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Dormagen: Japaner erholt sich in Dormagen

Dormagen : Japaner erholt sich in Dormagen

Eine Woche lang hat Chihiro Ishii in einer Stürzelberger Gastfamilie gelebt. Er war eines von 20 Kindern aus Fukushima, die im Rhein-Kreis Neuss Urlaub machten. Zum Abschluss ging's gestern in die Neusser Skihalle.

Chihiro Ishii wird um 8 Uhr geweckt. Er springt aus dem Bett, verbeugt sich davor und faltet Decke und Kissen so zusammen, dass es aussieht wie in einem 5-Sterne-Hotel. Gastmutter Simone Mast ist begeistert. So viel Ordnungsliebe kennt sie nicht. "Ist wohl die japanische Mentalität", sagt sie. Chihiro kommt aus der Region Fukushima und war eine Woche zu Gast bei der Familie.

Gestern besuchten Chihiro Ishii und die anderen Kinder aus Fukushima zum Abschluss ihrer Deutschlandreise die Neusser Skihalle. Foto: Lothar Berns

Der Kreissportbund hatte den Austausch für Kinder aus der japanischen Katastrophen-Region organisiert und ein buntes, natürlich auch sportliches Programm auf die Beine gestellt. So legte Chihiro beim TSV Bayer das Sportabzeichen und das Seepferdchen ab, besuchte den Kölner Dom und die Skihalle.

Simone Mast hatte von der Aktion in der Zeitung erfahren. "Sie war sofort begeistert", erinnert sich ihr Mann Olaf, "sie hat angerufen und uns angemeldet." Eine gute Entscheidung, finden alle. Wenn Chihiro heute zurück nach Hause fliegt, werden sie auf eine tolle Woche zurückblicken können.

Simone und Olaf Mast jedenfalls sind begeistert vom "sozialen Verhalten" ihrer Kinder Tim und Marie. "Die haben sich einfach verstanden, obwohl sie zwei verschiede Sprachen sprechen." Nur selten musste ein Wörterbuch oder die Übersetzungshilfe auf dem Handy helfen.

Tim und Marie organisierten auch einen Ausflug außerhalb des offiziellen Programms: In Düsseldorf sah Chihiro den 4:1-Sieg von Fortuna. "Es hat ihm irrsinnig viel Spaß gemacht", sagt Olaf Mast. Der 10-jährige Japaner habe den Fangesängen fasziniert zugehört und "viele Fotos gemacht". Auch vom schönen, im Grünen gelegenen Haus der Familie — und den offenen Fenstern.

Die kennt Chihiro seit dem Reaktorunglück nicht mehr von zu Hause. "Er hat uns erzählt, dass sie dort die Fenster geschlossen halten sollen und Sport im Freien nicht mehr erlaubt ist", sagt Simone Mast. "Das ganze Ausmaß der Katastrophe ist noch lange nicht bekannt", befürchtet Olaf Mast. Einige Details kennt die Familie. Das Haus von Chihiros Familie wurde nicht beschädigt. Doch er muss auf eine neue Schule. Viele seiner Freunde leben in Notunterkünften. Und über allen schwebt die Ungewissheit, sagt der Übersetzer Shigeru Tada. "Jeder muss mit Folgen der Strahlung rechnen."

Chihiro lässt sich nichts anmerken. "Er muss sicher viel unterdrücken", vermutet Simone Mast. "Chihiro zeigt seine Gefühle nicht so offen", sagt die 42-Jährige. Doch Chihiro öffnet sich. "Man hat ihm immer stärker angesehen, wenn er sich freut", sagt die Gastmutter. Auch bei der Ordnung passte sich der 10-Jährige an. Schon am zweiten Morgen hielt er es mit dem Bett machen wie Tim und Marie: Er ließ Decke und Kissen, wie sie waren. Mutter Simone durfte es richten.

(NGZ/rl)