski spricht im NGZ-Interview über den steigenden Bedarf an Plätzen in der U3-Betreuung und das Baby-Begrüßungspaket sowie über die Einsparungen im Kulturbereich.

Herr Trzeszkowski, die Stadt strebt bei der U3-Betreuung statt der geforderten 35 Prozent eine Betreuungsquote von 40 Prozent an. Klingt gut, reicht aber offenbar bei weitem nicht aus. Legt die Stadt noch nach?

Gerd Trzeszkowski Wahrscheinlich ja, weil der Bedarf sich so entwickeln wird. Ende Februar wird dem Jugendhilfeausschuss eine aktuelle Bedarfsentwicklung vorgelegt. Natürlich muss angesichts der Haushaltslage die Frage gestellt und beantwortet werden, wer zusätzliche Plätze bezahlt. Eltern werden sich wahrscheinlich darauf einstellen müssen, dass nicht jedem Wunsch nach einem Platz in einer Einrichtung in ihrem Stadtteil entsprochen werden kann.

Das ist nicht gerade das, was Eltern mit Kleinkindern hören möchten.

Trzeszkowski Mehr können wir nur dann tun, wenn derjenige, der die Musik bestellt, sie auch bezahlt.

Sie haben das "Dormagener Modell" mitentwickelt. Ein Projekt zur Prävention von familiärer Gewalt und Kindesmissbrauch. Muss dort mehr getan werden?

Trzeszkowski Weil sich die Situation von Familien verändert, muss auch das Dormagener Modell ständig angepasst werden. Wir wollen auch Angebote über die Pubertät hinaus machen. Aus unserer Sicht muss es mehr Hilfestellungen beim Übergang von der Schule in den Beruf geben. In der Stadt gibt es schon viel, angefangen beim Jugendzentrum "Sprung(s)chance" über die Lerntrainer bis hin zum Netzwerk für Familien als niederschwelligem Treff in den Stadtteilen.

Wie kommt das Baby-Begrüßungspaekt bei den Eltern an?

Trzeszkowski Uns liegen keine negativen Rückmeldungen vor. Der Besuch der Sozialarbeiter wird im Gegenteil oft sogar förmlich eingefordert und danach gefragt.

Wie problematisch sind die Besuche?

Trzeszkowski Zu 70 Prozent absolut problemlos. Bei den restlichen Besuchen sind die Begegnungen intensiver und mit längeren Gesprächen und detaillierteren Informationen verbunden. Bei jedem 20. Besuch ist tatsächlich eine oft ambulante Hilfestellung notwendig. Aber das rechnet sich, die Stadt gibt in der Summe weniger Geld für stationäre Hilfen zur Erziehung aus.

Wie geht es eigentlich dem Findelkind Marie, das im November in Rheinfeld ausgesetzt wurde?

Trzeszkowski Marie geht es in ihrer neuen Familie, die sie adoptieren will, gut. Die leibliche Mutter kennen wir nach wie vor nicht.

Ein anderes Thema: Wie läuft die Zusammenarbeit mit dem Integrationsrat?

Trzeszkowski Die Arbeit des Integrationsrates ist beispielhaft. Da wird mit wenigen Mitteln viel bewegt. Zu nennen ist das "Rucksack-Projekt", das wöchentlichen Deutsch-Unterricht für die Mütter anbietet. Wir haben 30 000 Euro vom Land Nordrhein-Westfalen als Zuschuss für ein Projekt der Stadt bekommen, das auf Initiative des Integrationsrates ins Leben gerufen wurde. Durch ein neues Monitoring-System sollen Erfolge, aber auch Defizite der Integrationsarbeit besser sichtbar gemacht werden.

Was könnte besser laufen?

Trzeszkowski Wir haben in Dormagen über hundert verschiedene Nationalitäten. Davon beteiligen sich relativ wenige an der Arbeit.

Wie ist der Kulturbereich unter Kosten- und Einsparungsgesichtspunkten aufgestellt?

Trzeszkowski Der Gesamtbereich mit Kultur, Sport, Bücherei und VHS verursacht ein Defizit von jährlich rund 4,6 Millionen Euro. 250 000 Euro sollen dauerhaft eingespart werden, davon haben wir 130 000 Euro erreicht, der Kostendruck bleibt also. Darüber hinaus sehe ich in der jetzigen Organisationsform kaum "Luft" für weitere Einsparungen, da sind wir ausgereizt.

Bleiben alle Angebote so wie bisher?

Trzeszkowski Alle Leistungen und Angebote müssen kostengünstig gestaltet werden. Gesamtstädtisch sind wir auch in der Pflicht, wir müssen uns die Kitas und Sportanlagen anschauen. Auf Dauer lassen sich auch nicht alle Grundschulen in den Stadtteilen erhalten.

Zum Sport: Der DHC will eine Spielgemeinschaft mit der HSG Düsseldorf bilden. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Trzeszkowski Als Mitglied des Fördervereins glaube ich, dass ein Stück der Identität mit der Stadt verloren gehen kann. Ich bedauere diese Entwicklung, obwohl sie wirtschaftlich anscheinend sinnvoll ist.

Carina Wernig und Klaus D. Schumilas führten das Gespräch

(NGZ)